Inklusion

Schon verliebt oder noch verunsichert?

Jung, aufgeschlossen und auf der Suche nach dem richtigen Partner: Wahlberlinerin Anna hat im „realen Leben“ lange Zeit niemanden für eine Beziehung gefunden. Bringen ihr inklusive Partnerbörsen im Internet mehr Glück?

Lothar Wandtner / pixelio.de

Abends in der Kneipe. Ich sehe was, was Du nicht siehst: Dich. Du bist für mich a) eine attraktive Frau, b) jemand im Rollstuhl oder c) eine attraktive Frau im Rollstuhl. Was glaubst du?

Einen Partner oder eine Partnerin kennenzulernen, kann schwierig sein. Man kennt den anderen noch nicht und weiß nicht, was er oder sie denkt und fühlt. Eine sichtbare Behinderung verunsichert viele dann noch zusätzlich.

„Ich dachte lange, mit meiner Behinderung wird es nicht einfach, einen Mann zu finden.“ Anna ist Wahlberlinerin, 32 Jahre alt und eher der extrovertierte Typ: laut denken, viel lachen und gerne erzählen. „Aber das stimmt so nicht. Ich glaube, es ist in der heutigen Zeit für alle schwierig. Vor allem wenn man so hohe Ansprüche hat wie ich.“ Die Partnersuche: ein Lottospiel.

Ursprünglich kommt sie aus der Nähe von Paderborn, für eine Liebe zog sie in die Hauptstadt. Das ist schon ein paar Jahre her. Zu einer Zeit, zu der es schon Online-Portale für die Partnersuche gab. Denn im „realen Leben“ hat Anna niemanden gefunden. Sie sitzt im Rollstuhl und dachte oft, dass sich deswegen kaum jemand für sie interessiert. Bei ihr ist da immer die Frage im Kopf: „Glotzt er mich jetzt an wegen meiner Behinderung oder weil er mich attraktiv findet? Das ist wirklich schwer zu unterscheiden“, erzählt sie.

Wie soll ich dieses Thema ansprechen: den Rollstuhl?

Aber es muss doch irgendwie klappen, dem richtigen Mann zu begegnen. Also geht Anna online. Da findet sie: Partnerportale für alle, wie Finya beispielsweise. Oder Handicap-Love, eine Website, die sich hauptsächlich an Singles richtet, die eine Behinderung haben. Und „Gleichklang“, das Portal für Menschen, die sozial und ökologisch, also irgendwie alternativ, orientiert, sind.

Anna füllt ihre Steckbriefe aus, zuallererst bei Finya, und kriegt einige Zuschriften. Anfangs musste sie nachdenken, wie sie den Rollstuhl anspricht. „Ich hab mir überlegt: Riskierst du, keine Post zu bekommen oder soll ich das vielleicht nicht gleich reinschreiben?“ Sie entscheidet sich für die direkte Variante, stellt auch ein Foto rein, wie sie im Rollstuhl sitzt und kriegt oft nach dem ersten „Hallo“ Fragen, die ihr eindeutig zu intim sind: Wie ist das denn bei Dir mit dem Sex? „Man würde doch so etwas auch nicht einen Menschen ohne Behinderung fragen!“ Anna ist irritiert und Finya schnell Vergangenheit.

Sie probiert Handicap-Love aus. Auch hier sind ihr viele Zuschriften suspekt. Sie bekommt wieder merkwürdige Fragen gestellt. Aber sie merkt, dass auch viele Männer ohne Behinderung in dem Portal unterwegs sind. Das findet sie gut. „Ich wollte lange Zeit nur einen Mann ohne Behinderung, ich bin ja selbst behindert.“ Mit drei verschiedenen Männern, die sie über das Portal kennenlernt, geht sie im Laufe der Jahre eine Beziehung ein. Niemand für die Ewigkeit ist dabei.

„Ich habe mich ziemlich ausgetobt“

Die Jahre gehen ins Land, das Allein-Sein geht mit. Nur nicht aufgeben. Männer kennenlernen macht ja auch Spaß. „Ich habe mich da ziemlich ausgetobt!“, schaut Anna zurück. Dann registriert sie sich bei Gleichklang. Sie freut sich, dass sie dort sowohl Männer als auch Frauen suchen kann und sich nicht für ein Geschlecht entscheiden muss.

Und jeder, der sich dort anmeldet, wird gefragt, ob er oder sie offen ist für eine Beziehung mit jemandem, der eine Behinderung hat. Ein Drittel der Registrierten geben dort laut Betreiber der Website ein „Ja“ an, von aktuell rund 15.500 Angemeldeten. Anders als bei Finya und Handicap-Love stöbern die Singles dort nicht durch die Profile der anderen Suchenden, sondern es werden dort Partner nach Persönlichkeitsmerkmalen, Wertvorstellungen und individuellen Präferenzen vorgeschlagen. Anna fühlt sich wohl. „Das ist alles ziemlich entspannt. Ich habe dort noch keine komische Nachricht bekommen.“

Insgesamt verliebt sich gut jeder dritte Angemeldete über die Website, das haben die Betreiber von Gleichklang herausgefunden. Kürzlich schrieb eine Userin: „Ich bin erst seit dem 21. Oktober Mitglied bei Gleichklang, habe am 22.10. die ersten Partnervorschläge erhalten und bin am selben Tag noch mit einem Mann in Kontakt gekommen, mit dem ich seit heute zusammen bin! Es hat sofort zwischen uns gefunkt. Ich bin blind, und der Mann, in den ich nun verliebt bin, hat selbst kein Handicap.“

Auch Anna klickt sich durch ihre Vorschläge durch. Mit einem von ihnen hat sie sich vergangenen Sommer im Berliner Tiergarten verabredet. „Netter Typ“, sagt sie. Nur Anna, die Lebendige, traf dort auf jemanden, der gerne ein langsameres Tempo schiebt. Es hat nicht gefunkt. Wann sie wieder offen ist, um noch jemanden über ein Internet-Portal zu treffen, das weiß sie gerade nicht. Denn Anna hat sich kürzlich verliebt.

 

Linktipps:

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Partnersuche inklusiv: Ein Experiment. Blogbeitrag von Anastasia Umrik über Partnersuche im Internet als Mensch mit Behinderung

Das größte Handicap. Gespräch von Petra Strack und Raúl Krauthausen über Liebe und Partnerschaft von Menschen mit Behinderung

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