Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Sex and the City – jetzt auch im Rollstuhl

Die amerikanische Doku-Soap "Push Girls" erzählt aus dem Leben von vier Rollstuhlfahrerinnen. Ein Kommentar.
 

Der Rollstuhl als Accessoire

Sie sind schön und erfolgreich. Vier junge Frauen aus der amerikanischen Mittelschicht. Ihre Themen: Beruf, Glück, Individualität, Sport, Männer, Flirten, Sex, Schuhe und Mode. Ihre Berufe: Model, Tänzerin, Designerin und Sportlerin. Erfolgreich und willensstark. Auf den ersten Blick bildhübsch und cool. Die Verkörperung des amerikanischen Traums. Der besondere Makel als Garant für Erfolg: Angela, Auti, Mia und Tiphany sind "Push Girls", und dass nicht nur, weil sie selbstbewusst, schön und schlank sind, sondern weil sie sich über den Bildschirm und durch ihr Leben in einem Rollstuhl bewegen. Der Rollstuhl wird hier zu einem besonderen Accessoire. Er sorgt für die Emotionalität der Serie. Für den besonderen Empathie- und Überwindungseffekt, dem sich alle vier stellen müssen. Sie müssen ihr Schicksal überwinden, akzeptieren und annehmen. Dieses bildet den Rahmen der Serie.

Glaube, Liebe, Freundschaft und Hoffnung

Neben der Überwindung und Annahme des Schicksals, körperbehindert zu sein, sind die besonderen emotionalen Zutaten der Serie vor allem die Überstrapazierung der Worte Freundschaft, Glaube oder Schicksal. Drei der vier sind querschnittsgelähmt. Sie haben ihre Behinderung durch schwere Autounfälle erworben. In der Serie kehren sie zum Beispiel an den Unfallort zurück oder konfrontieren sich zum ersten Mal wieder mit Mutter und Vater, die die Behinderung der Tochter nicht ertragen konnten und ihr deswegen den Rücken gekehrt haben. Alles wird mit Hilfe von Gott und dem Schicksal erklärt und erträglich gemacht – eben typisch amerikanisch.

Telegen behindert

Unsere vier Heldinnen sitzen im Rollstuhl, und der Rollstuhl behindert sie nicht. Das sagen sie in der Serie immer und immer wieder, wie ein Mantra. Es fällt auf, dass sich drei der vier extrem gut selbstständig bewegen können. Sie sind von der Hüfte abwärts gelähmt und im Oberkörper voll beweglich, machen Sport, fahren Auto oder tragen High Heels mit extrem hohen Absätzen. In einer Szene wird sogar erklärt, wie man Absatzschuhe trägt, wenn man im Rollstuhl sitzt. Sie sind "perfekt behindert", genau richtig für die Kamera.

Ein schwarzes Schaf gibt es immer

Auch wenn man die meiste Zeit selbstständige und aktive Protagonistinnen sieht, zeigt die Serie auch ein extremes Beispiel. Angela, das Model, ist nach einem Autounfall vom Hals abwärts gelähmt, kann ihren Körper und ihr Leben nicht selbstständig meistern. Sie wird von ihrer Tante begleitet, die sie anzieht, ihr die Haare wäscht oder auch kamerawirksam ihre zitternden Beine von einem Krampf befreit. Aber auch ihr Leben ist auf dramatisch wirkende Einblicke und Bilder reduziert worden. Das Hauptthema der Serie ist, dass die Frauenclique ihre Ziele und Träume verwirklicht, Männer kennen lernt und sich gegenseitig die gebrochenen Herzen flickt.

Nirgends Barrieren

Neben der Überwindung der Traumata und der Verwirklichung des eigenen Lebensplans fällt auf, dass die "Push Girls" auf kaum eine Barriere stoßen. Wenn sie unterwegs sind, dann immer in ebenerdigen Geschäften. Die Läden sind geräumig, groß, die Verkäufer nett und hilfsbereit. Sie werden nicht angestarrt, bekommen keine Heilungsangebote oder Geldgeschenke, auch keine dummen Sprüche oder Beleidigungen. Überhaupt ist die ganze Umgebung der Serie interessiert und zuvorkommend. Die "Push Girls" flirten sich von einem Mann zum nächsten, von einem Date zum anderen. Der Rollstuhl und die Behinderung werden von den Männern meist als "interessant" oder "eine große Herausforderung" angesehen. Kritische Themen wie Abhängigkeit oder Sexualität werden ausgeblendet oder nur am Rande erwähnt. Indem Angela zum Beispiel zu ihren Freundinnen sagt: "Ich will nicht, dass er gleichzeitig mein Liebhaber und Pfleger ist." Aber im Großen und Ganzen ist alles kein Problem. Auch ein Kinderwunsch nicht. Man muss es nur durchsetzen und glauben wollen, sagen die "Push Girls". Und das ist auch das Motto dieser Serie. Die Behinderung und der Rollstuhl sind der besondere Blickfang, mit dem der Zuschauer ebenso wie seine Protagonisten umgehen lernt, bis er am Ende feststellen wird, die haben ähnliche Vorstellungen vom Leben wie ich.

Selbstbewusstsein und Schicksal – der besondere Weichspülermix für den Zuschauer

Ich muss zugeben, ich war noch nie ein besonderer Fan von Dokusoaps oder Schicksalsberichten. Aber irgendwann habe auch ich angefangen, die "Push Girls" einzuschalten und ihrem telegenen Leben im Rollstuhl zuzugucken. Mit ihnen bei einem Date mitzufiebern oder gespannt zu sein, ob das mit dem Tanzen im Rollstuhl jetzt klappt oder nicht. So funktioniert eine Serie. Aber das Besondere bei den "Push Girls" ist die Einbindung des behinderten Körpers und des Rollstuhls in das Fernsehbild. Der Zuschauer lernt, dass auch eine Figur mit einer Behinderung ein vom Fernsehen zwar gemachtes, aber doch so genanntes "alltägliches" Leben führen kann – mit Job, Partnerschaft, Problemen, Glück und Trauer. Serien wie die "Push Girls" sind sehr stereotype und zugespitzte Unterhaltungsformate, die die Mitte der Gesellschaft unterhalten sollen, und das haben die Serie und ihre Protagonisten geschafft. Zumindest kann ich das sagen. Für mich heißt das, dass Figuren mit Behinderung und Rollstühlen durch dieses Format, zumindest für eine halbe Stunde in der Woche, in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Mit all ihren Träumen, Tränen und Plänen. Also wenn das nicht Inklusion ist.


Linktipps:
Infos und Trailer zur Doku-Soap "Push Girls"
Filmreife Behinderung. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen über die Darstellung von Behinderungen im Film
The Sessions: Optimistisch und warmherzig. Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über eine unbekannte Welt im Kino
Zwischen Wolfsmädchen und Dschungelcamp. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen über moderne "Freakshows" in den Medien
Normalität in Film und Fernsehen. Ein Blogbeitrag von Carina Kühne über Menschen mit Behinderung in den Medien

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