Aktion Mensch-Blog

Sich von seelischen Belastungen freispielen

"die freiräumer": eine inklusive Theatergruppe in Schwerin erobert die Region

Die Schweriner freiräumer mit einem spontanen Gruppenbild zum Thema "höfische Szene" Fotos: Brigitte Muschiol

Drei Gehminuten östlich von Schwerins malerischem Pfaffenteich, im Stadtteil Schelfstadt, proben die freiräumer in den historischen Gemäuern der Kulturwerkstatt "freiraum26" regelmäßig für ihre Auftritte. die freiräumer sind eine integrative Theatergruppe, in der sich Menschen mit und ohne psychische Beeinträchtigungen engagieren. Hinter den freiräumern steht die Initiativgruppe Sozialarbeit e.V. Schwerin (ISA). Sie will Menschen mit seelischen Belastungen auf künstlerischen und kulturellen Wegen in ihrer Entwicklung fördern und die Öffentlichkeit für die Thematik sensibilisieren. Die Aktion Mensch unterstützt das Theaterprojekt und den weiteren Aufbau der Künstlerwerkstatt mit rund 62.700 Euro.

Das feste Ensemble der freiräumer besteht aus gut einem Dutzend erwachsener Laienschauspielerinnen und -schauspieler. Durch ihre künstlerische Arbeit wollen sie die kulturelle Vielfalt in Schwerin und im Umland bereichern. Je nach Projekt wächst die Kerngruppe oft noch um mehrere Interessierte an, die sich gemeinsam in der angeschlossenen Künstlerwerkstatt um Kulissen, Requisiten, Masken, Kostüme, Bühnentechnik, Musik und Werbung kümmern. "Wir freiräumer sind Menschen wie Du und ich und wie der von nebenan", sagt Helga Treutler, Sozialpädagogin und künstlerische Leiterin der Gruppe. Was sie jedoch benötigten, sei besondere seelische Zuwendung und die Ermutigung, trotz ihrer psychischen Beeinträchtigungen aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Ein gewachsenes Ensemble mit kreativem Ansatz

Im Vordergrund der Theaterarbeit der freiräumer stehen die Entwicklung der eigenen Kreativität und die Erweiterung der individuellen Grenzen. "Bei uns geht es mehr um das Hineinfinden in eine Rolle als um das Auswendiglernen fester Texte", erklärt Helga Treutler. Seit der Gründung vor zwei Jahren hat sich das Ensemble schon ein vielseitiges Repertoire an Performances und kreativen Ausdrucksformen aufgebaut. Dabei wendet es sich gern aktuellen und zeitkritischen Themen zu. So unterstützten die freiräumer 2012 den ebenfalls von der Aktion Mensch geförderten Schweriner Hilfsverein Querfeldein bei seinem Bemühungen, auf den Mangel an Sitzbänken und barrierefreien Zugängen zu Geschäften in der Feldstadt hinzuweisen. Mit ihren Aktivitäten zum Thema "Barrieren überwinden" sorgten die Theaterleute für mehr öffentliche Aufmerksamkeit.

Um ihre Bandbreite der künstlerischen Möglichkeiten zu erweitern, veranstalteten die freiräumer im April einen professionellen Workshop zum Improvisationstheater. In kurzen Spielszenen – allein, zu zweit, zu dritt oder in der Gruppe – waren die Teilnehmer gefordert, auf Stichworte oder Gesten spontan zu reagieren und die Szenen weiterzuentwickeln. Die darstellende Künstlerin und Workshop-Leiterin Chady Seubert aus Hasenwinkel bei Pritzwalk brachte ordentlich Tempo ins Geschehen. Für Zweifel und andere blockierende Gedanken blieb keine Zeit. Die Spielfreude setzte sich durch, und die eigene Intuition erwies sich als zuverlässige Quelle der Kreativität. Hilfreich war sicherlich, dass sich die freiräumer schon länger kennen und um ihre Grenzen und die der anderen Teilnehmer wissen und sie respektieren. "Dazu gehört auch, dass sich die Befindlichkeit der Menschen durch ihre psychischen Belastungen unvorhersehbar verändern kann und diese Schwankungen in der Gruppe einen geschützten Raum haben", sagt Helga Treutler.

Schriftliche Befragung: Die freiräumer erleben die Theaterarbeit als positiv für ihr Leben

Doch trotz der Überwindungen, die sie manches Mal kosten mag: Die Theaterarbeit lieben alle. Und sie trägt Früchte, wie aus einer schriftlichen Befragung des Vereins ISA unter den Gruppenteilnehmern hervorgeht. Darin wurde unter anderem nach der Auswirkung auf das Leben im Allgemeinen und auf die seelische Gesundheit im Besonderen gefragt. Ein Teilnehmer antwortete, er nehme von den Proben "ein gutes Gefühl" und "Vertrauen in meine Fähigkeiten" mit. Die Theaterarbeit habe "durchweg positive Auswirkungen" auf seine Seele. Eine Frau fühlt sich im Selbstbewusstsein gestärkt. Sie sei jedes Mal beeindruckt, über welchen "Schatten" sie wieder gesprungen sei. Eine andere Teilnehmerin berichtet von einer neuen sozialen Erfahrung: Üblicherweise stehe sie entweder abseits oder sei im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. In der Theatergruppe lerne sie jetzt, sich in eine Gemeinschaft einzufügen.

Inzwischen haben sich die freiräumer schon einen Namen in Schwerin und der Region gemacht. Das belegt eine stattliche Anzahl an Auftritten. So wirkten sie etwa im Juni 2012 beim Tag der offenen Tür im Landtag Mecklenburg-Vorpommerns im Schweriner Schloss mit. Zu den Highlights gehören auch die Teilnahme mit Masken am Festumzug 2011 anlässlich der 825-Jahr-Feier Schwerins, Aktionen im Schweriner Zoo zur Inklusion und Barrierefreiheit sowie ein Auftritt am "Tag der Ehemaligen" in den Kliniken für Menschen mit Burnout. Noch in den Anfängen steckt eine Kooperation mit dem Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin. Sie soll aber weiter ausgebaut werden.

Mitstreiter gesucht!

Neue Mitglieder sind bei den freiräumern immer willkommen. Dabei muss es nicht allein um Schauspielarbeit gehen. Wer lieber hinter den Kulissen bleiben will, findet in der künstlerischen Werkstatt viele Möglichkeiten sich einzubringen: bei der Fertigung von Kostümen, beim Bau von Masken oder Kulissen oder bei der Bühnentechnik zum Beispiel. Wer sich unverbindlich über die Möglichkeiten informieren möchte, meldet sich unter der Telefonnummer 0385-59 23 803.


Linktipps:
„Menschen spielen Menschen“. Ein Blogbeitrag von Carmen Molitor über das Theaterstück "Unter Irren" des integrativen Ensembles der Opernwerkstatt am Rhein
"Unsere Geschichten" – getanzt, gesungen, gespielt. Ein Blogbeitrag von Brigitte Muschiol über ein Theaterstück von Kindern und Jugendlichen aus Migrationsfamilien
"Die Ästhetik des Ungewöhnlichen inszenieren". Ein Interview im Blog von Carmen Molitor mit Gründerin Gerda König über die Kölner Tanzcompany DIN A 13
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