Filmfestival, Aktion Mensch-Blog

Raus mit der Sprache, her mit der Gebärde

Gesprochenes Wort und Gebärdensprache – ein Widerspruch? Oder ergänzen sie sich? Ist vielleicht die Gebärdensprache eine eigene Sprache, die mehr „sagen“ kann als 1.000 Worte? Anlässlich des Poetry SlamsDead Or Alive – Raus mit der Sprache“ geht Blogger Ulli Steilen den Fragen nach und sprach mit Szene-Pionier Wolf Hogekamp über Poetry Slams und Deaf Slams.

Organisator des Poetry Slams Deaf Or Alive: Wolf Hogekamp.

Beim Poetry Slam treten Wortkünstler gegeneinander an. Mit ihren derben Wortgewittern oder ihrer zärtlich hingehauchten Liebeslyrik versuchen sie, das Publikum für sich zu gewinnen.
Bei „BÄÄM! Deaf Slam“, dem ersten Slam für Gehörlose und Hörende, tun es ihnen die Gebärdensprachekünstler gleich. Nur eben ohne Worte. Dafür mit vollem Körpereinsatz – Gebärden, Gestik und Mimik. Wer sich das nicht vorstellen kann, hat Gelegenheit, live dabei zu sein: Wie zuvor in Berlin, Dortmund, Heidelberg und München holt die Aktion Mensch die Deaf-Slammer am Samstag, 7. April, in Hamburg auf die Bühne. Dort treffen dann am 13. April auch die Gewinner dieser lokalen Slams im großen Finale aufeinander. Eine Jury wählt den besten Auftritt aus den insgesamt zehn Finalisten der vorausgegangenen Live-Slams und des Online-Wettbewerbs. Wer gewinnt, fliegt nach New York.

Quicklebendige Slam-Poeten gegen tote Literaten

Dass aber auch Poetry Slams keine exklusiven Veranstaltungen nur für Hörende sein müssen, beweist die Veranstaltung „Dead Or Alive-Special – Raus mit der Sprache“. In Kooperation mit der Aktion Mensch veranstaltet das Theater Bonn am heutigen Freitag, 5. April, in der Halle Beuel diesen Poetry Slam der besonderen Art. Dead or alive – zu deutsch tot oder lebendig – ist ein Wortwettstreit bei dem quicklebendige Slam-Poeten gegen Klassiker der Literaturgeschichte antreten. Oder besser gesagt, gegen deren Texte, da die Autoren selbst nicht mehr unter den Lebenden weilen. In Bonn sind dies namentlich: Ingeborg Bachmann, Daniil Charms und Heinrich von Kleist. Vorgetragen werden die Klassikertexte von Schauspielern des Bonner Theaters. Die Aktion Mensch sorgt für Barrierefreiheit: Zwei Gebärdensprachdolmetscher begleiten den Slam und übersetzen das gesprochene Wort in Gebärden.

Mit auf der Bonner Bühne wird Wolf Hogekamp stehen. Der Pionier der deutschen Poetry Slam-Szene organisiert seit 1994 Dichterwettstreite und hat die Idee für die Deaf Slams aus den USA über den Atlantik geholt. Ich habe mit ihm über Deaf- und Poetry Slams gesprochen sowie über den „Dead Or Alive-Special“.

Beim „Dead Or Alive-Special“-Slam in Bonn werden die gesprochenen Beiträge von Gebärdensprachdolmetschern übersetzt. Geht das überhaupt?
Hogekamp: Ganz einfach ist das natürlich nicht. Ein wichtiges Element des Slams ist die Ironie. Ein anderes das Wortspiel. Bei beiden hängt es davon ab, wie gut der Slammer mit dem Dolmetscher kommuniziert, beziehungsweise wie gut die beiden zusammen funktionieren. Beim Deaf Slam sieht die Sache wieder anders aus.

Woher stammt die Idee zum Deaf Slam?
In den USA gibt es das Ganze schon länger. Dort ist es relativ selbstverständlich, dass Gebärdendolmetscher zumindest die großen Slam-Veranstaltungen begleiten. Vor vier, fünf Jahren hat sich dann in Chicago und New York eine kleine Deaf Slam-Szene in Bewegung gesetzt. Der Film „Deaf Jam“, der momentan mit dem Aktion Mensch-Filmfestival durch Deutschland tourt, war für uns dann die Initialzündung. Wir haben uns gedacht: Warum das Ganze nicht auch mal in Deutschland probieren?

Wie ist die Resonanz bei Teilnehmern und Publikum?
Die Deaf Slams werden sehr gut angenommen. Ich hatte immer gehört, dass die Gehörlosenszene sehr eigenbrötlerisch sei und, dass Gehörlose sich nicht gerne etwas sagen ließen. Diese Vorurteile kann ich gar nicht bestätigen. Alle Workshops im Vorfeld der Deaf Slams haben großen Spaß gemacht und die Teilnehmer hatten riesige Lust, ein neues Feld für sich zu entdecken. Und wir dürfen nicht vergessen: Den Deaf Slam haben wir ja gerade erst aus dem Boden gestampft. Gehörlose Menschen entdecken für sich eine Bühne, auf der sie mit ihrer eigenen Sprache und Performance ein Publikum ansprechen können. Wir befinden uns hier noch auf dem Experimentierfeld.

Sind Poetry Slam und Deaf Slam kompatibel? Mit anderen Worten: Glauben Sie, dass es wirklich inklusive Slams geben kann?
Ich kann mir durchaus einen Mix vorstellen, bei dem beispielsweise vier sprechende und vier gehörlose Poeten beteiligt sind. Das sind Formate, die es eben in der nächsten Zeit auszuprobieren gilt. In Winterthur in der Schweiz gibt es dieses Format bereits und es läuft sehr gut. Ich möchte das hierzulande auch versuchen. Aber jetzt gilt es zunächst einmal „BÄÄM! Der Deaf Slam“, mit dem großen Finale am 13. April in Hamburg , zu Ende zu bringen. Ich glaube, dass die mediale Reichweite des Finales dazu beiträgt, dass Leute aus den unterschiedlichsten Ecken der Gehörlosenszene neugierig werden und sagen: „Ja, ich will daran unbedingt teilnehmen, ich möchte das auch machen“.

„DeadOrAlive-Special“ am Freitag, 5. April, um 19.30 Uhr in Bonn.

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