Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Potenzial und Charisma

Fernanda Honorato ist die erste Fernsehreporterin mit Down-Syndrom in Brasilien

Fernsehreporterin Honorato: Ein Miteinander auf Augenhöhe Foto: TV Brasil

Kein Zweifel: Fernanda ist eine echte Carioca. So heißen die Einwohner von Rio de Janeiro. Die Fernsehreporterin ist Mitglied in einer Sambaschule, liebt den Karneval, das Theater und das Bad in der Menge. Ein bisschen eitel ist sie auch: Ihr Alter ist bei 25 stehen geblieben, und beim Gedanken an den nächsten Karneval macht sie sich schon heute Sorgen um ihr Gewicht. Zum Fußball tanzt und feiert sie, oder sie weint und ist tieftraurig, so wie nach der historischen Niederlage Brasiliens gegen Deutschland im Halbfinale der WM im eigenen Land.

Bis hierher könnte diese Beschreibung noch auf zahlreiche Frauen in Rio zutreffen; doch dadurch, dass sie zu Fernanda gehört, wird sie einzigartig. Die junge Frau hat das Down-Syndrom.

Sichtweisen und Talente einer Person mit Down-Syndrom

„Mein nächstes Interview führe ich mit einem körperbehinderten Mann. Es handelt vom Arbeitsmarkt“, erzählt Fernanda. Ihre Beiträge laufen am Samstagvormittag im Programa Especial“ des Senders TV Brasil, das ähnlich wie die deutsche TV-Sendung „Menschen“ Ausschnitte aus dem Leben von Menschen mit Behinderung zeigt. Fernandas Vorgesetzte, die Chefredakteurin der Sendung, Ângela Patrícia Reiniger, betont, dass mit allen Mitarbeitern Themen und Fragen im Vorfeld besprochen werden, diese Vorgehensweise also nicht nur bei der Mitarbeiterin mit Behinderung angewandt wird.
Mehr als skeptisch hatten MitarbeiterInnen des Senders auf Reinigers Idee reagiert, Fernandinha, wie sie liebevoll genannt wird, ins Team aufzunehmen. „Viele dachten, sie sei verrückt geworden“, erinnert sich Fernandinha. „Aber Ângela hat an mich geglaubt und mir diese Möglichkeit gegeben.“ Entschlossenheit und Durchsetzungsvermögen sprechen denn auch aus den Äußerungen der Chefredakteurin: „Wenn ich ständig Sendungen über Menschen mit Behinderung mache und darin zu 100 % für Inklusion stehe, warum soll ich dann verrückt sein, wenn ich die Sichtweise und die Talente einer Person mit Down-Syndrom in meinem Team haben will?“, fragt sie.

Verwirklichung von Lebensträumen

Schon als Kind hatte Fernandinha eine bekannte Fernsehmoderatorin nachgeahmt und sich durch Lesen und Fernsehen über verschiedene Themen informiert. Früh kannte sie sich auch mit ihrer eigenen Behinderung aus und engagierte sich in verschiedenen Initiativen und Bewegungen von und für Menschen mit Down-Syndrom. Die Möglichkeit, dort zur Schule zu gehen und Lesen und Schreiben zu lernen, wo sie auch zuhause bei ihrer Familie lebt, hat ihr unendlich viel bedeutet. Zur inklusiven Beschulung hat Fernandinha eine ähnlich klare Meinung wie zur Verwirklichung von Lebensträumen. Es war nach einem Interview, welches ein Team von TV Brasil mit der kontaktfreudigen jungen Frau geführt hatte, dass Ângela Reiniger beschloss, mit ihr einen Einstufungstest zu machen. Dass sie ihn mit Bravour bestand, überraschte die Chefredakteurin keineswegs. Sie hatte gleich das Potenzial und das Charisma in Fernanda erkannt. So hat Brasiliens erste Fernsehreporterin mit Down-Syndrom seit 2006 etliche Themen mitgestaltet, Kontakte geknüpft und Interviews geführt. Sie genießt es, wenn man sie auf der Straße um ein Autogramm bittet; durch Facebook hat sie einen Fanklub in Italien. Beim Sender hat das alltägliche Miteinander auf Augenhöhe die Einstellung der Mitarbeiter zur eigenen Tätigkeit verändert. Fernandas erfrischende Natürlichkeit wirkt oft auflockernd und belebend.

Eltern erkennen die Möglichkeiten ihrer Kinder mit Down-Syndrom

Fernandinha probiert sich gern aus – in einem Film hat sie schon mitgewirkt, am Ende einer Telenovela, in der eine Person mit Down-Syndrom eine Rolle spielte, hat sie ihre Geschichte erzählt, und als Nächstes wird sie diese Geschichte als Buch veröffentlichen. Am meisten Freude bereitet es Fernandinha und ihrer Chefin, wenn sich Eltern von Kindern mit Down-Syndrom beim Sender melden und ihrer Begeisterung darüber Ausdruck verleihen, dass sie endlich die Möglichkeiten für ihre eigenen Kinder erkannt haben. Dies gelingt oft nicht in einem Umfeld, in dem sie ständig hören, was ihr Kind alles niemals schaffen wird. Freunde von Fernanda, die auch das Down-Syndrom haben, sind z. B. erfolgreiche Sportler oder Buchautoren. Ein guter Freund arbeitet bei einer Fastfoodkette und ist von seinem Beruf begeistert. Fernandinha findet auch hierzu klare Worte: „Sie sollen natürlich nicht alle zum Fernsehen gehen. Jeder Mensch mit Behinderung hat das Recht auf einen eigenen Lebensweg. Jeder hat Potenzial, und jeder soll machen können, was er gut kann.“


Linktipps:
Fußball-Land der Widersprüche. Ein Blogbeitrag zur Fußball-WM in Brasilien von Mirien Carvalho über die Situation von Menschen mit Behinderung in Brasilien
Mal anders betrachtet. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über den Kurzfilm 46/47, der die Perspektive wechselt: „Normal“ ist, wer 47 Chromosomen hat
Be My Baby – Meine erste Filmerfahrung. Ein Blogbeitrag von Carina Kühne über ihre ersten Schauspielerfahrungen bei den Dreharbeiten für einen besonderen Spielfilm

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