Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Rio de Janeiro, endlich war ich auch da

Mirien Carvalho war schon oft in Brasilien, aber noch nie in Rio de Janeiro: ein besonderer Reisebericht über Gerüche, Geschmäcker, Begegnungen – und über Barrierefreiheit für Reisende mit Behinderung.

Botanischer Garten: Gut gemeint, aber enttäuschend Fotos: Isabela Pacini

Feiner Sand, verspielte Wellen warmen Wassers, intensiv strahlende Sonne. Um mich her Kinder und Erwachsene, in deren Alltag ich gerade gelandet bin. Passend dazu plaudert eine Carioca – so nennt man die Einwohner der Cidade maravilhosa – der „wunderbaren Stadt“ – über die nahegelegenen Stadtteile Glória und Flamengo, sobald sie merkt, dass ich nicht von hier bin. So stehen wir also da, planschen im Wasser und halten ein Schwätzchen. Plötzlich bricht unter mir die Erde auf. Nein, es scheint nur so. Ein tiefes, anhaltendes Grollen vermischt sich mit dem ungleichmäßigen Rauschen der Wellen. Die Vibration wird immer stärker; gleich überrollt es mich. Inzwischen hat es in meinem Kopf Klick gemacht: Das ist ein Flugzeug auf der Rollbahn. Der Flughafen ist so nah, dass ich den Eindruck habe, die Rollbahn verlaufe durchs Wasser. Teilweise starten und landen sie im Minutentakt.
Entgegen meiner eigenen Erwartung erlebe ich dieses Szenario als stimmiges und faszinierendes Gesamtbild, statt als gestörte Idylle. Den Cariocas, die versunken vor sich hin trommeln, singen, Ballspielen oder auf der Liegewiese ein Nickerchen machen, geht es offensichtlich ebenso.

Wunder sonntags um Neun

Das Abklappern ausgewiesener Sehenswürdigkeiten war noch nie meine Art zu reisen. Gewöhnlich sammle ich lieber einzigartige Momente und Begegnungen, die sich in keinem Reiseführer finden.
Was immer ich hier also über die bekannten Tourismusmagneten schreibe – die Reise hat sich allein für das andauernde Gefühl der Leichtigkeit gelohnt, für den netten Plausch mit dem Straßenverkäufer, der mir stolz sein detailgetreu nachgebautes Schlagzeug aus Schrott gezeigt hat, oder für den Açaí-Saft, dessen unvergleichlicher Geschmack mich alles um mich herum vergessen lässt.
Kaum jemand schreibt in Reiseführern von nie gekannten Klangfarben einer Kirchenglocke, noch vom Ohrenschmaus, den der charismatische Aufruf zum Besuch einer von unzähligen Freikirchen in dieser so leuchtend klingenden Sprache sein kann. Versteht man ihn dann auch noch, kann man sich zusätzlich darüber wundern, dass in manchen Kirchen sogar Wunder terminlich genau festgelegt werden können: Auf Sonntag neun Uhr!

Dschungel brüllender Motoren und fehlender Hinweise

Doch immer wieder war ich auch auf der Suche nach gängigen Touristenzielen. Nachdem ich die barrierefreie U-Bahn mit deutlichen und ausführlichen Ansagen, taktilem Leitsystem und ebensolchen Lageplänen an jeder einzelnen Station entdeckt hatte, war ich schon fast bereit, meine Erwartungen zu überdenken. Sie bringt mich an die Copacabana, wo ich schon an den durchgängig gepflasterten Bürgersteigen merke, dass ich in einer besseren Gegend bin, zum Maracanã-Stadion oder zum Stadttheater, das gerade seinen 105. Geburtstag feiert. Hier darf ich gern von Marmorsäulen bis zu wertvollen alten Uhren alles berühren, und auch die Logen, in die sehende Besucher nur hineinschauen dürfen, darf ich in Ruhe auskundschaften.
Über ein Führungsangebot für sehbehinderte Besucher kann mir niemand Auskunft geben. Das wiederholt sich im botanischen Garten, der überdies schon weitaus schwieriger zu erreichen ist. Wer den Einzugsbereich der einzigen U-Bahnlinie verlässt, befindet sich im Dschungel brüllender Motoren und fehlender Hinweise, ganz gleich ob optischer oder akustischer Art. Durchfragen ist angesagt. Stichproben mit Bus- und Taxifahrern ergaben, dass man mit Englisch wohl nicht weit käme.
Im botanischen Garten gibt es einen Duft- und Tastgarten. Da wusste ich mehr als die Angestellten. Niemand war in der Lage, uns Auskunft zu geben oder gar hin zu führen. Letztendlich stellte er sich als ein winziger Abschnitt heraus, in dem man sich an einem Geländer entlanghangeln und auf Braille-Tafeln etwas über Küchenkräuter und ausgewählte Heilpflanzen erfahren konnte. Ein gut gemeinter Ansatz, doch enttäuschend angesichts der faszinierenden Vielfalt, die der Garten insgesamt bietet. Wir rätseln heute noch über den Baum, an dem kleine Fußbälle wachsen oder den, der Trauben grüner Hühnereier hervorbringt. Denn leider gab es dazu nicht einmal in Schwarzschrift eine Erklärung.

Wunderbare Tastmodelle für die beglückten Finger

Keine Frage, mit dem Bummelzug, der an die ältesten Triebwagen der Deutschen Bahn erinnert,
den Corcovado hinauf zu fahren, ist ein besonderes Erlebnis. Ich komme in den Genuss von Landschaftsbeschreibungen – doch nur, weil mein Mann mit von der Partie ist.
Eine recht authentische Christus-Statue in Miniatur wird mir zu meiner großen Freude gleichfalls zuteil – im Souvenirladen. Der Service für Reisende mit Behinderungen erschöpft sich in einem Fahrstuhl, der Rollstuhlfahrern ermöglichen soll, bis zum höchsten Aussichtspunkt zu gelangen. Dass ich auf meinen tadellos intakten Beinen wegen des höheren Erlebniswerts die Treppen nehme, löst um mich her beinahe einen Skandal aus. Ich beschließe, ausnahmsweise kein Portugiesisch zu verstehen, denn ich habe keine Lust, mich zu rechtfertigen, weil ich eine Treppe benutzen möchte.

Wunderbare Tastmodelle aus Harz habe ich schließlich doch noch in die beglückten Finger bekommen: Dank des Instituto Benjamin Constant, des ortsansässigen Blindeninstituts weiß ich jetzt wirklich, wie Maracanã, Zuckerhut und Corcovado aussehen. Nicht zu vergessen die weithin sichtbaren Arcos da Lapa, 41 Rundbögen, die den Eingang zum Stadtteil Lapa markieren, in dem das Nachtleben tobt. Allein das nächtliche Pulsieren der Stadt lässt mein Herz höher schlagen. In Lapa ist die Welt ungeheuer bunt, jede Bar ein eigener Mikrokosmos, eine andere Musikrichtung – Rock, Schlager, indische Klänge, etwas, das meine an sich recht weltoffenen Ohren nur als Baulärm identifizieren können, und endlich auch jene Sambarhythmen, die all die Lebensfreude, Leichtigkeit und Kreativität Brasiliens wiederspiegeln.

Eine wahre Inspiration war die Selarón-Treppe, die aus Lapa nach Santa Teresa hinauf führt, nach dem Künstler benannt, der sie mit unzähligen Fliesen aus aller Herren Länder verziert und sie so mit Sinnsprüchen, Anregungen, Farben und Formen gefüllt hat.

Ich habe noch nicht einmal angefangen, und bin schon beim Fazit: Eingeplant sind blinde und sehbehinderte Menschen im Tourismus so wenig wie im alltäglichen Verkehrschaos. Das ist mehr als bedauerlich im größten Tourismusmagneten Brasiliens, wo zudem in zwei Jahren die Paralympics stattfinden. Ich möchte wieder hin, denn zwei Wochen waren nur ein kleiner Einstieg.


Linktipps:
Das Handlungsfeld „Inklusion leben: Barrierefreiheit“ der Aktion Mensch
Fußball-Land der Widersprüche. Ein Blogbeitrag von Mirien Carvalho über die Situation von Menschen mit Behinderung in Brasilien
Es gibt Fans, die gibt es gar nicht. Ein Blogbeitrag von Mirien Carvalho über Barrierefreiheit in Brasilien – und auch in Deutschland

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