Inklusion, Aktion Mensch-Blog

„Sie sitzen ja im Rollstuhl“

Höhen und Tiefen bei der Jobsuche: Marie Gronwald, den Hochschulabschluss in der Tasche, berichtet von ihren Erfahrungen mit einem Berliner Jobcenter.

Jobcenter der Agentur für Arbeit: „Das geht nicht“ Foto: Bernd Schwabe / wikimedia.org

Wie die Leser dieses Blogs wissen, habe ich im Sommer letzten Jahres mein Masterstudium mit Erfolg abgeschlossen und bin jetzt arbeitssuchend. Für mich stand immer fest, dass ich nach dem Studium arbeiten möchte, sehr gerne im Bereich Journalismus oder Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Das Bezirksamt, das mich bei der Miete meiner rollstuhlfreundlichen Wohnung unterstützte, erinnerte mich daran, mich beim Jobcenter arbeitssuchend zu melden. Dieses tat ich im Juli und bekam darauf hin ein sogenanntes „Arbeitspaket“ zugeschickt und einen Termin zu einem Erstgespräch bei meinem Jobberater.

„Wir müssen prüfen, ob Sie arbeitsfähig sind“

Im September ging ich also zum Erstgespräch mit meinem ausgefüllten Arbeitspaket. Vorher hatte ich aus irgendeinem Grund und einem mulmigen Gefühl schon bei der Beratungshotline des Jobcenter angerufen und versucht, sie auf meine Körperbehinderung und meinen Rollstuhl einzustellen. Aber dort wurde mir nicht richtig zugehört. Man sagte mir, es gibt kein Kästchen auf dem Formular für die Behinderung, und deswegen ist das auch nicht so wichtig. Ich schrieb es trotzdem auf und schickte die Unterlagen in Kopie an das Jobcenter. Meine Erstberaterin tippte in ihren Computer, als wir das Zimmer betraten, dann telefonierte sie und sagte, sie wäre gleich für mich da. Als sie endlich den Blick hob, hatte mir meine Assistentin bereits die Jacke ausgezogen. Sie sah mich an, dann richtete sie ihren Blick auf meine Assistentin. „Sie sitzen ja im Rollstuhl“, sagte sie schließlich. „Das geht nicht“, fuhr sie fort. „Dann müssen wir Sie erst mal zum Arzt schicken. Er muss prüfen, ob Sie in der Lage sind, zu arbeiten“.

„Das ist Vorschrift“

Ich erklärte ihr, dass ich zwei Studiengänge absolviert habe, Philosophie, Germanistik und Literaturwissenschaft, und dass ich neben meinem Studium schon immer ein bisschen als Autorin und Journalistin gearbeitet habe. Sie sagte: „Germanistik, das ist schön. Na ja, aber wir müssen wissen, ob Sie in der Lage sind, zu arbeiten. Das ist Vorschrift.“ Meine Unterlagen und Zeugnisse wollte sie sich erst ansehen, wenn mein Untersuchungsergebnis von dem Arzt positiv bestätigt war. Sie nannte mir eine Adresse, an die ich meinen „Gesundheitsfragebogen“ schicken musste. Der Gesundheitsfragebogen ist ein zehnseitiges Dokument, in dem ich meine gesamte Krankengeschichte offen legen muss und alle Ärzte von der Schweigepflicht, also der Pflicht, keine Einzelheiten zu meinem Gesundheitszustand an Dritte weiter zu geben, entbinden musste. Wenn ich diese Formulare nicht ausfüllen würde, würde ich meiner Mitwirkungspflicht nicht nachkommen und hätte keinen Anspruch auf Unterstützung oder Beratung. Ich füllte also noch am selben Tag den Gesundheitsfragebogen aus, machte eine Kopie und sendete ihn an die Arbeitsagentur, die Adresse, die mir die Beraterin genannt hatte. Zwei Wochen später erhielt ich einen Brief vom Jobcenter, endlich meinen Gesundheitsfragebogen einzureichen. In der Zwischenzeit rief schon meine Krankenkasse an, um sich bei mir nach meinem Status zu erkundigen, denn ich war offiziell keine Studentin mehr und auch nicht beim Jobcenter und der Arbeitsagentur als arbeitssuchend gemeldet.

Direkt nach dem Studium in die Rente?

Ich ging immer wieder zum Jobcenter, und schließlich sagte man mir, ich solle mir doch mal überlegen, Rente zu beantragen in meiner Situation. Dann hätte ich keine Probleme mehr. Rente mit Anfang 30? Nach zehn Jahren Studium und einem sehr guten Studienabschluss? Das konnte ich mir unter gar keinen Umständen vorstellen! Alle meine Freunde machten irgendetwas, und die Vorstellung, in Rente zu gehen, ohne vorher richtig gearbeitet zu haben, war und ist absurd für mich. Die Arbeitsagentur teilte mir schließlich mit, sie sei für mich nicht zuständig. Ich musste wieder zurück zum Jobcenter. Mein Gesundheitsfragebogen war in der Zwischenzeit – genauso wie meine positive Einstellung und mein Enthusiasmus – verschwunden. Jetzt waren bereits Wochen vergangen, und noch immer hatte ich nichts; keinen Termin beim Arzt, keine finanzielle Unterstützung und auch keine Beratung. Schließlich ging ich hin und verlangte, einen Behindertenbeauftragten im Jobcenter zu sprechen. Man sagte mir, es gebe keinen. Aber das konnte ich mir nicht vorstellen. Jede kleine Firma hat inzwischen einen Mitarbeiter für die Belange der Menschen mit Behinderung. Endlich bekam ich einen Namen und einen Termin. De Mann war sympathisch und offen und schaute sich zum ersten Mal meine Unterlagen und das Arbeitspaket an. Er sagte, ich müsse nicht zum Arzt. Denn ich hätte durch mein Studium schon bewiesen, dass ich arbeiten könne.

Miss Marple und Bonbons

Leider folgten diesen Worten keine weiteren Taten. Die Zuständige für die Finanzen bestand weiter auf den Arztbesuch, und der Behindertenbeauftragte war ab diesem Zeitpunkt nicht mehr zu erreichen. Anfang November ging ich schließlich mehr oder weniger verzweifelt und ratlos und mit einem Kontoauszug zum Jobcenter und erklärte, dass ich nicht mehr wisse, wovon ich die nächste Miete bezahlen solle. Ich musste wieder lange warten und landete schließlich bei einer netten Frau im Großraumbüro, die mir Kekse und Bonbons anbot, während sie telefonierte, um meinen Fall zu klären. „Ich bin jetzt Miss Marple für Sie, Frau Gronwald.“ Eine halbe Stunde später hatte sie mit sechs Leuten telefoniert, festgestellt, dass ich arbeitsfähig bin und auch meine Sachbearbeiterin davon überzeugt. Eine Woche später hatte ich wieder Geld auf dem Konto und konnte meine Miete zahlen. Jetzt bewerbe ich mich fleißig mit der Zuversicht, dass ich bald etwas finden werde. Im März läuft mein Antrag auf Unterstützung beim Jobcenter aus. Hoffentlich gerate ich dann wieder an so eine coole Miss Marple.


Linktipps:
Das Handlungsfeld "Am Arbeitsplatz" der Aktion Mensch
Mehr Infos zum Thema Berufstätigkeit von Menschen mit Behinderung beim Familienratgeber
Der Fall – oder: Wenn man uns ließe! Ein Blogbeitrag von Anastasia Umrik über Hürden und Pauschalisierungen bei der Jobsuche
Bewerbung mit Handicap. Ein Blogbeitrag von Katja Hanke über Bewerbungsratgeber für Menschen mit Beeinträchtigungen
Jobsuche als blinder Akademiker: Ein Erfahrungsbericht. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über seinen beschwerlichen Weg auf den ersten Arbeitsmarkt

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Miss Lobby

Deine Schilderung kommt mir bekannt vor. Genauso war es bei mir auch. Ich habe ein Medizinstudium mit Stipendium hintermich gebracht und saß am Ende im Rollstuhl.dennoch gibt es viele Möglichkeiten. Ich kam zum Amt und die Leute dort wußten wohl nicht, was Arbeit bedeutet, sondern nur, wie man sich erleichternde Umstände verschafft, um die "Arbeit" woanders hin zu schieben und so ein "Problem" zu lösen. Sich nicht mal im eigenen Laden auszukennen ist eine Sache, so zu tun, ist eine andere. Das hat dann mit "Organisationsfähigkeit" u.a. zu tun oder es auszuhalten, dass der Kunde evtl beim Kollegen besser bedient wird. Bei all dem wird oft vergessen, dass das die Würde inzwischen bei vielen in Vergessenheit geraten ist. Das coolste ist es, wenn der Bearbeiter vor Ort, einem so überzeugend beschwatzen kann, dass ein widerspruch nicht nötig ist, man dies unterschreibt, geht und die Frist verstreicht. Eigentlich doch kriminell, oder? Oder wenn einem ständig weisgemacht wird, dass der Arbeitgeber finanzielle Unterstützung bei der Einstellung erhält. Erst soll man dann zum Vorstellungsgespräch und je nachdem, was rauskommt, woll dann entschieden werden, ob unterstützt wird. Dann wird man gefragt, wo es denn hakt, schließlich kann man den Job ja ausführen und man hat sich bei einer Firma MIT Aufzug beworben, ist doch klar, ist doch sinnvoll.Und dann ist man plötzlich kein Reha-Fall mhehr sondern so gleich wie jeder Unbehinderte. Worin sollendenn dann die Arbeitgenber unterstüzt werden? Darin, dass nachträglich die von Ihnen bezoigenen Gebäude barrierfrei gebaut werden, was eigenltich laut Gesetz schon vor der Erbauung hätte sein sollen, und damit eigentlich unabhängig von dem Bewerber an sich sein sollte. Usw und so fort.Wann kommt die Schadensersatzzahlung vom Staat wegen falscher Beratung bei der Behörde? Eine, die nicht aufs Einkommen dann wieder angerechnet wird, und auf die andere Seite fließt, sondern als verdientes Entgelt für Arbeit, die man aushilfsweise annahm.

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