Aktion Mensch-Blog

Mit aller Energie: Kämpfen für ein Menschenrecht

Corny Bennemann hat schulische Inklusion im Kreis Borken weit vorangetrieben. Gegen tausend Widerstände. So mancher Lehrer, so mancher Schulrat wurde zu seinem Glück gezwungen.

Aktivistin Bennemann: Wie gut das geht, wenn man nur will

Wut soll man kanalisieren. Wut, sagen Psychologen, soll man in positive Energie umwandeln. Wer nicht glaubt, dass das geht, der müsste nur mal mit Corny Bennemann sprechen. Eine Frau, die nur zwei Satzzeichen zu kennen scheint: Frage- und Ausrufezeichen. Wobei Erstere klar in der Minderheit sind.

Ein Gewinn für alle

Corny Bennemann kämpft seit Jahren für Inklusion an den Schulen. Ursprünglich für ihre Tochter Charlotte, die heute 13 ist, eine Tetraspastik hat und die noch nie eine andere als eine Regelschule besucht hat. Die Familie lebt in Südlohn im Kreis Borken. Eine sehr ländliche Gegend, sehr konservativ, sagte Corny Bennemann und verzieht den Mund. „Es gibt hier zwei Grundschulen. Die eine hat Charlotte rundweg abgelehnt, bei der anderen war zumindest die Schulleiterin aufgeschlossen. Aber Lehrer hatten Vorbehalte, und der damalige Schulrat war auch dagegen.“ Da ist die Mutter halt zur Politik gegangen und hat so lange geackert, bis der Gemeinderat einstimmig beschloss, alle nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen, damit Charlotte in die Grundschule gehen kann.

„Nach den vier Jahren haben sich alle bei mir bedankt. Die Lehrer sagten, dass es ein Gewinn für alle sei, vor allem für die Mitschüler.“ Inzwischen – Charlotte besucht heute die Montessori-Gesamtschule – ist Inklusion an dieser Grundschule eine Selbstverständlichkeit. „Die Eltern im ganzen Kreis Borken müssen viel weniger kämpfen um den Platz an der Regelschule. Und Zwangseinweisungen in die Förderschule gibt es unter dem neuen Schulrat gar nicht mehr“, sagt Corny Bennemann. Man merkt: Sie tut das nicht, um sich selbst auf die Schulter zu klopfen. Sie will sagen: Da sieht man doch, wie gut das geht, wenn man nur will. Punkt. Nein, Ausrufezeichen!

Politischer Wille fehlt

Am nötigen Willen zweifelt die vierfache Mutter sehr – vor allem bei Politik und Verwaltung. Und die Debatte um die Kosten von Inklusion in der Schule findet sie fatal: „Das letzte Jahr hat unsere Gesellschaft weit zurückgeworfen. Der Kostenstreit hat die Stimmung verschlechtert!“ Dabei werde seit Jahrzehnten die Beschulung von Kindern mit Behinderung bezahlt, so oder so. „Es verlagert sich doch nur der Förderort! Aber es ist natürlich klar, dass kein Geld da ist, wenn es weiterhin in Förderschulen investiert wird.“

Das Argument, dass Kommunen und Kreise vom Inklusionsplan der Landesregierung allzu schnell überrollt worden seien, lässt Corny Bennemann nicht gelten. „Im Gegenteil! Wenn das Land mit der Brechstange vorgegangen wäre, hätte es einen uneingeschränkten Rechtsanspruch ins Gesetz geschrieben. Hat es aber nicht!“ Außerdem sei es eben nicht wahr, dass schulische Inklusion eine neue Idee sei: „Seit 30 Jahren kämpfen Eltern dafür!“

Kritik an Berufskollegs

Ein Verband, in dem Eltern diesen Kampf ausfechten, ist „Gemeinsam Leben – Gemeinsam Lernen“. Corny Bennemann vertritt ihn im Kreis Borken. Und sie scheut sich nicht, Politiker an die Grundsätze ihrer Arbeit zu erinnern. „Es geht nicht um persönliche Wünsche, sondern um Menschenrechte!“ Wieder so ein Ausrufezeichen. Denn die Arbeit wird nicht weniger. Wenn Charlotte in ein paar Jahren die Gesamtschule verlässt, dann will sie ein Berufskolleg besuchen. Aber: „Die wissen alle, dass das Thema auf sie zukommt. Aber sie bereiten sich nicht darauf vor, sie warten ab und tun nichts!“ Corny Bennemann wird sie daran erinnern, dass es etwas zu tun gibt: „Wir müssen einen Weg pflastern. Das ist, was unsere Gesellschaft jetzt tun muss.“ Punkt. Manchmal reicht der auch.


Linktipps:
Der Inklusionsfachverband „Gemeinsam Leben – Gemeinsam Lernen“
Das Handlungsfeld „In der Schule“ der Aktion Mensch
„Schule für alle gestalten“: Das Praxisheft der Aktion Mensch für Lehrerinnen und Lehrer (PDF-Dokument)
Falsche Freunde. Ein Blogbeitrag von Eva-Maria Thoms über den UNESCO-Bildungsgipfel und die ernüchternde Zwischenbilanz der schulischen Inklusion nach fünf Jahren UN-Behindertenrechtskonvention
Inklusion – ein Lehrstück. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen mit persönlichen Erfahrungen und Überlegungen zur schulischen Inklusion

Bisher hat noch kein Besucher diesen Beitrag kommentiert – mach du den Anfang!


Mit Aktion Mensch-Nutzerkonto

Melde dich an und diskutiere mit!

Als Gast

Gib deinen Namen oder ein Pseudonym sowie deine E-Mail-Adresse an und kommentiere als Gast:

Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.


Filter

Schlagwort


Tags

In Vorfreude Gutes tun

Dein perfektes
Weihnachtsgeschenk

Ein Jahreslos der
Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen

Noch kein
Geschenk?