Projekte & Förderung, Aktion Mensch-Blog

Neue Freiheit unterm Dach

Citynah und inklusiv leben können Menschen mit hohem Hilfebedarf in einem Wohnhaus der Evangelischen Stiftung Hephata in Leichlingen bei Leverkusen. Dort leben nach der Dezentralisierung einer Großeinrichtung zehn Erwachsene mit geistiger und körperlicher Behinderung. Das selbständigere Wohnen ist ein Lernprozess – für die Bewohner und die Menschen, die sie betreuen.

Hausgemeinschaft in Leichlingen: Ungewohnte Wege gehen Aktion Mensch / Thilo Schmülgen

Wenn Ernst Kuder aus dem Fenster seines Schlafzimmers schaut, hat er einen schönen Ausblick auf die Wupper. „Ich fühle mich wohl“, sagt der 63-Jährige. „Ich kann hier gut schlafen und träume gut.“ Lange war die Adresse „An der Wupper“ in Leichlingen nicht grade begehrt gewesen. Industrieabwässer verschmutzten den Fluss so stark, dass die Kinder in der nahen Schule regelmäßig „stinkfrei“ bekamen. Heute ist der gemächliche Strom glasklar und das Ufergebiet ein von Bäumen gesäumtes Öko-Kleinod mit Fischlehrpfad. Genau hier, in einem dreistöckigen Neubau, 500 Meter vom Ortszentrum entfernt, teilt sich Kuder seit 2012 mit seinem besten Kumpel Peter Meyer eine Dachwohnung.

Umzug in viele kleinere, zentrumsnahe Wohnungen

Ernst Kuder verbrachte die meiste Zeit seines Lebens im Benninghof, einer Großeinrichtung der Evangelischen Stiftung Hephata in Mettmann, in der zeitweise fast 400 Menschen mit geistiger Behinderung wohnten. Jahrelang hatten Kuder, Meyer und acht weitere Mitglieder der „Kindergruppe 4“ auf dem weitläufigen, abgelegenen Gelände in einem Haus zusammen gelebt: zwei Frauen und acht Männer mit geistiger, seelischer und schwerer körperlicher Behinderung, Epilepsie, Autismus, autoaggressivem Verhalten; einige davon sitzen im Rollstuhl. Als die Stiftung den Benninghof dezentralisierte und die Bewohner in viele kleinere, zentrumsnahe Wohnungen umzogen, fanden Kuder und seine Mitbewohner im Haus an der Wupper eine neue Bleibe. Die ehemalige Hausgemeinschaft organisierte sich in zwei Vierer-WGs und einer Zweier-WG neu.

Kuder, der früher als Reinigungskraft arbeitete und inzwischen Rentner ist, bleibt morgens als Einziger im Haus. Die anderen fahren täglich in die Werkstatt für behinderte Menschen. Pädagogische Fachkräfte pflegen und betreuen sie vor und nach der Arbeit, eine Pflegefachkraft bleibt über Nacht. Kuder braucht wenig Hilfe. „Ich mache jeden Morgen alleine mein Frühstück“, erzählt er. „Vor acht Uhr stehe ich aber nicht auf. Der Peter Meyer ist dann schon weg, zur Arbeit. Nur am Wochenende frühstücken wir zwei immer zusammen.“ Er kauft dafür gerne ein und bereitet alles sorgfältig vor. Bisher habe er noch keine Langeweile, sagt der Rentner und lächelt. Wenn die anderen weg sind, geht er spazieren, zum Einkaufen in die nahe City oder hält in der Nachbarschaft einen Plausch. Manchmal guckt er im Fernsehen oder strampelt auf dem Trimmrad einer Mitbewohnerin aus der zweiten Etage. Kuder weiß sich zu beschäftigten.

Aufbruch zu mehr Selbständigkeit

Die drei Zimmer der Männer-WG sind freundlich mit Stofftieren und Blumen dekoriert, Fotos an den Wänden erinnern an Kuders verstorbene Mutter und an seine Konfirmation im Jahr 1967. Religion ist ihm wichtig. Gemeinsam mit Meyer geht er sonntags oft in einen Gottesdienst. So ganz sicher sind beide nicht zu Fuß. Wenn es stark regnet oder schneit, lassen sie den kurzen Kirchgang lieber ausfallen.

Der Umzug nach Leichlingen war für Ernst Kuder und seine Mitbewohner ein Aufbruch zu mehr Selbständigkeit und einem normaleren Leben, erzählt die Teamleiterin Jutta Langenberg. Gewohnheiten mussten sich ändern, nicht nur bei den Bewohnern. So mancher Mitarbeiter, der zuvor im Benninghof mit Kuder und Co. arbeitete, kam mit dem geänderten Konzept nicht klar und wechselte den Arbeitsplatz. „Man muss hier auf andere Dinge achten und pädagogisch einen anderen als den lange gewohnten Weg gehen“, erklärt Jutta Langenberg, die 2012 neu zum Team stieß. „Bis dieses Bewusstsein entstanden war, hat es gedauert.“ Inzwischen schätzten die Fachkräfte die neuen Möglichkeiten, die ihnen die zentrumsnahe Lage bietet. Sie suchten nach immer neuen Ansätzen, um auch den Menschen mit hohem Hilfebedarf Inklusion zu ermöglichen, erzählt Langenberg. Die Betreuer hätten gelernt, öfter loszulassen. „Aber wir diskutieren immer noch darüber, welche Risiken wir zulassen dürfen, wann diese zur Gefahr werden und wie wir es schaffen, die Aufsichtspflicht zu gewährleisten.“

Größere Selbständigkeit verlangt Lernbereitschaft und Geduld

Auch von den Menschen mit Behinderung verlangt die größere Selbständigkeit, die ihnen das Wohnen jetzt bietet, Lernbereitschaft und Geduld. Auf dem weitläufigen Benninghof konnten sie jederzeit auf das Gelände. Das neue Haus können ohne Begleitung nur die verlassen, die sicher genug sind, sich im Straßenverkehr und am steil abfallenden Flussufer nicht zu gefährden. Die Übrigen üben beharrlich mit ihren Betreuern, nicht zu nah an den Fluss zu treten und den Verkehr in der Siedlung gefahrlos zu meistern.

Dafür genießen es alle, dass sie – wenn manche auch vorerst nur mit Unterstützung – spontan in die City gehen, ein Eis essen, mit Nachbarn klönen oder den nahen Park besuchen können. Sie flanieren auf Flohmärkten, gehen zum Stadtfest oder auf den Weihnachtsmarkt, manche allein, manche begleitet. „Ich glaube, dass es für viele Menschen – unabhängig von einer Behinderung – das Beste ist, zentral zu wohnen und einen guten Zugang zum gesellschaftlichen Leben zu haben“, resümiert Teamleiterin Langenberg. Die Chancen, die ihnen ihr neues Zuhause bietet, hätten die Bewohner schneller erfasst als mancher Mitarbeiter.

Ernst Kuder jedenfalls hat sich gut eingelebt: „Hier ist es schöner, hier ist man näher in der Stadt. Früher musste man dahin mit dem Bus fahren“, erzählt er. Umziehen will er vorerst nicht mehr.


Linktipps:
Das Handlungsfeld „Inklusion leben: Zuhause“ der Aktion Mensch
Die Förderbroschüre „Gemeinsam wohnen“: Das Förderprogramm Wohnen der Aktion Mensch
Manchmal fehlt eben doch die Milch. Ein Blogbeitrag von Michael Wahl über die erste inklusive Wohngemeinschaft Ludwigshafens
Inklusion im Passivhaus. Ein Blogbeitrag von Carmen Molitor über drei junge Menschen mit und ohne Behinderung in einer inklusiven WG in Freiburg
Man wünscht sich eine Schublade. Ein Blogbeitrag von Werner Grosch über eine Saarbrücker WG, in der Studierende und Gleichaltrige mit Behinderung zusammenleben

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