Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Leben in London: Normal, eine Behinderung zu haben

Christiane Link lebt in London. Im Gespräch mit Heiko Kunert berichtet sie über Inklusion und Barrierefreiheit in Großbritannien.

Christiane Link vor der Londoner Tower Bridge

Heiko Kunert: Du lebst seit 2006 in London. Wenn Du in der Stadt unterwegs bist, was sind im Alltag die größten Unterschiede zu deutschen Städten?

Christiane Link: Was mir als Erstes auffiel, als ich nach London kam, war, dass es normal war, eine Behinderung zu haben. Hier leben Menschen aus der ganzen Welt, die alle ganz unterschiedlich aussehen, verschiedene Traditionen pflegen, unterschiedliche Religionen haben, sich unterschiedlich verhalten, da war ein Rollstuhl nicht wirklich die Sensation. London ist eine irre weltoffene Stadt, man wird nicht angegafft, wenn man eine Behinderung hat – jedenfalls nicht von Londonern. Die Touristen machen das manchmal. Ich fand es einfach sehr angenehm, wie unaufgeregt man mit meiner Behinderung umging. Das ist in Deutschland schon noch ein bisschen anders. Außerdem sind viele Briten sehr hilfsbereit und zuvorkommend, ohne aufdringlich zu sein und ohne zu versuchen, das Aufhalten der Tür oder das Herunterreichen der Milch im Supermarkt gleich als Heldentat zu verkaufen. Das erleichtert mir den Alltag sehr.

Von Anfang an Teil der Gesellschaft

Ich selbst war häufiger in England unterwegs und hatte den Eindruck, dass die Menschen sehr viel selbstverständlicher mit meiner Behinderung umgingen als hier in Deutschland. Nimmst Du das auch so wahr? Und wenn ja, wie erklärst Du Dir das?

Ja, das erlebe ich auch so. Ausnahmen bestätigen aber wie immer die Regel. Ich denke, das hat sehr viel damit zu tun, dass in UK im Gegensatz zu Deutschland Inklusion wirklich praktisch umgesetzt wird.
Seit die britische Regierung 1995 den Disability Discrimination Act – ein umfangreiches Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsgesetz für behinderte Menschen – verabschiedet hat, hat sich vieles geändert. Zum Beispiel wird noch mehr als zuvor integrativ beschult. Mehr als 80 Prozent aller behinderten Kinder gehen in Regelschulen. Das hat zu einer Normalisierung des ganzen Themas beigetragen. Briten meines Alters sind es gewohnt, mit behinderten Menschen umzugehen, weil sie fast alle behinderte Mitschüler hatten. Umgekehrt sind behinderte Menschen in meinem Alter in Regelschulen gegangen und waren von Anfang an Teil der Gesellschaft und nicht in Sondereinrichtungen. Das verändert die Gesellschaft enorm.

Diskriminierung nicht nur verboten, sondern auch teuer

Stichwort Barrierefreiheit. Kannst Du ein paar Beispiele nennen, wo es hinsichtlich Barrieren in UK anders läuft als in Deutschland?

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Durch die gute Gesetzgebung ist wirklich fast jeder Lebensbereich in Großbritannien abgedeckt, es muss umfassende Barrierefreiheit hergestellt werden, und Diskriminierung ist nicht nur verboten, sondern wird auch teuer. Einem blinden Menschen die Mitfahrt im Taxi zu verweigern, weil er einen Blindenführhund hat, kostet hier um die 2.000 Euro Schadenersatz und Gerichtskosten und zudem die Lizenz, wenn der Fahrer Pech hat.

Alle Unternehmen, Serviceanbieter und staatliche Stellen sind verpflichtet zu prüfen, welche angemessenen Veränderungen sie machen können, um ihr Angebot barrierefreier zu machen. Auf diese Änderungen hat man auch im Berufsleben Anspruch, sonst ist es eine schadenersatzpflichtige Diskriminierung. Das wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus: Da ist der 700 Jahre alte Pub in Greenwich, der eine barrierefreie Toilette eingebaut hat. Sie hatten genug Platz, sie konnten es sich leisten, also mussten sie es machen. Das Fernsehprogramm ist zu 100 Prozent untertitelt, manche Sendungen werden auch in Gebärdensprache übersetzt, und es gibt ein umfassendes Angebot für Programme mit Audiodeskription (AD). Zur Primetime wird bei der BBC kaum ein Film ohne AD ausgestrahlt, und selbst die Privatsender bieten es an. Im Londoner Westend werden fast alle Produktionen in einer Spielzeit auch einmal mit AD, Schriftdolmetschern und Gebärdensprachdolmetschern angeboten. Auch Kinos haben AD-Angebote. Das Sportangebot ist barrierefreier als in Deutschland, was natürlich auch London2012 zu verdanken ist.

Was meinen Alltag am meisten positiv beeinflusst, ist die Tatsache, dass es keinen Mangel an barrierefreien Toiletten gibt. Ich hasse es, in Deutschland meine Tagesplanung danach auszurichten, wann und wo die nächste barrierefreie Toilette ist. Selbst wenn hier ein Pub mal keine hat, kann man sicher sein, dass das Pub nebenan eine hat. Ich plane gar nicht mehr, wann ich wo zur Toilette gehen kann. Ich kann einfach gehen.

Soziales Modell ebnet behinderten Menschen den Weg, sich zu emanzipieren

Du betonst in Deinem Blog immer wieder, dass in Großbritannien das soziale Modell von Behinderung vorherrscht – im Gegensatz zum medizinischen Begriff in Deutschland. Kannst Du in wenigen Sätzen den Vorteil des sozialen Modells beschreiben?

Das soziale Modell von Behinderung definiert Behinderung als soziale Aufgabe der Gesellschaft, nicht als individuelles, tragisches Problem eines Einzelnen. Ein Beispiel: Wenn ich vor einem Gebäude stehe, das 10 Stufen hat, sieht das soziale Modell die Stufen als die Behinderung an. Das medizinische Modell aber geht davon aus, dass ich nicht rein komme, weil ich nicht laufen kann.

Wenn die Gesellschaft also davon ausgeht, dass die Beseitigung von Barrieren eine gemeinsame Aufgabe ist und es nicht mehr darum geht, dass ich nicht laufen kann, dann passiert auch mal was in Richtung Barrierefreiheit und Teilhabe. Wenn man immer nur bedauert, dass jemand nicht laufen kann, passiert erst mal gar nichts. Ich glaube, das soziale Modell ebnet behinderten Menschen den Weg, sich zu emanzipieren, wenn sie endlich erkennen, dass nicht sie das Problem sind, sondern die Umwelt, und es kann zur konkreten Abschaffung von Barrieren führen – baulicher, organisatorischer Art oder einfach zu einer Änderung der Einstellung von Leuten.

Beste Voraussetzungen, umfassend barrierefrei zu werden

Du kritisierst immer wieder die deutsche Politik, deutsche Medien und die Behindertenverbände in Deutschland. Was können wir von Großbritannien lernen? Und gibt es andersherum etwas, was in Deutschland besser läuft als in UK?

Ich glaube, dass man Behinderung in Deutschland ganz anders denken und definieren muss, als das derzeit der Fall ist. So lange alle immer nur auf den vermeintlichen Defiziten herumreiten, statt die Möglichkeiten zu sehen und zu fördern, wird sich wenig ändern. Durch die schulische Integration verläuft die Sozialisation behinderter Menschen ganz anders in Großbritannien. Behinderte Menschen sind vielfach selbstbewusster und haben eine Gesellschaft im Rücken, die sie mit einer recht guten Gesetzgebung abgesichert hat. In Deutschland heißt es oft, es geht ums Geld. Ich glaube, das ist gelogen. Es geht vielfach um den Willen. Serviceanbieter zu verpflichten, jemanden mit Blindenführhund nicht abzuweisen, kostet keinen Cent. Im Gegenteil, wenn man das mit einem Bußgeld belegt, verdient eine Gemeinde daran sogar noch, und es vermittelt ein Signal, dass die Diskriminierung behinderter Bürger nicht akzeptiert wird.

Es gibt ein positives Vorurteil, was viele Briten über Deutsche haben: Wir seien so wahnsinnig effizient. Wenn ich mir anschaue, wie hier die Verwaltung arbeitet, verstehe ich, woher das kommt. Ich warte seit mehr als zwei Monaten auf einen neuen Behindertenparkausweis. Wenn sich Deutschland also wirklich dazu entschließen würde, behinderte Menschen voll gesellschaftlich teilhaben zu lassen, glaube ich, das ginge schneller und effizienter als in Großbritannien. Deutschland hat nach wie vor ein gutes Ausbildungssystem, es geht Deutschland wirtschaftlich gut. Was ich vermisse, ist die Überzeugung, behinderten Menschen wirklich die gleichen Chancen eröffnen zu wollen und daraus Taten folgen zu lassen. Deutschland hat die besten Voraussetzungen, umfassend barrierefrei zu werden. Das Land hat gute Ingenieure, ist innovativ und hat gute Schulen. Ich bin sicher, es wäre möglich, besser zu werden als die Briten, was Barrierefreiheit angeht. Deutschland hat die bessere Infrastruktur dafür. Aber man muss es eben wollen.


Christiane Link (36) ist Journalistin. Die gebürtige Mainzerin hat in Hamburg studiert und dort bei der Deutschen Presseagentur (dpa) gearbeitet.2006 ging sie nach London, um sechs Monate bei der BBC zu arbeiten. Dann hatte sie die Idee, eine deutschsprachige Zeitung zu gründen. Die hat sie fünf Jahre lang herausgegeben, bis sie sie Ende 2012 verkauft hat. Link hat bei beiden Eröffnungsfeiern von London2012 mitgewirkt. Sie bloggt auf behindertenparkplatz.de.


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