Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Ist Inklusion immer noch ein Fremdwort?

Vom 25. bis 29. März war die Didacta in Stuttgart Bildungshochburg für Lehrkräfte, Erzieher, Ausbilder, Personalentwickler, Trainer und Eltern. Das Thema Inklusion bahnte sich dabei nur mühsam seinen Weg.

Studentin Lemler: Gegen Vorurteile durchgesetzt Foto: David Strenzler

„Ich möchte Euch noch kurz etwas erzählen“, ist die Stimme aus dem Sprachcomputer von Kathrin Lemler zu hören. „Eine Freundin hat auf die Frage, was sie mit mir am liebsten macht, geantwortet: Quatschen.“

Quatschen. Das ist eigentlich für zwei junge Mädchen nichts Ungewöhnliches. Eigentlich. Doch wenn man weiß, dass Kathrin Lemler nicht lautsprachlich reden kann, bekommt die Sache eine andere Dimension. Kathrin kommuniziert anders. Aufgrund einer Infantilen Cerebralparese funktioniert bei ihr das Sprechen nicht, denn um einen Laut erzeugen zu können, müsste sie eine Vielzahl von Muskeln auf eine bestimmte Weise bewegen. Das kann Kathrin nicht. Mit Leuten, die sie gut kennen, benutzt sie deshalb zur Verständigung eine Buchstabentafel. Diese Buchstabentafel funktioniert über ein Blicksystem: Sie wählt innerhalb eines von sechs Blocks den entsprechenden Buchstaben aus, indem sie zwei Bewegungen mit dem Kopf macht: nach oben links, oben Mitte, oben rechts, unten links, unten Mitte, unten rechts.

Ihr Gesprächspartner fügt die Buchstaben dann zu Wörtern zusammen. Diese Verständigung ist für Kathrin am einfachsten und schnellsten. Ansonsten spricht die junge Frau mittels ihres Sprachcomputers, einem Laptop, den sie über ihre Augen steuern kann. Im unteren Teil des Gerätes sind zwei Kameras eingebaut, die ihre Pupillen verfolgen. Indem sie auf einen bestimmten Buchstaben auf dem Bildschirm schaut, wird das Feld ausgelöst.

Gegen Widerstände und Vorurteile

Während einer offenen Gesprächsrunde auf der Didacta erzählt Kathrin Lemler mithilfe ihres Sprachcomputers von dem stolprigen Weg, auf dem sie sich als unterstützt Kommunizierende in der Schule letztendlich behauptet hat. Gegen alle Widerstände und Vorurteile. Wie es ihr gelang, von der Förderschule an eine integrative Gesamtschule zu wechseln und dort die mittlere Reife zu absolvieren. Wie sie schließlich das Gymnasium besuchen und das Abi ablegen konnte. „Häufig trauten mir Leute nicht zu, dass ich mit einer solchen schweren Behinderung in der Lage wäre, einen Abschluss zu erreichen. Von diesen Menschen habe ich mich nie entmutigen lassen. Im Gegenteil, ich dachte dann: So, und jetzt erst recht! Ich habe zum Glück auch immer wieder Menschen getroffen, die an mich und meine Fähigkeiten geglaubt haben.“

Seit 2008 studiert die selbstbewusste junge Frau nun an der Universität zu Köln Erziehungswissenschaften. Dabei hilft ihr, dass sie von Nachteilsausgleichen profitieren kann. Das bedeutet, sie bekommt für einige Dinge mehr Zeit. Das ist sehr wichtig für sie, weil sie, die mit einer 24-Stunden-Assistenz lebt, für bestimmte praktische Dinge des täglichen Lebens einfach mehr Zeit benötigt. Auch an der Uni war es zunächst nicht ganz einfach, sich gegen Vorurteile durchzusetzen. Die Kommunikation nur über technische Geräte macht erst einmal misstrauisch. Das ist etwas, was man nicht sofort versteht. Damit muss man sich auseinandersetzen. Und zwar alle: sowohl Dozentinnen und Dozenten als auch die Kommilitoninnen und Kommilitonen. Kathrin ist es mit ihrer fröhlichen Art gelungen, Türen aufzustoßen. Und sie hat klare Zukunftspläne: Sie möchte nach ihrem Studium im Bereich der Unterstützten Kommunikation arbeiten. Durch ihre Erfahrungen und fachlichen Kompetenzen in diesem Bereich möchte sie anderen unterstützt sprechenden Menschen und ihren Bezugspersonen und Familien helfen. Bereits seit 2008 ist sie neben ihrem Studium als autorisierte Referentin von ISAAC, der Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation, aktiv.

Noch mehr Aufklärung ist wichtig

Dass Aufklärung in diesem Bereich sehr wichtig ist, hat sich auf der Didacta in diesem Jahr wieder ganz deutlich gezeigt. Die Bildungsmesse hat zwar dem Thema Inklusion einen breiteren Raum gegeben als in den Jahren zuvor. So wurden zum Beispiel am Stand von rehaKIND e. V., der Internationalen Fördergemeinschaft zur Rehabilitation von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung, täglich Gesprächsrunden zum Gelingen der Inklusion in der Schule durchgeführt. Eine davon war die zum Thema „Können wirklich alle Kinder und Jugendlichen inkludiert werden?“ mit Kathrin Lemler.

Doch insgesamt konnte man sich auf der Messe des Eindrucks nicht erwehren, dass Inklusion immer noch ein Nischenthema ist, dass man eben – aufgrund der UN-Behindertenrechtskonvention – auch besetzen MUSS. Da erschreckt es immer wieder, wenn man Vorträge verfolgt, in denen man – wieder einmal – davon erfährt, was alles nicht geht, wer alles nicht inkludiert werden kann. Da fallen auch schon mal Worte wie „mehrfach Gestörte“, für die es besser ist, auf der Förderschule in einem geschützten Raum versorgt zu werden.

Wenige Beispiele für gelungene Inklusion

Dabei wäre die Didacta eine gute Möglichkeit gewesen, die 90.000 Besucher über dieses Thema im breiten Umfang aufzuklären – das Knowhow von Menschen zu nutzen, die sich mit diesem Thema intensiv auseinandersetzen, wie zum Beispiel Dr. Thomas Maschke, Dozent am Institut für Waldorfpädagogik, Inklusion und Interkulturalität, der sich unter anderem mit den Anforderungen an die Lehrerbildung beschäftigt, die sich aus der Umsetzung des Inklusionsgedankens ergeben. Oder André Zimpel, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg, der viel darüber zu sagen weiß, wie man Menschen mit Trisomie 21 oder Menschen mit autistischen Störungen in die Regelschule inkludieren kann. Die Messe wäre also eine Gelegenheit gewesen, Ängste vor der Inklusion zu nehmen statt darzustellen, was alles nicht geht. Eine Möglichkeit, noch mehr Leute wie Kathrin Lemler einzuladen und zu zeigen, wie Inklusion gelingen kann. Immer unter dem Gesichtspunkt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Zum Glück gibt es auch im nächsten Jahr eine Didacta – vom 24.–28. Februar 2015 in Hannover. Nutzen wir die Chance!


Linktipps:
Das Handlungsfeld „In der Schule“ der Aktion Mensch
„Schule für alle gestalten“: Das Praxisheft der Aktion Mensch für Lehrerinnen und Lehrer (PDF-Dokument)
Falsche Freunde. Ein Blogbeitrag von Eva-Maria Thoms über die Ergebnisse des UNESCO-Gipfels "Inklusion – Die Zukunft der Bildung" fünf Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention
Die Sonderpädagogik in Zeiten der Inklusion. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über Chancen und Herausforderungen für Sonderpädagogen in der schulischen Inklusion
Inklusion – ein Lehrstück. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen mit persönlichen Erfahrungen und Überlegungen zur schulischen Inklusion
 

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