Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Jubel, Trommeln und Feuerwerk

Das Fußball-Museum in São Paulo ist ein Besuchermagnet auch für Fans mit Behinderung

Fußball-Museum in São Paulo: Verspielt und kreativ Fotos: Isabela Pacini

Im Jahr 2008 eröffnete das Fußball-Museum unter den Tribünen des Estádio do Pacaembu, des alten WM-Stadions in São Paulo von 1950. Die Barrierefreiheit für Besucher mit Behinderung wurde von Anfang an mit eingeplant und wird kontinuierlich mit staatlichen und privaten Geldern weiterentwickelt. Jedes Jahr fand bisher eine mehrmonatige intensive Zusammenarbeit mit einer ausgewählten Zielgruppe statt.

Man begann mit blinden und sehbehinderten Personen, es folgten Autisten, gehörlose und schwerhörige Personen, sowie Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung. Sie alle wurden als Experten in eigener Sache zu den vorhandenen Angeboten gehört, lobten und machten Verbesserungsvorschläge – und sorgten dafür, dass die Mitarbeiter die Vielfalt an Interessen und Bedürfnissen noch besser kennenlernen konnten. Und sie sind alle höchst engagiert. Derzeit besuchen z. B. drei Museumspädagogen einen Kurs in brasilianischer Gebärdensprache.

Anmeldung nicht nötig

Ich war gespannt. In Sachen Barrierefreiheit eilt dem Museum ein ausgezeichneter Ruf voraus, und in Sachen Fußball würde es sicher auch aufregend werden. Der erste große Pluspunkt stellte sich gleich am Anfang heraus: Ich konnte als blinde Besucherin wie alle anderen unangemeldet auftauchen und hatte sogar noch die Wahl zwischen einem eigens für blinde Gäste entwickelten ausführlichen Audioguide, der neben Erklärungen zu den Räumen und Objekten auch eine Wegbeschreibung entlang des taktilen Leitsystems am Boden bietet, und einer Einzelführung durch eine Museumspädagogin. Ich entschied mich dafür, den Audioguide exemplarisch zu testen und dann das freundliche Angebot einer Führung gerne anzunehmen. Und beides war wirklich hervorragend.

Da gab es ein Modell des Stadions, in dem wir uns befanden. Durch die Verwendung unterschiedlichster Materialien – Stoff für Rasen und Bäume, sowie unterschiedliche Kunststoffe und Holz für Gebäude und Tribünen, wurde dem Modell Leben eingehaucht, und meine Finger wollten gar nicht mehr von dieser so wirklichen Welt in Miniatur lassen. Farbkontraste und Braillebeschriftung waren selbstverständlich mit von der Partie.

Mehrere Sinne ansprechen

Nun konnte sie losgehen, die Tour durch 16 zumeist kleine Ausstellungsräume. Was immer ich erwartet hatte, es wurde weit übertroffen. Gleich zu Anfang erfuhr ich über ein Braille-Schild, das meine Begleiterin Leiliane mir zeigte, von den sechs Bildschirmen, auf denen Kinderfüße zu sehen sind, die einen Ball von einem Feld zum anderen spielen, mal auf Rasen, mal auf Asphalt, mal im Sand: „Fuß an den Ball – der Fußball beginnt in der Kindheit.“

In beinahe allen Räumen wurden mehrere Sinne angesprochen, tauchte ich in diese Kultur ein, in der der Fußball so eine entscheidende Rolle spielt. Hier konnte ich meiner eigenen brasilianischen Fußballseele freien Lauf lassen. Wie etlichen Einheimischen kamen mir die Tränen, als ich die entscheidenden Momente der Finalniederlage von 1950 verfolgte – dramatisch mit einem raumfüllenden Herzschlag untermalt; eine Gänsehaut überlief mich auch, als ich ausgewählten prominenten Persönlichkeiten Brasiliens lauschte, wie sie von einem für sie besonders prägenden Spiel erzählten, einer emotionaler als der andere.

Beeindruckende Erlebnisse

Im Raum der Fankultur gab es kein Halten mehr – ich tanzte mit bei unzähligen Einblendungen verschiedenster Jubel und Fangesänge, Trommeln und Feuerwerk, das aus allen Richtungen und von Anhängern aller großen brasilianischen Mannschaften kam.

Reliefs aus Harz stellen Spieler in Aktion dar, in für sie typischen Haltungen kurz vor dem Schuss aufs Tor oder in der Luft beim Versuch, den Ball zu halten. Hier hat mich vor allem die dreidimensionale Momentaufnahme des Torhüters beeindruckt, denn ich konnte die Spannung der Szene in mir spüren durch das Bild, das meine Hände ertasteten: Der Ball klebt in der linken Ecke unter der Latte, der Torhüter schwebt in der Luft, die Hand nach oben ausgestreckt – wird er den Ball noch erreichen, oder wird gleich unaufhaltsam das Tor fallen?

Da waren die Reliefdarstellungen der Gesichter von Pelé und Garrincha, der eine in Ehrfurcht „König des Fußballs“, der andere liebevoll „Freude des Volkes“ betitelt.
Es gab Bälle und Fußballschuhe vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute, 15 ausgewählte Radioreportagen berühmter Kommentatoren, ja selbst die Gürteltasche eines Mannschaftsmasseurs hat Platz in einer Vitrine.

Mehr als nur Fußball

Das Museum will jedoch ausdrücklich mehr erzählen als nur die Geschichte des Ballsports, ohne den Brasilien undenkbar wäre. In Form von Totems werden in einem Raum die wichtigsten nationalen und weltweiten Ereignisse eines jeden WM-Jahres dargestellt. Auch hierzu gab mir Leiliane eine Nachbildung in die Hand, damit ich die Anordnung der Bildschirme und Infotafeln nachvollziehen konnte. Ich bat sie, mir alles über 1982 vorzulesen, das Jahr der WM in Spanien, in dem mich meine Leidenschaft für Brasilien und seinen Fußball überwältigte.

Historische Abbildungen von Rio und São Paulo, Fotos berühmter Persönlichkeiten aus Musik, Kunst und Literatur, sowie Einspielungen aus unterschiedlichen politischen Regimen setzen darüber hinaus die Geschichte des Fußballs in einen Gesamtzusammenhang.

Am Ende ging es noch einmal verspielt und kreativ zu: Begeistert tastete ich mich an einer Wand mit Erklärungen und bildlichen Darstellungen diverser Ausdrücke und Sprüche entlang, die im Laufe der Zeit im brasilianischen Fußball einen festen Platz gefunden haben.
Jetzt konnte eigentlich nichts mehr kommen. Es schien, als könnte ich auch nicht noch mehr Bewegendes verkraften. Lieber noch ein bisschen am Kicker spielen und dann allmählich zum Ende kommen. Doch nein – Leiliane hatte noch ein Ass im Ärmel. Sie zeigte mir einen Sitzplatz und drückte mir dann wahrhaftig eine Nachbildung des Coupe Jules-Rimet in die Hand, des Weltmeisterpokals, den Brasilien nach dem dritten WM-Titel 1970 für immer behalten durfte.


Linktipps:
Mehr Infos und Bilder zum Fußball-Museum in São Paulo im Brazil Travel Blog (englisch)
Fußball-Land der Widersprüche. Ein Blogbeitrag zur Fußball-WM in Brasilien von Mirien Carvalho über die Situation von Menschen mit Behinderung in Brasilien
Es gibt Fans, die gibt es gar nicht. Zweiter Blogbeitrag zur Fußball-WM in Brasilien von Mirien Carvalho über Barrierefreiheit in Brasilien – und auch in Deutschland
Taubblinde Menschen in Brasilien. Dritter Blogbeitrag zur Fußball-WM in Brasilien von Mirien Carvalho über den ersten taubblinden Hochschulabsolventen in Brasilien
 


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