Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Karriere mit Handicap

Als ich noch bei der Telekom beschäftigt war, wurden aufgrund der weltweit verteilten Standorte viele Projekte erst einmal in Telefonkonferenzen besprochen, ohne sich persönlich zu kennen. Für mich waren die irgendwann später erfolgenden Meetings, bei denen man sich zum ersten Mal persönlich gegenüberstand, immer recht amüsant. Um zu verstehen, warum, muss man wissen, dass ich eine recht durchsetzungsstarke Persönlichkeit bin und die Interessen der in meinem Verantwortungsbereich liegenden Themen und Organisationseinheiten stets tatkräftig und klar vertreten habe – das war mein Job.

Beim ersten persönlichen Kennenlernen sahen meine Kollegen dann zum ersten Mal meinen äußerst zierlichen und zerbrechlich wirkenden Körper im Rollstuhl, mit dem ich mir nicht einmal selbst einen Kaffee einschenken kann – ein absolutes Kontrastprogramm zu dem in den vorherigen lebhaften Diskussionen gewonnen Bild von mir, das so manchen Kollegen zu einem ungläubigen "Sie… Sie sind Frau Strack?" verleitete.
Ich kann eine solche überraschte Reaktion dabei niemandem verübeln – wie viele so offensichtlich schwerbehinderte Menschen sind letztlich schon in verantwortungsvollen beruflichen Positionen, insbesondere in der freien Wirtschaft? Wenige! Selbst dann, wenn man die Zahl in Relation zu der Gesamtzahl an schwerbehinderten Menschen setzt. Dafür ist die Arbeitslosenquote bei Schwerbehinderten im Vergleich zu Nichtbehinderten deutlich erhöht. Die Gründe hierfür sind vielfältig und ich würde soweit gehen zu behaupten, dass die Gründe nicht ausschließlich in der Gesellschaft bzw. bei den Arbeitgebern zu suchen sind, sondern auch jeder behinderte Mensch selbst die Aufgabe und Verantwortung hat, sich als wertvoller Arbeitnehmer zu präsentieren und den Arbeitgeber von seinen Qualitäten zu überzeugen. Das muss auch jeder nichtbehinderte Arbeitnehmer, denn gute Jobs bekommt niemand geschenkt.

Mich hat dabei eine Aussage meines Vaters stark geprägt, der mir schon während meiner Schulzeit vermittelte, dass er sich zwar über ein "gut" in meiner Matheklausur freut, dass ich mich jedoch in meinen Leistungen gegenüber meinen Mitschülern deutlicher abheben muss, um meine Behinderung kompensieren zu können. Harte Kost für eine 12-Jährige, keine Frage, und auch danach schrieb ich nicht in jeder Klausur ein "sehr gut". Trotzdem hat mich gerade diese elterlich eingepflanzte Leistungsorientierung dazu gebracht, mich im Kampf um einen Arbeitsplatz durchzusetzen. Wenn ich während meines Praktikums zum Studiumsende fast immer morgens die erste und abends die letzte im Büro war, hatte ich stets diesen Satz im Kopf, und er hat sich ausgezahlt: Nach zwei Monaten Praktikum hatte ich bereits das Jobangebot meiner Chefin in der Tasche.

Ist das fair? Ist das der Grundgedanke von Inklusion? Nein, ganz sicher nicht. Aber es ist ein Schritt in die Richtung, als behinderter Mensch kein Mitleid zu bekommen sondern als vollwertig, leistungsbereit und -fähig wahrgenommen zu werden. Und dann sind wir eben doch wieder beim Thema Inklusion…

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