Aktion Mensch-Blog

„Menschen spielen Menschen“

Wer ist normal? Wer ist verrückt? Und wer entscheidet darüber eigentlich? In „Unter Irren“, dem neuesten Stück des integrativen Ensembles der Opernwerkstatt am Rhein in Köln, dreht sich alles um die Fallstricke der Wahrnehmung. Die Aktion Mensch hat das Spiel um innere und äußere Kämpfe in einer geschlossenen Anstalt, das in diesen Tagen Premiere feiert, mit 28.200 Euro gefördert.

Das Schauspieler-Ensemble von „Unter Irren“

Eine geschlossene psychiatrische Anstalt irgendwo im Nirgendwo. Die beiden Neuzugänge Toby, ein junger Mann mit Down-Syndrom und Wahnvorstellungen, und Miriam, eine blinde Frau mit Gedächtnislücken, versuchen sich im Kreis ihrer bizarren Mitbewohnerinnen und Mitbewohner zurechtzufinden. Den beiden wird schnell klar: Sicher ist in dieser Anstalt nur, dass nichts sicher ist. Ist die Frau in der Schwesterntracht eine Pflegerin oder Insassin? Warum schluckt der lächelnde Mann, der die Medikamente ausgibt, selbst die meisten der Pillen? Wer hat hier die Fäden in der Hand, und wer hängt nur hilflos an ihren Enden? Die Antworten ändern sich im Stück „Unter Irren“ für die Charaktere und das Publikum in jeder Szene. Ein Anstaltsinsasse nach dem anderen versucht im Einzelgespräch die Psychologin davon zu überzeugen, dass er gesund ist und entlassen werden müsste.

Gemischte Theatergruppe

„Die Idee mit den Einzelgesprächen war die einzige Vorgabe, die ich gegeben habe“, erzählt Sascha von Donat, künstlerischer Leiter der Opernwerkstatt am Rhein in Köln. „Daraus entwickelten wir gemeinsam die Krankengeschichten und die Szenen.“ Nach einem erfolgreichen Theaterstück und einem preisgekrönten Hörspiel inszeniert der Regisseur mit „Unter Irren“ bereits zum dritten Mal im Rahmen der Opernwerkstatt ein Projekt mit einem integrativen Ensemble. Die Theatergruppe ist auf mehrfache Weise gemischt: Es spielen elf Menschen mit und ohne Behinderung mit, darunter Schauspielprofis und Laien; der Jüngste ist 19, der Älteste 80 Jahre alt. Hinter den Kulissen unterstützen außer Regisseur von Donat auch fünf Profis bei Bühnenbild, Kostümen und Technik das Ensemble, auch ein erfahrener Schauspiel-Coach und ein Illusionist sind dabei. „Ich versuche immer, gewisse Grenzen zu überschreiten“, sagt Sascha von Donat. „Diesmal spielen – was eigentlich bei integrativem Theater ein Tabu ist – Menschen ohne Behinderung Charaktere mit Behinderung. Und Menschen mit Behinderung spielen Charaktere mit einer anderen Behinderung. Da fangen die ersten Wahrnehmungsverschiebungen an. Man weiß nicht, was echt ist und was nicht.“

Eingespielte Schauspieler-Duos

Heute ist die erste Kostümprobe der Inszenierung angesetzt, nach und nach verschwinden alle einzeln in einem Nebenraum und kehren weißgekleidet zurück. Von Donat macht von jedem Fotos für die Werbeflyer und die Presse. Wer gerade nicht geschminkt, angekleidet oder fotografiert wird, überbrückt die Wartezeit zum ersten Durchlauf bei einem Schwätzchen mit den Kollegen, manche eingespielten Duos gehen zusammen ihre Texte durch. So ein eingespieltes Team sind Heiko Schwarz, Rollifahrer und Laiendarsteller, der gleich eine Zwangsjacke anlegen muss und daran arbeitet, realistisch einen Menschen mit Sprachbehinderung darzustellen, und Profi Venus Hosseini, die vor allem den Spaß und den unkomplizierten Umgang miteinander im Ensemble mag. Ein anderes vertrautes Kollegen-Duo sind Nico Randel, ein Laiendarsteller mit Down-Syndrom, der den Toby spielt, und die Schauspielerin Sarina Abram, die dessen verstorbene, boshafte Schwester darstellt. Jetzt hat Abram noch nichts von der diabolischen Aufsässigkeit, die sie später als Vanessa auf der Bühne zeigen wird, wenn sie Toby als Geist erscheint. Sie hilft Randel freundschaftlich dabei, seine Sätze zu üben. Seine kräftige Stimme erfüllt den Raum. „Mir macht es Spaß, dass man in den Texten, die die Schauspieler in dem Stück sagen, so gut seine Gefühle ausbreiten kann“, erzählt er.

Figuren des Stücks erleben Exklusion statt Inklusion

Den anderen Neuzugang Miriam spielt die blinde Amerikanerin Leslie Mader, die zum ersten Mal im Ensemble dabei ist. Sie sitzt ein paar Meter von Nico Randel entfernt auf einem Quader und erzählt, wie glücklich sie darüber ist, dass sich seit ein paar Jahren endlich ihr langgehegter Kindertraum erfüllt, Schauspielerin zu sein. „Ich bin einfach sehr theatralisch“, lächelt sie. Den Charakter der Miriam findet sie „sehr nebulös. Man weiß nicht genau, warum sie in der Anstalt gelandet ist und ob sie wirklich Gedächtnislücken hat oder nicht.“ Ein bisschen Bammel hat sie noch vor ihrem großen A-Capella-Gesangssolo am Schluss. „Ich hoffe, ich fange tief genug an, damit ich die hohen Töne treffe“, seufzt sie.

Auch Jana Zöll, die aufgrund einer Glasknochenkrankheit im Rollstuhl sitzt und ihre Assistentin mit zur Probe gebracht hat, ist Profi. Vier Jahre hat sie eine Schauspielausbildung in Ulm gemacht. Schon seit sie eine Schülerin war, liebte sie die Bühne, erzählt sie. „Mir gibt das Gruppengefühl viel, das es beim Theater gibt, wenn ein Ensemble gut funktioniert“, sagt Zöll. „Als einzige Rollifahrerin habe ich mich in der Schule oft nicht dazu gehörig gefühlt. Bei Theatergruppen war das immer anders.“ Die Schauspielerin stellt die Insassin Martha dar. Am interessantesten an der Rolle sei der letzte Satz, den sie zum Publikum gewandt spricht: „Ist es denn wirklich so schwer, uns in unserer Individualität entgegen zu kommen?“ Jana Zöll verrät dieser Satz viel über Marthas drängendste Schwierigkeit: „Ihr Problem ist, dass sie von der Gesellschaft nicht so genommen wird, wie sie ist – sie erlebt Exklusion statt Inklusion“, sagt Zöll. Dass in dem Stück Menschen mit Behinderung Charaktere mit einer anderen Behinderung spielen, sei für sie nicht von Belang: „Menschen spielen Menschen“, sagt sie achselzuckend.
Dann unterbricht Sascha von Donat mit dem Ruf „Auf Ausgangsposition bitte!“ die Gespräche im Saal. Der Probedurchlauf kann beginnen.


Linktipps:
Alle Aufführungstermine von „Unter Irren“ in Köln, Bochum und Essen
Die Opernwerkstatt am Rhein in Köln
Die Bühne der Kulturen, der Aufführungsort von „Unter Irren“ im Rahmen des Kölner Sommerblut-Festivals in Köln
Die Förderprogramme der Aktion Mensch

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