Aktion Mensch-Blog

Nach dem Hochwasser im Ausweichquartier: „Wir können unsere Arbeit nicht machen“

Nach der Flut muss eine Werkstatt für behinderte Menschen in Jena für Monate geschlossen werden. Was das für die Beschäftigten heißt, berichtet Carmen Molitor.

An dieser Ausgabetheke reicht Liane Höfner normalerweise das Mittagessen an – jetzt wartet alles auf die Wiedereröffnung Carmen Molitor

Als ihr Arbeitsplatz am 1. Juni von den Fluten der Saale und dem unaufhaltsam steigenden Grundwasser leise verwüstet wurde, war das ein trauriger Tag für Daniela Woczinski. Die 28-Jährige gehört zur Belegschaft der Werkstatt für behinderte Menschen im Jenaer Stadtteil Zwätzen. Seit 1997 finden hier 280 Frauen und Männer mit geistiger oder mehrfacher Behinderung eine Beschäftigung in Metallverarbeitung, Buchbinderei, Druckerei, Garten- und Landschaftspflege, Montage und E-Schrottrecycling oder, wenn ihre Einschränkung diese Arbeit nicht zulässt, eine fördernde Tagesstruktur. Daniela Woczinski liebt ihre Arbeit in der Buchbindeabteilung. Dass sie nun für Monate dort nicht mehr hinkann, macht ihr zu schaffen. „Als ich erfuhr, dass unsere Werkstatt unter Wasser stand, fing ich an, wie ein Schlosshund zu weinen“, berichtet sie. „Ich machte mir große Sorgen um unsere Buchbindearbeiten und Produkte. Leider hat das Hochwasser vieles zerstört und wir können unsere Arbeit nicht machen.“ Um den Schock zu verarbeiten, hat sie ein Bild von der Werkstatt in den grauen Fluten gemalt; am Himmel sind fünf weinende Herzen zu sehen.
Auch ihre Kollegin Liane Höfner war geschockt, als sie die ersten Fotos der Werkstatt sah, die im Erdgeschoss überall gut einen halben Meter im schmutzigen Wasser stand. „Das war schlimm, ganz schlimm“, erinnert sich die zupackende 36-jährige Frau, die normalerweise in der großzügigen, chromblitzenden Küche kocht, putzt und abspült und das Essen für die Belegschaft über eine große Theke hinweg austeilt. „Ich habe mich ganz schön erschrocken.“

Sanierungsarbeiten im vollen Gange

Da war sie nicht alleine, berichten die ehemalige Geschäftsführerin Annelie Lohs, Prokuristin Sabine Jahn und Betriebsstättenleiter Kai Pfundheller vom Saale Betreuungswerk der Lebenshilfe in Jena. Die drei stehen in der beschädigten Werkstatt, in der die Sanierungsarbeiten im vollen Gange sind. Von außen ist dem hellen, flachen Gebäude „Am Flutgraben“ nichts anzusehen. Aber innen ist es ein unwirtlicher Ort: Ein Gewirr aus kleinen und großen Belüftungsschläuchen füllt die Räume. Sie sind an ohrenbetäubend brummende Gebläsemaschinen angeschlossen, die seit drei Wochen unablässig laufen. Es hat viel ehrenamtlichen Einsatz gekostet, den Schlamm und Dreck zu entfernen, nun muss noch die Feuchtigkeit raus. Überall wurde der Putz bis zur Kniehöhe abgeklopft, damit das Mauerwerk trocknen kann. In einigen Räumen mussten Arbeiter beschädigte Böden herausnehmen. Das Wasser zerstörte viele teure Maschinen, allein in der Druckerei ist ein Schaden von mindestens 400.000 Euro entstanden, schätzt Kai Pfundheller, der in der Werkstatt die Renovierungsarbeiten koordiniert und Ende September hier wieder klar Schiff haben will. Wie hoch der Schaden insgesamt ist, traut sich noch niemand zu schätzen. Zumal die Werkstatt zurzeit nur 60 Prozent ihrer üblichen Aufträge erfüllen kann und dadurch ebenfalls Einbußen erleidet. Gemeinnützige Einrichtungen wie diese, die durch das Juni-Hochwasser 2013 geschädigt wurden, unterstützt die Aktion Mensch ab sofort durch die neu aufgelegte Hochwasserhilfe 2013 in Höhe von 5 Millionen Euro.

Verteilung der Belegschaft auf Ausweichquartiere

Die finanzielle Belastung durch die Flut ist enorm, noch drängender war für das Team aber eine andere Frage: Wie können wir den Betrieb für 280 Menschen weiter aufrechterhalten ohne unser eigenes Gebäude zu nutzen? „Es hat eine Weile gedauert, bis wir eingesehen haben, dass es wirklich für Monate in der Werkstatt nicht weiterging“, erzählt Sabine Jahn. Und Annelie Lohs ergänzt: „Wir waren regelrecht geschockt.“ Doch das Team erlaubte sich nur eine kurze Schrecksekunde und legte dann mit einer logistischen Meisterleistung los: Das Wasser war in der Nacht von Freitag auf Samstag gekommen, und schon am Sonntag lief ein mit heißer Nadel gestrickter Plan B zur Verteilung der Belegschaft und ihrer Gruppenleitungen auf Alternativplätze in anderen Einrichtungen des Saale Betreuungswerks an. „Wir konnten unsere Beschäftigten ja nicht einfach alleine zu Hause lassen“, betont Sabine Jahn. „Viele leben allein in ihrer Wohnung oder bei den Eltern und können tagsüber nicht anders betreut werden. Vor allem bei den schwerstmehrfachbehinderten Menschen aus unserem Förderbereich geht das nicht.“ Nach zwei Tagen Zwangspause verteilten sie die Beschäftigten zuerst auf sieben Standorte. Inzwischen sind es weniger, denn die Stadt Jena stellte dem Saale Betreuungswerk eine leere Ausweichschule im Stadtteil Winzerla zur Verfügung, wo nun für eine Übergangszeit 120 Beschäftigte arbeiten. Die Eisenberger Firma Sanit, ein Stammkunde der Werkstatt, stellte spontan eigene Lager- und Arbeitsräume für 40  Beschäftigte aus der Montage bereit.

„Hoffentlich so bald wie möglich zurück“

Für Liane Höfner und Daniela Woczinski ist bis zur Wiedereröffnung ihrer Werkstatt die Ausweichschule in Winzerla der Arbeitsplatz. Hier sitzen in den verlebten Klassenräumen bis zu 15 Beschäftigte auf engem Raum an zusammengeschobenen Schultischen. Die üblichen Arbeiten sind dort kaum möglich, aber die Gruppenleiter bemühen sich um Alternativen: Statt Buchbindearbeiten schneidert Daniela Woczinski zurzeit Lavendelsäckchen oder bastelt mit getrockneten Blumen Danke-Schön-Karten für die vielen ehrenamtlichen Hochwasserhelfer, die in der Werkstatt anpackten. Liane Höfner arbeitet jetzt in einem Klassenraum mit Wasseranschluss, Spülbecken und in Kisten gestapeltem Geschirr. Statt selber täglich 600 Essen zu kochen und andere zu beliefern, erhält die Küchencrew das Mittagessen vom Studentenwerk und gibt es an die Kolleginnen und Kollegen in der Schule aus. Nur das Frühstück und den Abwasch machen sie selbst. Liane Höfner beklagt sich nicht über die behelfsmäßigen Umstände und findet gut, dass der Weg zur Arbeit für sie kürzer ist als sonst. „Aber ich freue mich darauf, wieder in die Werkstatt zu kommen, weil ich daran gewöhnt bin und es schön ist“, betont sie.

Ihre Kollegin Daniela Woczinski hat sich ihre Traurigkeit in einem Bericht von der Seele geschrieben. Am ersten Tag im Ausweichquartier habe sie zwar vor Frust kaum „Guten Morgen“ sagen können, schreibt sie. Jetzt sei es aber wichtig, nach vorne zu schauen. Ihren letzten Satz können hier alle unterschreiben: „Ich hoffe, dass wir sobald wie möglich zurück können und unsere Arbeit wieder machen können.“


Linktipps:
Mehr Informationen zur Hochwasserhilfe 2013 der Aktion Mensch
Das Saale Betreuungswerk der Lebenshilfe Jena gGmbH

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