Projekte & Förderung, Aktion Mensch-Blog

Man wünscht sich eine Schublade

In einem Saarbrücker Haus leben Studierende und Menschen mit Behinderung zusammen. Eine WG wie tausend andere – und doch wie keine.

Inklusive WG in Saarbrücken: Laut, chaotisch, bunt Aktion Mensch / Thilo Schmülgen

„Was wir hier machen, fällt aus jeder Schublade“, sagt Ilse Blug. Man schaut sich um, hört den Trubel, sieht die lachenden Gesichter und denkt: Ja, leider.
In Saarbrücken gibt es eine von ganz wenigen integrativen WGs für Studierende und Menschen mit Behinderung. Gegründet hat sie der Verein Miteinander Leben Lernen (MLL), der seit 30 Jahren existiert und ein Zusammenschluss von Eltern und Pädagogen ist. Hier leben fünf Studentinnen und Studenten zusammen mit fünf Menschen im gleichen Alter, die eine geistige und teils auch körperliche Behinderung haben. Die Studierenden zahlen nur die Nebenkosten für ihr Zimmer und übernehmen dafür Dienste wie Kochen oder Freizeitbegleitung.

Betreuung – in beide Richtungen

Wie das funktioniert? Wie in jeder WG mit zehn Leuten Anfang zwanzig. Laut, chaotisch, bunt. Für die fachliche Betreuung und Pflege der Bewohner mit Behinderung sorgt ein professionelles Team. Die WG bewohnt ein ganzes Haus mitten in Saarbrücken. „Mehr Zentrum, mehr Studentenviertel geht nicht“, sagt Myriam Helminger, die seit April 2013 hier wohnt. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass das Leben in der WG anstrengend sein kann. Aber dass sie selbst viel öfter aufgefangen, getröstet wird als umgekehrt. Unterstützung, Betreuung? Ja, in beide Richtungen.

Es gibt noch zwei, drei vergleichbare Einrichtungen in Deutschland. Aufgebaut von Initiativen, die das Problem mit der Schublade nicht scheuen. Denn das bedeutet: Es ist schwer, die Finanzierung zu stemmen, die Regularien einzuhalten, weil die deutschen Gesetze und Verordnungen immer noch zu sehr auf Heimbetreuung ausgerichtet sind. An ein Modell wie dieses, das Inklusion zur Normalität macht, hat dabei niemand gedacht. Mit Hilfe der Aktion Mensch konnte MLL den notwendigen Aufzug und den Umbau der Küche finanzieren.

Eigene Probleme relativieren

Wer in die große Küche kommt, erlebt nichts anderes. Normalität. Der eine muss lernen, der andere drängt: Lass uns doch lieber ins Kino gehen. Studentenleben, nur angereichert um eine lebenswichtige Erfahrung, die Student Max Friedrich beschreibt: „Ich frage mich manchmal, wo ich mehr lerne: im Studium oder hier.“ Lernen, die eigenen Probleme richtig einzuordnen, relativieren zu können.

Der Verein MLL wünscht sich sehr, dass sein Modell nachgeahmt wird. Das aber setzt einiges voraus, sagt Ilse Blug: „Man muss immer wieder die Balance suchen zwischen Selbstbestimmung und Sicherheit. Und die Eltern müssen bereit sein, viel Verantwortung abzugeben.“ Dazu kommen halt noch die Probleme mit den Regularien, die vielleicht bald ein bundesweites Teilhabegesetz lösen wird. Dann könnte jeder Mensch mit Behinderung so weit wie möglich seine Lebensform selbst bestimmen und hätte dafür ein eigenes Budget. Das wäre dann endlich die passende Schublade.


Linktipps:
Mehr Infos beim Verein Miteinander Leben Lernen in Saabrücken
Das Handlungsfeld „Inklusion leben: Zuhause“ der Aktion Mensch
Die Förderbroschüre „Gemeinsam wohnen“: Das Förderprogramm Wohnen der Aktion Mensch
Aber bitte mit Fahrstuhl! Ein Blogbeitrag von Katja Hanke über gelebte Inklusion in einer Berliner Wohngemeinschaft
Manchmal fehlt eben doch die Milch. Ein Blogbeitrag von Michael Wahl über die erste inklusive Wohngemeinschaft Ludwigshafens
Inklusion im Passivhaus. Ein Blogbeitrag von Carmen Molitor über drei junge Menschen mit und ohne Behinderung in einer inklusiven WG in Freiburg

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