Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Schizophren. Na und?

Mit einer psychischen Erkrankung leben? Kann ich mir das vorstellen? Gar mit einer Schizophrenie? Mental nicht so belastbar zu sein? Nicht zu wissen, wie ich mich morgen fühlen werde und was ich mir zutrauen kann?

Thomas Greve

Ich muss gestehen, dass ich wenig weiß über psychische Erkrankungen. Und wenn mir in der Vergangenheit Menschen mit psychischen Einschränkungen begegneten, war ich eher verunsichert. Wenn jemandem ein Bein oder ein Arm fehlt – nun gut, dann hat er vielleicht Schwierigkeiten bei bestimmten Verrichtungen oder beim Laufen. Wenn er querschnittgelähmt ist, dann ist er ab einem bestimmten Wirbel abwärts gelähmt. Ein Mensch mit Glasknochen bricht sich öfter als gewöhnlich die Knochen. Das alles ist für mich vorstellbar. Dass dann das Leben in relativ normalen Bahnen weiterverläuft. Aber wie ist es mit einer psychischen Erkrankung? Welche Einschränkungen gibt es dabei?

Lust aufs Leben

Ich kannte Thomas Greve flüchtig. Jahrelang hatte ich ihn nun nicht gesehen. Ich wusste nur, dass er sich gut mit Computern auskennt und irgendeine psychische Erkrankung hat. Und nun präsentierte er mir seine Autobiographie: "Lust aufs Leben". Mit dem Untertitel: "Ich bin schizophren. Na und?" Meine Neugierde war sofort geweckt. Ich nahm das schmale Buch und las es in einem Ritt durch. Natürlich interessierte mich seine ganz persönliche Sicht auf die politischen Ereignisse in Rostock zu Zeiten der Wende. Immerhin hatten wir beide diese Zeit am gleichen Ort erlebt. Doch mehr noch wollte ich wissen, was hier einer zu sagen hat, der selbst mit einer solchen Erkrankung lebt.

Energie trotz starker Zweifel

Beim Lesen ist mir eins ganz deutlich geworden: Hier spricht jemand, der seine Krankheit angenommen hat und sagen möchte: Schaut her, von der Krankheit muss man sich nicht unterkriegen lassen. Der heute 42 Jahre alte Thomas Greve beschreibt seine Kindheit und Jugend in der thüringischen Kleinstadt Köstritz, geht später mit seiner Familie nach Rostock. Etwas atemlos folgt man seiner Begeisterung für die unterschiedlichsten Aktivitäten, vor allem seine Begeisterung für den IT-Bereich. Schließlich die erste Psychose, der ein Aufenthalt auf einer geschlossenen Station folgt. 1995 in eine eigene Wohnung entlassen, folgt nach kurzem Jobversuch in einer Computerfirma eine spannend zu lesende Odyssee der Arbeitssuche mit vielen Enttäuschungen und letztendlich einer erneuten Psychose. Trotz starker Zweifel am Sinn des Lebens sucht Thomas mit großer Energie nach Wegen zu einer Genesung. Schließlich schreibt er seine Autobiographie – zusammen mit seinem Stiefvater, der ihn sein ganzen Leben motiviert hat und auch jetzt unterstützt und ein wenig "sprachliche Ruhe" in das Buch hineinbringt.

Unverhofft und unerwartet

In seiner Einleitung erklärt Thomas: "Mein Lebenslauf wäre mit Sicherheit kurz nach der politischen Wende in Deutschland (1989) anders verlaufen, gäbe es da nicht die Zeit der erlebten Psychosen. Sie bauten sich unverhofft und unerwartet auf, verwehrten mir den erhofften beruflichen Erfolg, schlugen Türen zu, die sonst für mich geöffnet waren. Früher hatte ich Träume und Hoffnungen wie Tausende andere auch, dazu Talent und Begabungen sowie eine Vielzahl von Ideen, die ich möglichst alle rasch verwirklichen wollte. Nun stand ich da, war deprimiert, weil alles, was ich getan hatte, sinnlos erschien. Und weil ich keinen Ausweg erkennen konnte, stellte ich mir die Frage: War das schon alles, was ich vom Leben erwarten konnte?"

Einer von hundert

Das Buch ist ein sehr positives Buch geworden. Kein Klagelied über ein schweres Schicksal, über die Gesellschaft, über die Ärzte. "Unausgesprochen wirbt Thomas um unser Mitgefühl und unser Verständnis, dass er zeitweise in einer anderen Welt lebt, die dann für ihn ebenso real ist wie unsere als normal beschriebene Welt", schreibt Prof. Dr. Wolfgang Wesermann in seinem Vorwort zu dem Buch. Ich habe nachgelesen: In Deutschland leben aktuell etwa 800.000 Menschen mit einer Schizophrenie. Einer von hundert Menschen erkrankt in seinem Leben daran. Damit ist diese Erkrankung nicht selten, sondern in ihrer Häufigkeit in etwa vergleichbar mit chronischem Rheuma. Dabei hat Schizophrenie nichts, wie meist angenommen, mit einer gespaltenen Persönlichkeit zu tun, sondern eher mit einem Realitätsverlust.

Die Autobiografie von Thomas Greve ist ein empfehlenswertes Buch, das schließlich die Frage beantwortet, die sich dem jungen Mann immer wieder aufdrängte: "Werde ich für immer schizophren bleiben?"


Mehr zum Thema & Linktipps:
Thomas Greves Blog
Das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit
Der Verein Aktion Psychisch Kranke e.V.
Welttag der seelischen Gesundheit. Ein Blogbeitrag von Stefanie Wulff über psychische Beschwerden und seelisches Wohlbefinden
"Viele chronisch Kranke bleiben unsichtbar". Ein Interview von Stefanie Wulff mit Prof. Dr. Ernst von Kardorff über die Diskriminierung von psychisch und chronisch Kranken

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