Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Senioren mit Behinderung: Eine vergessene Gruppe

Das Bild von Behinderung wird von vergleichsweise jungen Menschen geprägt. Man denke an die Sportler bei den Paralympics, an den Film "Ziemlich beste Freunde" oder an Web-Aktivisten wie Raúl Krauthausen oder Julia Probst.

Häufig vergessen wird die große Gruppe der Senioren mit Behinderung. Diese Gruppe besteht einerseits aus Menschen, die altersbedingt eine Behinderung erfahren – zum Beispiel durch Erkrankungen – und andererseits aus Menschen, die bereits von Geburt oder frühen Lebensphasen an mit einer Behinderung leben und nun ins Seniorenalter kommen. Eines steht fest: In Zeiten des demografischen Wandels wird auch die Zahl behinderter Senioren steigen. Manche Studien sprechen von einer Verdreifachung in den nächsten zwanzig Jahren. Das wirft Fragen auf: für Seniorenheime, für Einrichtungen der Behindertenhilfe, für Beratungsangebote, für soziale Arbeit, für die Wissenschaft und für unsere Gesellschaft.

Altern verläuft individuell. Das ist bei Menschen mit Behinderung nicht anders. Je nach sozialem Umfeld und nach gesundheitlichen Voraussetzungen stellt sich die Realität des Alters ganz unterschiedlich dar. Es bleibt aber die prinzipielle Herausforderung, dass das Leben auch im Alter selbstbestimmt und menschenwürdig sein muss. Heute ist es immer noch keine Seltenheit, dass Senioren mit Behinderung vereinsamen, sogar verwahrlosen. Gerade neu von einer Behinderung Betroffene sind mit Ängsten und Traumata konfrontiert. In einem beeindruckenden Erfahrungsbericht beschreibt es eine sehbehinderte Hamburgerin so:

"Wie soll ich mit meiner Erkrankung, die sich langsam, klammheimlich verschlimmert und von der ich immer noch nicht genügend weiß, im Alltag fertig werden? Ich weiß es nicht! Es ist sehr schwer hier in Worte zu fassen. Zu der Zeit, als ich mit der Diagnose Glaukom konfrontiert wurde, war ich 69 Jahre alt. Ich war damals und auch heute noch total durcheinander, weil ich vor dem Wort 'Erblindung' riesige Angst bekam, die ich bis heute behalten habe. Jedoch fand ich damals Trost und beruhigende Zuwendung bei meinem Mann, der inzwischen verstorben ist. Sechs Jahre sind vergangen, inzwischen sind neue chronische Erkrankungen erschwerend dazu gekommen. Das Sehvermögen wird immer weniger, doch die Angst vor dem, was kommen könnte, wächst beständig. Ganz langsam realisiere ich, dass Unsicherheit aufkommt. Unterwegs z. B., dass ich die Straßennahmen nicht mehr lesen kann. Nachbarn oder andere Bekannte immer als Erste 'Guten Tag Frau D.' zu mir sagen, weil ich sie zu spät erkenne. Am Bahnhof sind nun die Anzeigetafeln für mich nicht mehr zu lesen. Am Anfang fällt es schwer, um Hilfe zu bitten. Jetzt, nachdem ich die Scheu überwunden habe, ein sichtbares Zeichen, z. B. die gelben Buttons mit den 3 schwarzen Punkten zu tragen, bin ich noch nie enttäuscht worden, wenn ich etwas frage. Es macht mich aber unsicher, und ich empfinde ein Gefühl von Minderwertigkeit."

Eine Gesellschaft, in der Inklusion Realität ist, muss auch eine Gesellschaft sein, in der sich Senioren mit Behinderung nicht minderwertig fühlen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.


Mehr zum Thema:
Der Erfahrungsbericht "Sehbehinderung im Alter"
Mehr zum Thema "Alter und Behinderung" auf dem Deutschen Bildungsserver
Infos zum Themenbereich "Behinderung und Alter" beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe
Tagungsdokumentation "50plus – Menschen mit Behinderung im Alter" des Landesverbands für Körper- und Mehrfachbehinderte Baden-Württemberg (PDF-Dokument)
Im Alter immer noch mittendrin? Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über das Älterwerden mit Behinderung
Selbstbestimmt reisen auch im Alter? Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über das Projekt ACCESS, das Senioren über barrierefreien Tourismus informieren will


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Marie

Guten Tag für alle!

Viel schlimmer als meine Schmerzen ist die bittere Einsamkeit.
Ein paar liebe Worte, dies ist mein allergrößter Traum.
Bin 65 J. alt. Suche Freundschaft mit Menschen, die auch
ein Handycap haben. Egal wo! Gern auch schriftlich!
In meiner Brust klopft das einsame Herz, dass Menschen sucht.
Sich Mut geben, sich treffen, gemeinsam Freude erleben,
wahre Freundschaft aufbauen.
Distanz ist hierzulande sehr ausgeprägt.
Man möchte noch dazu gehören!
Viele Wohnungen sind zum stillem Gefängnis geworden,
Oft träume ich, daß jemand anklingelt und paar Minuten spricht.
Die Tasse steht auf dem Tisch.
Ein Mensch, der gern kommt! Nicht für ein paar Minuten, die so wehtun.
Die Seele bleibt jung auch dann, wenn der Körper nicht ideal funktioniert.
Aus Angst wenden sich viele ab, Oft unbegründet!
Wir sind doch alle versichert.
In jeder Stadt sollte ein Verrein für einsame Menschen sein!
Bin die Erste, die dort anderen zuhören möchte.
Im Gebet mit euch allen
Marie

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