Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Leidmedien.de – ein Streifzug durch die behindernde Sprache

Lesung mit Lilian Masuhr und Ninia Binias am 24. Oktober 2013 in Berlin

Menschen mit Behinderung in den Medien: Ganz normale Menschen – keine Opfer, keine Helden Fotos: leidmedien.de

Viele Menschen bewegen sich in einem Rollstuhl fort. Dass sie an ihn „gefesselt“ sind, empfinden aber nur wenige. In den Medien wird das aber immer wieder behauptet. Da „meistern“ Menschen mit Behinderung „ihr Schicksal“, und das auch noch „tapfer“, lächeln „trotz ihrer Behinderung“ oder leben „in totaler Dunkelheit“. Eine Berichterstattung mit solchen Bildern bringt Inklusion nicht wirklich voran. Die Internetseite „Leidmedien.de“ zeigt nicht nur Schwachstellen auf, sondern gibt Journalisten Tipps und zeigt, wie es besser geht. Am 24. Oktober lädt das Deutsche Institut für Menschenrechte zu einer Lesung mit „Leidmedien.de“ ein, einem Projekt von Sozialhelden e.V. in Kooperation mit der Aktion Mensch. Anwesend ist unter anderem Projektleiterin Lilian Masuhr.


Frau Masuhr, warum ist es wichtig, wie die Medien über Menschen mit Behinderung berichten?
Lilian Masuhr: In Deutschland ist es leider immer noch die Regel, dass die meisten Menschen ohne Behinderung keinen Kontakt zu Menschen mit Behinderung haben. Das einzige Bild, das sie von ihnen bekommen, ist aus den Medien. Darum ist es wichtig, das positiv zu verändern. So kann man Berührungsängste abbauen. Leider geht es in den deutschen Medien noch viel zu viel um Unterschiede und nicht um Gemeinsamkeiten. Es wäre schön, wenn Menschen mit Behinderung in den Medien als ganz normale Menschen auftauchen würden – nicht als Opfer, aber auch nicht als Helden.

Wie ist die Idee zu „Leidmedien.de“ entstanden?
Als Raul Krauthausen von den Sozialhelden die Online-Karte für rollstuhlgerechte Orte „Wheelmap“ veröffentlichte, wurde viel über ihn berichtet. Dabei fiel ihm auf, dass er nicht einfach nur der Initiator war, sondern der, der das geschafft hat, „obwohl er im Rollstuhl sitzt“. Er wollte sich dann genauer ansehen, wie über Menschen mit Behinderungen berichtet wird. Wir waren anfangs zu viert und haben uns viele Artikel, Radio- und Fernsehbeiträge angesehen. Mittlerweile sind wir zu dritt, und es gibt auch viele Gastautoren, die Beispiele aus den Medien analysieren und beschreiben, wie sie es besser finden würden. Das sind Blogger, Journalisten, Sportler mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen.

Und was ist Ihnen dabei am meisten aufgefallen?
Es wird immer eine Distanz hergestellt: Entweder „leiden“ die Leute immer, was ja überhaupt nicht mit der Realität übereinstimmt, oder die Journalisten berichten mit Faszination oder Verwunderung darüber, was jemand doch alles kann, und heben es immer wieder hervor. Dabei würden sich hinter den Leuten auch andere interessante Geschichten verbergen. Ich muss an einen Text über eine Studentin denken: 75 Prozent des Textes handelte davon, wie schwierig ihr Leben ist. Nur in einem Nebensatz tauchte auf, dass sie in einer Partnerschaft lebt. Darüber haben die Leser aber nichts erfahren.

Sie kritisieren ja auf Leidmedien.de nicht nur, sondern geben auch wertvolle Tipps. Wie reagieren denn die Journalisten darauf?
Journalisten finden die Seite sehr hilfreich. Wir sind letzten Sommer zu den Paralympics online gegangen, und anfangs sollte die Seite auch nur ein Ratgeber zur Berichterstattung über die Paralympics sein. Die Resonanz war so groß, dass wir weitergemacht haben. Wir gehen nicht nur auf die Sprache ein, sondern geben auch Tipps, wie man in Interviewsituationen mit den Leuten umgeht. Dafür sind viele Journalisten sehr dankbar.


Veranstaltungstipp:
Die Lesung findet am 24. Oktober 2013 um 19 Uhr in der Bibliothek des Deutschen Instituts für Menschenrechte, Zimmerstraße 26/27, 10969 Berlin statt. Neben Lilian Masuhr liest auch die Poetry-Slammerin und Leidmedien-Gastautorin Ninia Binias.



Linktipps:
Das Projekt „Leidmedien.de“
Leidmedien – Sprache, die verletzen kann. Ein Blogbeitrag auf respect.de über das Projekt „Leidmedien.de“
Klischees wett kämpfen. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen über das gesteigerte mediale Interesse an den Paralympics und Klischees in der Berichterstattung
Filmreife Behinderung. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen über die Darstellung von Behinderungen im Film
Normalität in Film und Fernsehen. Ein Blogbeitrag von Carina Kühne über Menschen mit Behinderung in den Medien
Zwischen Wolfsmädchen und Dschungelcamp. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen über moderne "Freakshows" in den Medien

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