Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Jemand, der sich kümmert

Ausbildung und Arbeit für Menschen mit Behinderung

Podiumsdiskussion auf der Fachtagung „Inklusion – Perspektiven für Ausbildung und Arbeit“ Eugen Sommer / bbw Südhessen

Mit den „good practices“ ist es so eine Sache. Sie können ansteckend wirken. Sie können aber auch den Blick verstellen auf das, was ungenügend ist – so dass der Handlungsbedarf nicht (mehr) gesehen wird. Um konkret zu werden: Es ist toll zu hören, dass die Frankfurter Firma Main-IT nicht nur barrierefreie Software entwickelt, sondern auch von Menschen mit Behinderung programmieren lässt. Es stimmt optimistisch, dass die Firma Auticon die Stärken von Menschen mit Autismus erkennt und ihnen als Software-Tester reguläre Arbeit ermöglicht. Und es ist wunderbar, dass es Menschen wie den Berliner Malermeister Cemal Ates gibt, der einen engagierten, gehörlosen jungen Mann einstellt, ohne sich vorher viel Gedanken über die Verständigung im Berufsalltag zu machen – und dann für den Azubi alle Gegenstände in der Werkstatt beschriftet. „Von der Türzarge bis zum Fensterflügel – und sogar das Radio“, sagt er lachend.

Nur über die (wenigen) guten Beispiele zu reden, reicht nicht

Alle drei Firmen haben sich auf der Fachtagung „Inklusion – Perspektiven für Ausbildung und Arbeit“ des Berufsbildungswerks Südhessen vorgestellt, zu der am 30. Oktober 2013 gut 300 Teilnehmer von anderen Berufsbildungswerken, von Schulen und Beruflichen Schulen, von Werkstätten, Arbeitsagenturen und Jobcentern, Sozial- und Wirtschaftsverbänden gekommen waren. Und deren Motto war „Von den Besten lernen“.
Aber: Bei 1,5 Millionen Ausbildungsplätzen haben im Jahr 2010 nur 6.700 Jugendliche mit Schwerbehinderung eine reguläre Ausbildung im dualen System (also in Ausbildungsbetrieb und Berufsschule) absolviert. Das hält die BRK-Allianz in ihrem Bericht zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland fest. Seitdem dürften die Zahlen nicht explodiert sein. Und das heißt: Nur über die (wenigen) guten Beispiele zu reden, reicht nicht.

Es gibt noch viel zu tun

Der Nationale Aktionsplan, den die Bundesregierung 2011 verabschiedet hat, hat da die besten Absichten – und 32 Maßnahmen allein für den Bereich „Arbeit und Beschäftigung“. Die Initiative Inklusion will mit 100 Millionen Euro berufliche Orientierung und betriebliche Ausbildung erleichtern. Nur: Die allerwenigsten Unternehmen kommen auf die Idee, von sich aus auf Menschen mit Behinderung zuzugehen und eine „Maßnahme“ in Anspruch zu nehmen.
Und wenn sie es doch tun, lernen sie den Bürokratie-Dschungel fürchten – auch davon können die eingangs erwähnten Firmen Geschichten erzählen.
Kein Wunder also, dass viele Teilnehmer sich eine zentrale Anlaufstelle wünschten für Betriebe, die Menschen mit Behinderung ausbilden oder einstellen wollen. Eine Art „Kümmerer“, der in die Betriebe geht und Stellen sucht, der dort aufklärt über Rechte und Pflichten, über Barrieren und Chancen. Der am besten auch alle notwendigen Anträge ausfüllt, damit die Firmen ihren eigentlichen Geschäften nachgehen können ...

Zufälle sind nicht genug!

Damit es nicht länger von zufälligen Faktoren wie einem Vor-Ort-Modellprojekt zur Beschäftigung behinderter Menschen, von einem idealistischen Unternehmer oder einem engagierten Elternhaus abhängt, ob jemand in Ausbildung oder Job findet. Und damit die „guten Beispiele“ nicht mehr nur von Autisten oder Menschen mit Lernbehinderung handeln. Sondern auch von Leuten, die mehr Unterstützung brauchen, eine Assistenz am Arbeitsplatz zum Beispiel. Oder sehe nur ich sie nicht, solche „good practices“? Helft mir – wo sind sie?


Linktipps:
Mehr Infos zur Fachtagung „Inklusion – Perspektiven für Ausbildung und Arbeit. Von den Besten lernen“ des Berufsbildungswerks Südhessen am 30. Oktober 2013
Die Initiative Inklusion des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS)
Der Parallelbericht der BRK-Allianz zur Umsetzung der BRK-Konvention in Deutschland (Stand Januar 2013) mit Aussagen zu Arbeit und Beruflicher Bildung in Artikel 27
Das Handlungsfeld "Am Arbeitsplatz" der Aktion Mensch
Fachkräftemangel als Chance für Menschen mit Behinderung? Ein Blogbeitrag von Eva Keller über die Chancen von Menschen mit Behinderung im Handwerk
KOSmos: "Ein Schritt in die richtige Richtung". Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über ein Hamburger Projekt, das Menschen mit Behinderung bei der Jobsuche unterstützt

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