Filmfestival, Aktion Mensch-Blog

Sexualität zum Ausdruck bringen

Ein Gespräch mit Matthias Vernaldi – „Sexybilities“ Berlin

"Sexybilities"-Mitbegründer Matthias Vernaldi (Foto: Hannes Kessler)

„Ein guter Orgasmus ist manchmal mehr wert als drei ergotherapeutische Sitzungen“, sagt Rachel Wotton. „Rachels Weg. Aus dem Leben einer Sexarbeiterin“ ist einer der sechs Filme, die während des Filmfestivals „überall dabei“ in 40 deutschen Städten zu sehen sind. Der Dokumentarfilm nähert sich auf eindrucksvolle Weise dem Tabuthema Sexualität und Behinderung. Im Mittelpunkt steht die lebensfrohe, selbstbewusste und politisch engagierte australische Sexarbeiterin Rachel. Sie hat sich spezialisiert auf Kunden, für die es oft schwierig oder unmöglich ist, ihre sexuellen Wünsche auszuleben: Menschen mit Behinderung.
Auch in Deutschland gibt es Initiativen, die das Thema Behinderung und Sexualität aufgreifen und dazu beraten. Und – falls erwünscht und möglich – Kontakte zu sexuellen Dienstleistern vermitteln. Ich habe mit Matthias Vernaldi, Mitbegründer der Berliner Initiative „Sexybilities – Sexualität und Behinderung“, über seine Beratungstätigkeit gesprochen.


Herr Vernaldi, Sie haben „Sexybilities“ in Berlin mitgegründet. Was steckt hinter dem ungewöhnlichen Namen?
„Sexybilities“ bietet Beratung nach dem Peer-Counseling-Prinzip, das heißt, Betroffene beraten Betroffene. Ganz häufig tritt die Frage auf, wie sexuelle Dienste in Anspruch genommen werden können. Sprich: die Frage nach weiblichen, aber auch männlichen Dienstleistern, die für behinderte Gäste offen sind. Leider gibt es diesbezüglich eine große Zurückhaltung und auch Berührungsängste gegenüber dem behinderten Körper. Außerdem erkundigen sich viele Anrufer nach der Barrierefreiheit von Bordellen.

Leidenschaft, Zärtlichkeit und Liebe lassen sich nicht einfordern wie Rampen an öffentlichen Gebäuden. Wie steht es um die Barrierefreiheit und Inklusion von Menschen mit Behinderung in der Sexualität?
Richtig, Äußerlichkeiten lassen sich einfordern. In Berlin beispielsweise gibt es einige Bordelle, die für Rollstuhlfahrer zugänglich sind. Aber dann wird es schon schwieriger. Von den 20 Frauen, die in einem Bordell pro Schicht arbeiten, stellen sich vielleicht nur vier vor, weil du im Rollstuhl sitzt. Aber das ist eben die Realität, mit der wir behinderten Menschen bis auf weiteres leben müssen. Es ist auch Realität, dass viele Menschen mit einer Schwerbehinderung noch nie Sexualität mit einem anderen Menschen erlebt haben.

Was muss auf dem Weg zu mehr Inklusion verbessert werden?
Es muss gelingen, Körperlichkeit, die nicht in die traditionellen Parameter des Begehrens passt, zum Thema zu machen. Wir, die Menschen mit Behinderung, müssen versuchen, das zu erreichen, was die schwule und die „queere“ Community geschafft haben. Nämlich ihre Körperlichkeit einzubringen in den Mainstream. Begehren lässt sich nicht von der Gesellschaft einfordern. Wir müssen mutig sein und unsere Wünsche, unsere Vorstellung und unsere Sexualität zum Ausdruck bringen. Voraussetzung dafür ist, dass Menschen mit Behinderung mitten in der Gesellschaft leben und arbeiten und nicht länger ausgesondert werden.

Sie haben den Film „Rachels Weg“ bereits gesehen. Wie hat er Ihnen gefallen?
Der Film bringt das Thema Sexualität bzw. Prostitution und Behinderung auf die Leinwand. Das ist sehr gut! Ich sehe ihn aber auch kritisch. Die Protagonistin, Rachel, steht extrem im Mittelpunkt, und ihre Kunden, die Menschen mit Behinderung, dienen eher als schmückendes Beiwerk. Ich hatte den Eindruck, Rachel gewährt ihren Kunden die Gnade ihrer Zuwendung. Auch kommen mir die Rechte von Menschen mit Behinderung etwas zu kurz. Die Frage, wie Menschen mit einem hohen Hilfebedarf selbstständig in der Gesellschaft leben können, wird leider nicht thematisiert.


„Rachels Weg“ läuft am Sonntag, 23. September um 17 Uhr in Berlin und am 25. September um 20 Uhr in Weimar. Matthias Vernaldi wird im Anschluss an die Filmvorführungen an den Podiumsdiskussionen teilnehmen.


Mehr Informationen über Matthias Vernaldi und die Initiative „Sexybilities“

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