Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Mit eLearning zu barrierefreien Unis

Prof. Dr. Gerhard Weber lehrt und forscht an der Fakultät für Informatik der TU Dresden zum Thema Mensch-Computer-Interaktion. Ein Gespräch über Erfolge und Hürden an deutschen Hochschulen.

Prof. Gerhard Weber: Aus technischer Sicht hat sich viel getan Foto: Prof. Dr. Gerhard Weber (privat)

Herr Prof. Weber, Sie beobachten seit 25 Jahren, wie eLearning zur Barrierefreiheit an den Hochschulen beiträgt. Wie hoch sind die Hürden heute noch?

Gerhard Weber: Aus technischer Sicht hat sich viel getan, seit ich 1985 erstmals für blinde Studierende Klausuren am PC abgehalten habe. Aber leider ist die Möglichkeit, dass ein Student die für seine Behinderung passenden Angebote nutzen kann, abhängig davon, ob die Dozenten ihn und seine Bedürfnisse kennen und sich auf die Technik einlassen. Standardmäßig werden die Angebote für die Studierenden mit unterschiedlichen Behinderungen noch nicht vorgehalten.

Welche Studierenden profitieren denn bislang am stärksten von der digitalen Technik?

Die Studierenden mit Sehbehinderung, weil Internet und spezielle Software den Zugang zu Literatur und Vorlesungen ermöglichen. Allerdings macht die barrierefreie Aufbereitung viel Arbeit: Texte müssen transkribiert werden. Und bei den Aufzeichnungen von Vorlesungen braucht es eine Audio-Deskription, die dem Blinden erklärt, was ein Dozent auf dem Tafelbild anzeigt oder was er sonst gerade tut.

Studierende mit Hörbehinderung sind benachteiligt

 
Und für wen müsste noch mehr getan werden?

Für die Gehörlosen. Materialien in Gebärdensprache sind in der Erstellung am teuersten, Dolmetscher sind häufig schwierig zu bekommen – und die Übersetzung von Fachtermini ist eine weitere Barriere. Auch Studierende mit Hörbehinderung sind benachteiligt: So höre ich selten, dass die Räume einer Uni mit Hörschleifen ausgestattet sind oder Studierende eine portable Anlage haben, die sie mit dem Mikrofon eines Dozenten verbindet.

An der TU Dresden gibt es eine Arbeitsgruppe „Studium für Blinde und Sehbehinderte“, die am Institut für Informatik angesiedelt ist. Engagiert die sich auch an anderen Fakultäten?

Ja – aber die Studierenden mit Sehbehinderung waren früher eben vorrangig in den Informatik-Studiengängen eingeschrieben. Die AG-Mitarbeiter haben die Aufgabe, Vorlesungsskripte, Folien, Übungsaufgaben und Fachbücher auf elektronischem Weg aufzubereiten – und zwar gemeinsam mit Hilfskräften aus jenen Fakultäten, an denen solche Studierende eingeschrieben sind. Die Materialien werden zentral archiviert und sind für alle sehgeschädigten Studierenden der TU zugänglich.

Kaum Personal für die Erstellung barrierefreier Materialien

 
Nehmen die Fakultäten diese Unterstützung denn an?

Nicht alle können und wollen ihr knappes Personal auch noch für die Erstellung barrierefreier Materialien abstellen. Davon abgesehen wäre – an der TU Dresden und anderswo – sowieso der Idealfall, dass die technischen Kenntnisse in den Fakultäten selbst vorhanden wären, nicht in einer Art Service-Center. Dann hätten wir zum Beispiel Professoren, die ihr Wissen auch in Gebärdensprache vermitteln, und wissenschaftliche Mitarbeiter, die die Audio-Deskription zur Aufzeichnung einer Vorlesung verfassen können.

Welche Hochschulen in Deutschland bemühen sich denn besonders um barrierefreies eLearning und Studierende mit Behinderung?

Für Blinde ist auch die Uni Karlsruhe ein guter Platz, für Gehörlose die Uni Aachen. Die Fachgruppe Ausbildung des Deutschen Vereins der Blinden in Studium und Beruf (DVBS) hat kürzlich eine Übersicht zu den speziellen Angeboten der Hochschulen von Aachen bis Zwickau zusammengestellt und auf der DVBS-Webseite veröffentlicht. Dabei sind auch die Studienangebote der Fern-Uni Hagen aufgeführt, die gut zugänglich für Menschen mit Sehbehinderung oder körperlichen Behinderungen sind.


Linktipps:
Die Arbeitsgruppe „Studium für Blinde und Sehbehinderte“ an der TU Dresden
DVBS: Liste mit Beratungsstellen für behinderte Studierende an deutschen Hochschulen und speziellen Angebote für Blinde und Sehbehinderte
Mehr Infos zum Thema Studium und Behinderung beim Familienratgeber
„Ein Stück weit Utopie“. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über die Inklusion an deutschen Hochschulen
Promovieren mit Behinderung. Ein Blogbeitrag von Eva Keller über das Promotionsprogramm „InWi“ der Uni Bremen für Menschen mit Behinderung
„Sie können in Ihrer Situation kein Referat halten“. Ein Blogbeitrag von Marie Gronwald über ihre Erfahrungen mit einem Studium mit Behinderung

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