Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Manchmal fehlt eben doch die Milch

Ein Porträt der ersten inklusiven Wohngemeinschaft Ludwigshafens

IGLU-Mitbewohner: Gemeinsamer Alltag baut Vorurteile ab IGLU

Iglus sind Schneehäuser. In der Sprache ihrer Erbauer bedeutet Iglu aber einfach nur "Wohnung". In der ersten inklusiven Wohngemeinschaft Ludwigshafens wohnen seit fast einem Jahr Menschen mit und ohne Handicap zusammen. Jeder übernimmt nach seinen Möglichkeiten Aufgaben im Alltag, aber es bleibt auch genug Freiraum für jeden.

Kontakt zu anderen Menschen ist wichtig

Melanie Spähn ist 28 Jahre alt. Mit neun Mitbewohnern lebt sie im IGLU in den Hohenzollernhöfen in Ludwigshafen. Sie arbeitet in Kindergärten und Altenheimen und auf einem Abenteuerspielplatz. Der Kontakt zu anderen Menschen ist Melanie sehr wichtig. Sie kann nicht sprechen, aber beim Spielen mit Kindern oder älteren Menschen findet sie ihren Weg, sich auszudrücken. Schon der Weg hin zur Arbeit steckt voller Begegnungen: "Ich habe immer gesagt, Melanie soll mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren und nicht im Behindertentransport. Sie muss doch Kontakt zu den Menschen haben. Wie soll man sonst Inklusion leben", sagt Bernadette Bros-Spähn, Mutter von Melanie und Initiatorin von IGLU.

Das IGLU ist eine WG auf zwei Geschossen, rollstuhlgerecht zugänglich und kommunikativ gebaut. Mit einem Fahrstuhl ist die Wohnung erreichbar. Jeder Mitbewohner hat sein eigenes Zimmer. Es gibt behindertengerechte Bäder und Gäste-WCs. Das Haus ist in einer U-Form angelegt, mit einem Innenhof für alle Bewohner, in dem gegrillt oder sich gesonnt werden kann. Die gemeinschaftlich genutzten Räume – Küche, Wohnzimmer und das Gästezimmer – haben die Bewohner gemeinsam eingerichtet.

Alltag ist gut durchgeplant – dennoch lebt jeder sein Leben

Eine der Bewohnerinnen hat ein Down-Syndrom, ein anderer ist autistisch veranlagt, eine weitere ist gelernte Erzieherin. Die meisten aus dem IGLU studieren, einige arbeiten. Fast alle hier sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, ein Mitbewohner ist 47, aber jung geblieben. Die unterschiedlichen Einschränkungen der Bewohner mit Behinderung sind kognitiv oder körperlich. Vier Menschen mit und sechs Menschen ohne Handicap wohnen in der inklusiven WG zusammen. Jeder übernimmt typische WG-Aufgaben wie Einkaufen oder Putzen. Wo die Einschränkungen der behinderten Mitbewohner eine Aufgabe unmöglich machen, können sie auf ihre persönlichen Assistenten zurückgreifen. Oder die Bewohner ohne Behinderung können die Dienste übernehmen, und dafür wird ihre Monatsmiete entsprechend geringer. Der Alltag in der WG ist gut durchgeplant. Dennoch lebt jeder sein Leben, besucht Vorlesungen oder geht in der Werkstatt für behinderte Menschen arbeiten. "Es ist eben ein richtiges WG-Leben, manchmal fehlt eben doch die Milch, manchmal nervt auch jemand", spricht Melanies Mutter für ihre Tochter.

Initiative von Eltern von Kindern mit Behinderungen

IGLU entstand aus einer Initiative von Eltern von Kindern mit Behinderungen, die sich in einem Verein zusammengefunden haben. Seit Jahren setzt sich der Ludwigshafener Verein "Integration statt Aussonderung – Gemeinsam Leben, Gemeinsam Lernen e.V." für die konsequente Nichtaussonderung von Menschen mit Behinderungen ein. Besonders die Frage des nachfamiliären Wohnens beschäftigte die Eltern. "Wir haben uns ähnliche Wohnprojekte im Saarland und in Baden-Württemberg angeschaut. Da war allerdings das Problem, dass die Bewohner mit Behinderung am Wochenende immer nach Hause mussten, da keine Betreuung gegeben war", sagt Frau Bros-Spähn.

Im IGLU ist das anders. Die WG ist auch am Wochenende eine WG. Die Bewohner ohne Behinderung nehmen sich am Wochenende Zeit für ihre behinderten Mitbewohner. Für alles Weitere stehen den Menschen mit Behinderung zwei hauptamtliche Vollzeitkräfte und eine Auszubildende zur Seite. Dabei geht es nicht nur um Nachtdienste, Wecken und Frühstückmachen, denn die WG unternimmt gemeinsame Ausflüge zu Messen, aufs Weinfest oder man groovt zu den Klängen der Band, in der einer der Mitbewohner singt.

Inklusive Gruppe, in der die Menschen voneinander lernen

Die hauptamtlichen Kräfte und die persönlichen Assistenten werden durch ein Persönliches Budget, das den Menschen mit Behinderung aus der Eingliederungshilfe zusteht, finanziert. Ziel des Elternvereines ist es aber auch, Menschen ohne Handicap für ein gemeinsames Wohnen zusammen mit Menschen mit Behinderung zu ermutigen. "Unsere WG ist eine inklusive Gruppe, in der die Menschen voneinander lernen. Einer der Mitbewohner war sehr begeistert davon zu lernen, wie man ein Bett richtig macht", schmunzelt Frau Bros-Spähn, "die Mitbewohner sind sehr neugierig, vom anderen zu lernen, und fühlen sich wohl." Der persönliche Kontakt und die gemeinsamen Erfahrungen im Alltag bauen Vorurteile bei allen Mitbewohnern ab und ermöglichen den Menschen mit Behinderung oft erst die sehr wichtige, oft schwierige Abkopplung aus dem Elternhaus.

Das IGLU ist ein Ort mitten im Leben, mitten in der Stadt. Hier kann man auch mal krank sein, denn man wohnt nicht alleine. Es ist immer jemand da – ein richtiges Zuhause. Als Wohnform des gemeindenahen Wohnens ist die inklusive Ludwigshafener WG auch ein Modell für die Zukunft. Nicht nur für Menschen mit Behinderung, sondern beispielsweise auch für ältere Menschen ist die inklusive Wohnform interessant. Und so bleibt die Resonanz nicht aus: Frau Bros-Spähn liegen viele Anfragen von anderen Eltern vor, Pädagogikstudenten begleiten das Wohnprojekt wissenschaftlich. Ganz wichtig dabei ist für Melanies Mutter: "Ich sehe Behinderung nicht nur als etwas Negatives. Was können wir daraus lernen, wie kann es vorwärts gehen mit der Inklusion?"


Linktipps:
Mehr Infos zur inklusiven Wohngemeinschaft IGLU in Ludwigshafen
Das Handlungsfeld "Inklusion leben: Zuhause" der Aktion Mensch
Mehr zum Thema barrierefreies Wohnen beim Familienratgeber
Der Traum vom gemeinschaftlichen Wohnen – das Philosophicum-Projekt in Frankfurt. Ein Blogbeitrag von Eva Keller über ein inklusives Wohnprojekt in der Metropole am Main
"Unterstützung wird keine Einbahnstraße sein". Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über das Hamburger Wohnprojekt BliSS für gemeinsames Wohnen von blinden, sehbehinderten und sehenden Menschen
Aber bitte mit Fahrstuhl! Ein Blogbeitrag von Katja Hanke über gelebte Inklusion in einer Berliner Wohngemeinschaft
Infos zur Sonderverlosung der Aktion Mensch-Lotterie am 5. November 2013

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