Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Kommunikation und Teilhabe durch Technik

Kommunikation ist ein Grundbedürfnis, finden Julius und Julia Deutsch. Deshalb entwickeln sie mit ihrem Verein Kommhelp e. V. Hilfsmittel zur barrierefreien Kommunikation für Menschen mit Schwerstbehinderungen, kostenlos und auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten – für mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben

Kommunikationslösung Zungenschalter: Neue Lebensqualität und Möglichkeit der Teilhabe Kommhelp e.V.

Alles begann mit einem Blick. Den fing Julius Deutsch 1989 von einem Jungen auf, der wegen seines Spasmus nicht reden und sich nicht bewegen konnte. Er kommunizierte mit Kopfbewegungen, die mit Bliss-Symbolen auf Papiertafeln korrespondierten, die er in seinem Rollstuhl immer dabei hatte. Er selbst hatte alle Zeichen im Kopf, seine Gesprächspartner mussten sie auf den Tafeln suchen.

Programme, die Leben verändern

„Mich hat diese Diskrepanz fasziniert“, erinnert sich Julius Deutsch. „Diese mühsame, fehlerhafte Kommunikation und dazu der Mensch, der all die Zeichen im Kopf hatte und mich so intelligent anschaute.“ Also baute der Chemiker mit einem Faible zum Programmieren einen Kopfschalter für einen Computer und schrieb ein Programm, mit dem der Junge die Nummern der Tafeln, Zeilen und Spalten problemlos angeben konnte. In einer zweiten Version integrierte er die Zeichen in das System, und der Umweg über die Zahlen fiel weg. Deutsch erinnert sich gern daran, wie glücklich der Junge war und wie das Programm sein Leben veränderte.

Angepasst auf individuelle Bedürfnisse

„Das war der Auslöser“, sagt er jetzt. Er gründete einen Verein, Kommhelp e. V., um Spenden sammeln zu können. Seitdem hat der Verein rund 40 Menschen geholfen. Programme gebe es ja viele kostenlos im Internet, sagt Deutsch. „Das Problem sind oft die Eingabemöglichkeiten.“ Die passt er an die individuellen Bedürfnisse an und nimmt kleine Änderungen an den Programmen vor – kleine Änderungen, die einen großen Unterschied machen.

In der Regel kontaktieren Eltern, Betreuern oder die Menschen selbst den Verein. In vielen Fällen berät er nur, empfiehlt kostenlose Software aus dem Netz und hilft bei der Suche nach einer Lösung. „Wenn jemand nur noch einen Finger zwei Zentimeter bewegen kann, kann ich eine Eingabehilfe bauen, mit der man eine Maus über den Bildschirm bewegen kann“, sagt Julius Deutsch, der alles selbst programmiert. Bei Problemen konsultiert er Foren im Internet.

Der Computer als Brücke zur Teilhabe

Das Ehepaar Deutsch hat viele Geschichten parat von interessanten Menschen, die durch die Kommhelp-Lösungen besser kommunizieren können. „Oft sind die Eltern oder Betreuer aber nicht darauf eingestellt, mit den Geräten zu arbeiten, und empfinden sie als zusätzliche Belastung“, sagt Julius Deutsch. Dabei bedeuten sie für Menschen mit schweren Behinderungen eine neue Lebensqualität und die Möglichkeit der Teilhabe. Julia Deutsch geht sogar so weit zu sagen, dass Computer als Grundbedürfnis gelten müssten und Menschen mit schweren Behinderungen zur Verfügung gestellt werden sollten.

Schneller schreiben

Einen Computer hatte der Autor, Performer und Fotograf Roland Walter zwar, trotzdem musste der Mann mit einer spastischen Lähmung mit viel Mühe jeden einzelnen Buchstaben in die Tastatur tippen. Eine koordinatorische Höchstleistung. Bis er im Internet das Schreibprogramm „Dasher“ entdeckte, in dem man durch minimale Bewegung die Buchstaben einsammelt. Er bat Kommhelp e. V. um Hilfe bei der Suche nach einer besseren Eingabehilfe. „Wir haben verschiedene Dingen mit ihm durchprobiert und sind bei einem Grafik-Tablet gelandet“, sagt Julius Deutsch. Damit kann Roland Walter mittlerweile schnell und fast mühelos schreiben.

Immer wieder Herausforderungen

Momentan arbeitet das Paar an drei Projekten. Das größte ist ein Zungenschalter für eine komplett gelähmte Frau. Nach einem Schlaganfall kann sie selbst die Augenlider nicht mehr bewegen. Mit viel Mühe aber die Zunge. Sie haben ein Drahtgestell gebaut mit einem Schalter vor dem Mund – nach rechts für „ja“, nach links für „nein“. Bisher beschränkt sich die Kommunikation darauf. „Wir wollen gern erreichen, dass sie irgendwann auch ihre eigenen Themen ansprechen kann“, sagt Julia Deutsch. Das sei nicht leicht. Doch daran sind sie gewöhnt.


Linktipps:
Der Verein Kommhelp e. V. zur Förderung kommunikativer Möglichkeiten von Menschen mit Behinderung
Spenden und Crowdfunding: Auf dem Weg zu community-finanzierten Hilfsmitteln. Ein Blogbeitrag von Domingos de Oliveira über neue Wege zur Entwicklung von Hilfsmitteln
Damit Kinder gemeinsam lernen und spielen können. Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über den 5. rehaKIND Kongress in Hamburg
Singen mit den Händen. Ein Blogbeitrag von Katja Hanke über eine Lernsoftware, die gehörlosen und schwerhörigen Kindern Lieder beibringt

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