Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Intelligenz- und Leistungstests auf dem Prüfstand

Es kann einem ganz schwindelig werden auf dem Markt des Testwesens: Arbeitsgedächtnis, Sprachentwicklungsstand, Leseverständnis, Aufmerksamkeitstests, Mathematikleistungen, Intelligenztest, Tests zur Schullaufbahn-Empfehlung – das und noch mehr haben die Verlage im Angebot. Es kann geprüft und vermessen werden, was das Zeug hält ... Ist es da ein Wunder, dass sich manche Eltern und Pädagogen sorgen, dass es nur darum gehe, Defizite der Kinder zu erfassen? Den Kindern einen Stempel zu verpassen, sie auszusondern?

"Wer Kinder separieren will, kann das natürlich tun. Aber die Tests selbst haben mit Inklusion oder Exklusion nichts zu tun", sagt Dr. Günter Esser, Professor für Psychologie an der Uni Potsdam. Esser, der sich seit Jahren mit Früherkennung und Diagnostik von Störungen psychischer Art oder Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) sowie mit Therapieverfahren befasst, stellt klar: "Jeder Test bildet Stärken und Schwächen ab. Die entscheidende Frage ist: Welche Rückschlüsse ziehe ich aus einem Test?" Konkret gesprochen: Weise ich zum Beispiel ein Kind, das Schwächen im Sprachverständnis zeigt, einer Förderschule zu – oder bahne ich ihm, ausgestattet mit einem individuellen Förderplan, den Weg an eine Regelschule?

Die bessere, fairere Entscheidungsgrundlage sehen manche Psychologen und Pädagogen in Beobachtungsverfahren der Verhaltensdiagnostik – weil sie mehr als eine Momentaufnahme sind, und weil auch Verhaltensweisen jenseits eines Rasters erfasst werden können. Esser ist skeptisch: "Die Beobachtungsverfahren sind oft nicht ausgefeilt und daher subjektiv, während Tests standardisiert und damit vom Urteil des Einzelnen unabhängig sind."
Gleichwohl hält der Psychologe wenig davon, per Tests Aufmerksamkeitsstörungen belegen zu wollen. "Tests können immer nur Aspekte solcher Störungen erfassen." Weshalb seine Mitarbeiter bei Kindern mit Verdacht auf ADHS durchaus auf beobachtende Verfahren zurückgreifen: Das "Zielkind" wird dann in verschiedenen Alltagsituationen – im Unterricht, im Sportverein – beobachtet, und zwar immer im Vergleich zu den anderen anwesenden Kindern.

Egal, ob Test oder Beobachtung – am Ende müssen die Lehrer mit dem Ergebnis umgehen. Und da ist der Weg, den eine Frankfurter Grundschullehrerin geht, vielleicht nicht der schlechteste: "Wenn ein Kind in meine Klasse kommt, das als schwierig gilt, lasse ich die Akte erst mal zu und gebe ihm eine neue Chance."



Linktipps:
Inklusionskampagne der Aktion Mensch: Handlungsfeld Bildung
Familienratgeber: Schule für Kinder mit Behinderung
"Schule für alle gestalten" – das Aktion-Mensch-Praxisheft für Lehrerinnen und Lehrer als PDF-Download

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