Inklusion

Schulbesuche mit dem Blindenführhund

Bloggerin Mirien Carvalho Rodrigues ist blind und besucht mit ihrem schwarzen Labrador-Rüden Vuelvo gelegentlich Schulklassen oder Kinderfeste, um über ihre gemeinsame Arbeit zu informieren. Begeistert ist sie bei diesen Besuchen von der Unbefangenheit und Neugier der Kinder – eine Offenheit, die sie bei Begegnungen mit Menschen ohne Behinderung sonst oft vermisst.

Mirien Carvalho Rodrigues und Vuelvo mit Schulkindern: Kein Raum für Eis, das gebrochen werden muss

Andrea Freisberg

Mama, ich möchte auch so einen Blindenhund!

Die 9-jährige Jasmin hat das Wesentliche begriffen: Mein Hund und ich sind ein echtes Team, wir verlassen uns aufeinander, und Vuelvo kann überall dabei sein.

Kein Wunder, dass die kleine Hundeliebhaberin sich auch einen solchen Begleiter wünscht.

Ob als Aktion der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe, ob durch private oder geschäftliche Kontakte: Dann und wann werde ich gebeten, mit meinem schwarzen Labrador-Rüden Vuelvo eine Schulklasse oder ein Kinderfest zu besuchen und über unsere gemeinsame Arbeit zu informieren.

Mir macht es große Freude, denn ich spreche gern darüber, wie Hunde lernen, was sie leisten und was sie brauchen. Auch eignet sich unser kleines Team auf sechs Pfoten hervorragend dazu, den wissbegierigen Schülerinnen und Schülern etwas über gegenseitiges Vertrauen zu erzählen. Manche Grundschulen laden mich auch ein, wenn die fünf Sinne im Lehrplan stehen.

Kein betretenes Schweigen trübt die Stimmung

Mein Vuelvo ist der geborene Schulbesucher. Er ist ausgeglichen und ruhig, kann aber gleichzeitig vom Kuscheln nicht genug bekommen. So trifft sich dann schon mal eine vorsichtige Kinderhand mit der meinen am samtweichen Hundeohr. Da ist kein Raum für Eis, das erst gebrochen werden muss.

„Was meint ihr, weiß der Vuelvo, wie eine Ampel funktioniert?“, frage ich in die Runde aus gespannten Kindern im Alter zwischen 8 und 11 Jahren. Spontan rufen einige „Ja“, nach kurzem Überlegen kommen sie dann selbst darauf, dass die Schlauheit meines Hundes anders funktioniert, er also vieles lernen kann, aber nicht versteht, wie eine Ampelanlage arbeitet oder wozu sie dient. In meiner Rolle als sachkundige und freundliche Autoritätsperson, die ich mir in solchen Situationen mit der Lehrerin teile, gefällt es mir, den Kindern durch Fragen zu zeigen, wieviel sie im Grunde schon selbst beantworten können. Ich trete locker und gelöst auf, denn in diesem Rahmen fühle ich mich respektiert und nicht beobachtet.

Ich spreche das Wort „blind“ aus und niemand zuckt erschrocken zusammen. Kein betretenes Schweigen trübt die Stimmung. In der Schulklasse klingt es wie blond, groß oder nett. Die Kinder nehmen es als gegeben hin, dass ich selbst meinen Hund versorge, ihn füttere, sein Fell pflege und ihm seinen Freilauf im Wald verschaffe. Kein Schulkind hat mich je gefragt, OB ich eine bestimmte Sache tun kann. Doch sie denken mit und fragen nach dem Wie. Und die Fragen purzeln nur so aus den unbekümmerten Schülern heraus, die sich noch nicht selbst zensieren: Woher weißt du, wo du klingeln musst, wenn du zu deiner Tante willst? Wie merkst du, dass du Motten im Kleiderschrank hast? Das waren nur ein Paar meiner Lieblingsfragen. Alle wollen natürlich hören, ob ich weiß, wie mein Hund aussieht. Dann erzähle ich ihnen, dass ich immer einen großen, dunklen Rüden haben wollte, und dass ich meinen Hund jeden Tag abtaste, mit ihm spiele und kuschle, ihn nach Zecken oder Verletzungen absuche. Damit kennt niemand seinen Körper so gut wie ich. Den berühmten Hundeblick nicht zu sehen, empfinde ich als echten Vorteil – ich musste nie trainieren, ihm zu widerstehen. Dafür finde ich es ausgesprochen seltsam, wenn Hundehalter ihr eigenes Tier nicht am Bellen erkennen oder eine akustische Spielaufforderung mit einem bösen Knurren verwechseln.

Begegnung mit Kindern ist wie eine Energiespritze

So plaudern wir über Sinne, und den Kindern fällt ein, welche Geräusche ihr Haustier macht oder wie schön es ist, das Gesicht in dessen Fell zu vergraben.

Als ich erwähne, dass ich nach Gehör zum Beispiel auch ein Smartphone bedienen kann, wird auch der Junge in der letzten Reihe munter, den ich bis dahin noch nicht wahrgenommen hatte. Begeistert erzählt er von dieser und jener App und will wissen, ob ich sein Lieblingsspiel auch spiele.

Ganz nebenbei bekommen die Kinder durch meinen Besuch und meine Beispiele mit, dass ich zum Einkaufen oder Ausgehen in die Stadt fahre, im Ausland Urlaub mache und auf Dienstreisen gehe.

Bisher war jeder Schulbesuch für mich wie eine Energiespritze. Überall herrschte Unbefangenheit und echte, ungezähmte Neugier vor.

Wehmütig muss ich an die zahllosen Begegnungen denken, die durch Ausgrenzung, Scheu und Vorurteile nie zustande kamen. So viele spontane Fragen von Kindern, die durch ein scharfes „Pssst“ der Eltern vereitelt wurden; so viele ganz natürliche Gespräche, die verboten wurden, weil Erwachsene in mir nur ein wandelndes schreckliches Schicksal und nicht eine möglicherweise nette Nachbarin oder Passantin sahen.

So stehen den schönen, kleinen Gesprächen in der Schule zahllose entmutigende und frustrierende Begebenheiten gegenüber, bei denen ich als Einzige nicht gegrüßt oder einbezogen wurde.

Menschlicher Vielfalt mit positiven Gefühlen begegnen

Ich persönlich habe trotz großem Frust immer wieder neue Kraft gefunden, in die Welt hinaus zu gehen und daran zu glauben, dass es einen normalen Umgang zwischen mir und den Menschen in meiner Umwelt geben kann. Leider braucht es dazu nach wie vor viel Kraft, die nicht jeder immer und immer wieder aufbringt.

Die Schulkinder, die ich besuche, verbinden unsere Begegnung mit einem tollen Hund und einer lebensfrohen, freundlichen Frau, die ihnen etwas Spannendes beigebracht hat. Sie werden hoffentlich nicht nur Hunden, sondern auch menschlicher Vielfalt in Zukunft mit positiven Gefühlen begegnen.

Kürzlich habe ich Ronni in der Stadt getroffen. Das heißt, er hat mich gesehen und mich angesprochen: „Ich bin Ronni – Sie waren doch neulich bei uns in der Schule.“ Um ihm eine Freude zu machen, nahm ich das angebotene Kaugummi, obwohl ich sicher war, Kaugummi nicht zu mögen – es schmeckte herrlich fruchtig. Zwanglos plauderten wir über Hunde, Einkaufen und die Schule – Ronnis Lieblingsfach ist Kunst, und eifrig erklärte er mir, wie das Bild aussah, das er im Unterricht gerade nachmalte.

So einfach und nett kann eine Begegnung sein.

 

Linktipps:

Tanzende Herzen. Blogbeiträge von Mareice Kaiser und Anastasia Umrik über ihre erste Begegnung –aus ihrer jeweiligen Perspektive

Verstehen ist mehr als Hören. Blogbeitrag von Margit Glasow über ihre Begegnung mit Hannah Tinten, die sich für Menschen mit Hörbehinderung einsetzt

Auf einen Abend in der Sushi-Bar. Blogbeitrag von Wiebke Schönherr über ein Treffen von drei besten Freundinnen – von denen eine Rollstuhl fährt

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