Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Malen ist Hoffnung

Die Kunsttherapeutin Brigitte Lobisch ermöglicht es Menschen mit Autismus, die nicht verständlich sprechen können, mithilfe von Gestützter Kommunikation und Gestütztem Malen, sich zu öffnen und zu malen. Durch ihre Bilder können die Künstlerinnen und Künstler die Welt an ihren Gedanken und Gefühlen teilhaben lassen.

Brigitte Lobisch und Schüler: Schöpfer eines eigenen Werkes Fotos: Malen ist Hoffnung

Brigitte Lobisch steht oft vor einem Rätsel: Einige ihrer Schülerinnen und Schüler setzen beim Malen über Jahre hinweg nur Kritzelspuren. Doch die Lehrerin für Kunsterziehung und Werken, die an einer Sonderschule zur individuellen Lebensbewältigung unterrichtet, ist nicht bereit, diese bildnerischen Leistungen der Jugendlichen dem Entwicklungsstand von Zweijährigen zuzuordnen, wie man es aus der Entwicklungspsychologie kennt. Sie fragt sich, ob nicht eine künstlerische Gestaltungskraft in diesen Menschen mit Behinderung angelegt sei, die zwar im Ausdruck behindert ist, sich aber durch Unterstützung möglicherweise entfalten könnte.

"1993 war das Schlüsseljahr in meinem beruflichen Leben als Kunsterzieherin in einer Förderschule Geistige Entwicklung", schreibt sie auf ihrer Website. "Ich hatte gerade meine Zusatzausbildung als Kunsttherapeutin abgeschlossen und meinen Titel als heilkundliche Psychotherapeutin erworben, da erlernte ich die Methode der Gestützten Kommunikation, die mir vollkommen neue Möglichkeiten des Austauschs mit den mir anvertrauten schwer kommunikationsbehinderten Schülern gab. Bald wollte jede/r gestützt werden und genoss es, selbst die Inhalte des Unterrichts mitbestimmen zu können und seine geistigen Fähigkeiten zu zeigen."

Gestützte Kommunikation als völlig neue Möglichkeit des Austauschs

Bei der Gestützten Kommunikation, engl. Facilitated Communication (FC) handelt es sich um eine Methode aus dem Spektrum der Unterstützten Kommunikation, die es manchen Menschen mit schweren kommunikativen Beeinträchtigungen ermöglicht, durch gestütztes Zeigen zum Beispiel auf Objekte, Bilder oder Buchstaben zu kommunizieren. Der Stützer bzw. die Stützerin gibt dabei physische, verbale und emotionale Hilfestellungen. Er bzw. sie bietet dazu der Hand, dem Handgelenk, dem Unter- oder Oberarm des Nutzers beim Zeigen auf Bilder, Wörter oder beim Tippen auf Buchstaben auf einer Tastatur einen starken Gegendruck nach oben, einen Widerstand. Dadurch entsteht beim Nutzer der Impuls, diesen Widerstand zu überwinden und eine willkürliche motorische Bewegung auszuführen. Dadurch kann er zum Beispiel einen gewünschten Buchstaben exakt ansteuern. Das Training kann bis zum unabhängigen Zeigen, der selbständigen Nutzung eines Kommunikationsgerätes und zur Erweiterung von Handlungskompetenzen führen. Auf psychischer Ebene wirkt Stütze durch die intensive emotionale Zuwendung.

Gestütztes Malen als Weiterführung von FC

1994, als Brigitte Lobisch schon eine sichere Stützerin für viele FC-Anwenderinnen und Anwender geworden ist, fängt sie an darüber nachzudenken, ob die physische und psychische Stütze, auf der ja FC basiert, auch auf ihr eigentliches Berufsfeld, die Kunsterziehung, zu übertragen sei. Sie beginnt, mit Stütze im Zeichnen zu experimentieren. Das Ergebnis ist für sie und die Malerinnen und Maler gleichsam beglückend. "Es ist wunderbar, zu erleben, wie zielgerichtet und sicher zum Beispiel die Farbauswahl durch gestütztes Zeigen erfolgt und wie sicher und kraftvoll die malerischen Spuren gesetzt werden." Dabei ist ihr bewusst, dass bei dieser Arbeit ein hohes Maß an Achtsamkeit und Erfahrung notwendig ist, wirklich nur dem Bewegungsimpuls des Malenden zu folgen und nichts Eigenes hineinzubringen.

Und sie beobachtet immer wieder, wie hilfreich und beruhigend sich die Arbeit mit den Farben auf autistische Menschen auswirkt, deren innere Welt oft von einem Chaos an Wahrnehmungen bzw. Wahrnehmungsverzerrungen bestimmt wird. Dass sie sich als aktiv Handelnde und als Schöpfer eines eigenen Werkes erleben. Ein Werk, das bestehen bleibt. Das macht sie zufrieden, glücklich, stolz. Die Kunsttherapeutin ist froh, dass sie diese Menschen auf diesem schönen, oft auch schmerzhaften und anstrengenden Weg begleiten darf.
Bisher hat Brigitte Lobisch mit mehr als 60 autistischen bzw. nichtsprechenden Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im In- und Ausland therapeutisch gearbeitet. Dabei geht es keinesfalls ausschließlich um Malerei. Immer kommen die jungen Frauen und Männer mit ihren ganz individuellen Problemen und Nöten, Herausforderungen, überschießender Freude oder mit Depressionen, auch mit Erfahrungen von Missbrauch oder Missachtung. Bei Brigitte Lobisch erfahren sie im vertrauten geschützten Rahmen, dass sie akzeptiert und angenommen werden, so wie sie sind. Hier können sie sich aussprechen bzw. "ausschreiben" und "ausmalen".

Ausstellung im Münchener Gasteig

Seit 1995 realisiert Brigitte Lobisch regelmäßig große Ausstellungen von Bildern aus dem Gestützten Malen unter dem Motto "Malen ist Hoffnung". Die Malerinnen und Maler stehen dann im Licht der Öffentlichkeit und werden durch die positive Resonanz der Ausstellungsbesucher spürbar in ihrem Selbstwert gestärkt. Die öffentliche Wahrnehmung auf diese besonderen Menschen, so schätzt Brigitte Lobisch ein, habe sich dabei positiv verändert. Respekt, Achtung, Wertschätzung, Bewunderung, Anteilnahme, Betroffenheit kommen in Pressestimmen, Einträgen in die Gästebücher und Briefen offen zum Ausdruck.
Von Februar bis März 2013 hat Brigitte Lobisch nun eine weitere große Ausstellung im Münchener Gasteig initiiert. Der Videojournalist Kilian Sterff, der selbst mit einer autistischen Veranlagung lebt, hat darüber den beeindruckenden Film "Kunst hat viele Gesichter" für die "Arbeitsgemeinschaft Behinderung und Medien" gemacht. Darin wird die praktische Anwendung des von Brigitte Lobisch praktizierten Gestützten Malens anschaulich gezeigt. Dieser Film trägt meines Erachtens auf einfühlsame Weise dazu bei, in der Bevölkerung Verständnis für die geheimnisvolle Welt der Autisten zu wecken.


Linktipps:
Das Projekt "Malen ist Hoffnung" von Brigitte Lobisch
Ich male, also bin ich. Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über das Malen durch Gedanken
Street Art zum Anfassen. Ein Blogbeitrag von Stefanie Wulff über "Brailletags", ein haptisches Graffiti der anderen Art
"Ich sehe was, was du nicht siehst". Ein Blogbeitrag von Ulli Steilen über eine Kölner Ausstellung von Künstlern mit und ohne Behinderung
Ein Auftrag der besonderen Art. Ein Blogbeitrag von Eva Keller über die Künstler des "Atelier Goldstein"


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Helga Sklorz

Hallo liebes Projekt Team,
gibt es dieses Projekt nur Im Münchner Raum .Suche für eine Bachelorarbeit vergleichbare mit autistischen Menschen im Ruhrgebiet.
Beste Gruesse
Helga Sklorz

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