Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Rollstuhlgerechte Mode – eine Entdeckungsreise

Foto: Markus Feger
Isabell Herzogenrath aus Dormagen ist eine der wenigen Designerinnen, die sich auf Mode für Menschen im Rollstuhl spezialisiert hat.

Meterweise weißer Stoff, kleine funkelnde Steinchen, ein halb durchsichtiger Schleier, eine lange Schleppe, die so lang ist, dass sie mir um die Füße drapiert werden müsste. Ich bin mit einer Freundin in Neukölln unterwegs. Auf unserem Weg zum Libanesen sind wir schon an drei Brautmodengeschäften vorbeikommen. "Na, das wäre doch was, wenn es mal soweit ist. Ein richtiger Traum in Weiß, oder?", fragt meine Freundin.

Der Rollstuhl als Modekiller

Ich schaue mir noch einmal das Kleid an der Puppe an, das hauptsächlich aus ausladendem weißem Stoff besteht. Die Puppe trägt bestimmt einen Reifrock, um die Meter von Stoff zu bändigen und in Form zu bringen. Ein Reifrock eignet sich nicht für einen Rollstuhl, jedenfalls nicht für so ein Modell, wie ich es durch die Gegend fahre. Mein Rollstuhl ist eine Spezialanfertigung. Jeder Millimeter ist genau an meinen Körper angepasst, jeder Zentimeter Stoff der Sitzschale auf meine besondere Körperform eingestellt. Wenn ich zum Beispiel eine Winterjacke trage, darf sie nicht zu dick sein, damit meine Gurte sich noch schließen lassen. Wenn ich also shoppen gehe, muss ich meinen Rollstuhl und meine besondere Körperform, die durch meine Behinderung verursacht wurde, einplanen. Ist der Rollstuhl also ein Modekiller? In dem Fall des Brautkleides: ein ganz klares Ja!

Shoppen als Abenteuer

Ich bin eine Frau, würde aber von mir selbst behaupten, dass ich nicht dem typischen Klischee entspreche und Shoppen als meine Lieblingsbeschäftigung ansehe. Für mich ist es immer eher ein Abenteuer. Ich bin kleiner und leichter als man in meinem Alter sonst so ist. Deswegen kaufe ich meine Kleidung auch meist in der Kinderabteilung. In den 80er Jahren aufgewachsen, war die Mode für Kinder und Jugendliche oft noch sehr bunt, mit viel rosa und Glitzer auf den T-Shirts, die ich in meiner Größe finden konnte. Mir ist es früher oft passiert, dass ich mit einer Begleitperson einkaufen gehen wollte und bei den kleinsten Größen in der Frauenabteilung gesucht habe, um nicht mit Anfang 20 ein T-Shirts mit "Hello Kitty"-Aufdruck und jeder Menge Glitzersteinchen kaufen zu müssen. Eine Verkäuferin kam einmal zu mir, lächelte meine Assistentin an und sagte: "Diese Hose ist nichts für sie. In der Kinderabteilung gibt es viel schönere und passendere Sachen. Die werden ihr gefallen." Die Hose, die ich mir angeguckt hatte – in der Überlegung, ob man sie kürzen könnte –, nahm sie meiner Assistentin resolut aus der Hand und hängte sie wieder zurück auf den Bügel. Auch wenn sich das inzwischen geändert hat, ist es mitunter nicht nur schwierig, das passende Kleidungsstück zu finden, sondern auch, sich gegen allwissende Verkäuferinnen durchzusetzen.

Schuhe: Entweder "Prinzessin Lillifee" oder Gesundheitsmodell

Wenn ich entspannt bin und Zeit habe, gehe ich gerne shoppen, auch wenn die Kaufhäuser und Modegeschäfte oft mehr Mode haben als Kunden und ich deswegen kaum Platz habe, um mit meinem Rollstuhl durch die engen Gänge, geschweige denn in die Umkleidekabine zu kommen. Aber auch dafür habe ich inzwischen eine Strategie: zu Hause anprobieren, dann entweder umtauschen oder behalten. Es gibt nur ein Kleidungsstück, das ich wirklich sehr ungern einkaufe und daher auch immer vermeide, so lange es möglich ist: Schuhe. Ich hasse es, Schuhe zu kaufen. Also habe ich wirklich nur ein Paar in meinem Schrank. Meine Füße müssen nicht laufen, also sind sie keinen Druck gewohnt. Meine Schuhe müssen ganz bestimmte Regeln erfüllen: weiches Material, keine hohen Absätze. Der Fuß muss sich bewegen können wegen meiner Spastik.
Unterwegs in der Kinderschuhabteilung eines Kaufhauses: Um mich herum viele Kinder, die schreien, weil sie keine Schuhe anziehen wollen. Auch ich könnte schreien, gerade hat meine Assistentin meinen Fuß mühsam in einen Schuh gequetscht, der bis auf den Tigerentenreißverschluss eigentlich ganz in Ordnung und vor allem bequem aussieht. Meine Assistentin sieht mich an, denn sie weiß, dass mein Körper gar nicht gut auf ungewohnte Dinge reagiert, und nach zwei Minuten schießt die Spastik in die Füße. Mit orthopädischen Schuhen habe ich es auch schon probiert, aber trotz ihrer Unförmigkeit und dem Gesundheitsaspekt haben meine Füße auch gegen sie rebelliert. Der Fuß muss raus aus dem Schuh und ich werde diesen Winter wahrscheinlich wieder mit Wollsocken durch die Gegend fahren.
Für den Sommer habe ich ein Paar Schuhe. Leichte schwarze Tanzschuhe mit kaum vorhandenem Absatz – ein Geschenk aus Frankreich. Gibt es also nur in anderen Ländern Mode, die mir passt?

Kleine Größen nur in Spanien

Ich war schon öfter in Spanien und Frankreich. Dort gibt es Erwachsenenmode auch in kleinen Größen. Dann kann ich in der Frauenmodeabteilung meine Größe finden. Neulich erzählte mir eine Assistentin, die aushilfsweise bei mir gearbeitet hat, ich sei außergewöhnlich gut angezogen. Als ich sie fragend ansah, ergänzte sie leise, außergewöhnlich gut für einen Menschen mit Behinderung. Aber stimmt das Bild von dem Jogginghosen tragenden Rollstuhlfahrer wirklich noch, der nur deswegen keine Jeans trägt, weil es bequemer ist für den Rollstuhlfahrer und die Pflegeperson? Die Assistentin erzählte mir von einem Internetportal, auf dem rollstuhlgerechte Mode verkauft wird, während sie nicht ohne Mühe versuchte, mir meine Hose aus Spanien anzuziehen.

Rollimoden: "Mode, die im Sitzen sitzt"

Aus Neugier habe ich dann mal "Rollimode" gegoogelt und Onlineshops gefunden. Sie entspricht nicht meinem Geschmack und auch nicht meiner Altersklasse. Die Models, die komischerweise alle körperlich topfit aussehen, wirken wie die Schwiegermutter aus einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung mit Tweetjacke. Auf der Webseite wird mir ausführlich erklärt, dass das Rückenteil der Jacke kürzer ist oder das Hinterteil der Hose länger, damit im Sitzen nichts verrutschen würde. Ich bestelle mir mal Hose, T-Shirt, Pullover und Schuhe, ohne auf "Bezahlen" zu klicken. Der Preis holt mich fast aus meinem Rollstuhl: 499 Euro ohne Schuhe. Die gibt es ab 399 Euro oder als Spezialanfertigung, dann aber ohne Preisangabe. Ich bin Studentin und nicht Pferdebesitzerin auf einem Rosamunde-Pilcher-Anwesen. Solche Preise kann ich mir nicht leisten, und ich bezweifle, dass das viele können. Wenn man wirklich auf besondere Bedürfnisse bei seiner Kleidung angewiesen ist, bedeutet so etwas wie mein Experiment im Onlineshops auch wieder eine Art Ausgrenzung. Hinzu kommt, dass man Rollstuhlmode fast ausschließlich über Onlineversand kaufen kann. Man kann nicht mal soeben ein neues T-Shirt shoppen, wenn man für ein Date etwas Neues zum Anziehen braucht. Und ein Hochzeitskleid braucht man auf solchen Seiten erst gar nicht zu suchen.

Ein Kleid für den Rollstuhl

Meine Freundin lacht. "Ich weiß, was du jetzt denkst. Aber wenn es mal soweit sein sollte: Ich bin ja Modedesignerin, dann nähe und entwerfe ich dir ein Brautkleid speziell nur für deinen Rollstuhl, und alle Gurte, die Kopfstütze und die Sitzschale werden integriert." Ich lache: "Für ein Brautkleid fehlt aber noch eine Kleinigkeit, der Bräutigam! Vielleicht kannst du mir den ja auch entwerfen. Aber jetzt komm, ich habe Hunger."


Mehr zum Thema:
Sexy, rockig und rollstuhltauglich: Deutschlandradio über eine deutsche Designerin, die Mode für Menschen mit und ohne Behinderungen macht
Was möglich ist: SPIEGEL-Artikel über einen Mode-Wettbewerb für Menschen mit Behinderung in Moskau
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Renate Schaible

Bei mir stehen ähnliche Probleme an. Ich suche Thermohosen für die kalte Jahreszeit, aber ich finde keinen rictigen Zugang mehr zu "Rollimode" so wie früher. Warum ist alles so erschwert worden?
Du hast vollkommen Recht, für einen Rollstuhlfahrer ist es ungheuer schwer für sich Kleidunng einzukaufen. Ich bin ein Mensch mit keinen großen Ansprüchen, wenigstens bilde ich mir das ein, aber so schwer wie zur Zeit, war es nur ganz früher, als ich noch jung war, denn ich bin schon ein paar Tage alt. Aber dennoch versuche ich es weiter bei "Rollimode" eine Thermohose zu bestellen, denn ich war immer zufrieden. Zwar mußte man, wegen der Größe, die Lieferung ein paar mal hin- und herschicken , aber sonst war ich stehts gut bedient . Man muß allerdings bedenken, daß ich aus einer ganz anderen Generation stamme, denn ich bin ein Kind der Kriegs- und Nachkriegszeit, da hatte man noch andere Wünsche und Vorstellungen. Was nicht bedeutet, das ich die Maßstäbe von damals anlegen will, aber mein Verständnis und meine Vorstellung ist eben anders gepregt.
Das soll nicht heissen, daß ich die jüngere Generation von Behinderten nicht verstehe. Ihr habt alle Recht, wenn ihr euch früh genug wehrt gegen alles was euch nicht paßt, wir hätten das auch getan, wenn wir es gekönnt hätten, aber das Überleben war damals wichtiger. Und damit wünsche ich Dir viel Erfolg beim Kleidereinkauf.
Mit den besten Grüßen
Renate Schaible

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