Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Integration und Pubertät - ein Erfahrungsbericht

Freunde fürs Leben. Grandiose Partys am Wochenende. Spaß wie in der Feuerzangenbowle. Das sind meine Erinnerungen an die Schulzeit - an eine integrative Schulzeit. Aber es gab auch Schattenseiten, insbesondere während der Pubertät…

Meine Mitschüler waren fast ausschließlich sehend. Als ich in die fünfte Klasse kam (meine Grundschulzeit hatte ich in einer Sonderschule für Blinde und Sehbehinderte verbracht), fiel ich auf. Mit blinden Menschen hatten meine Klassenkameraden zuvor keinen Kontakt gehabt. Zehn, elf Jahre waren sie alt. Sie fragten einfach drauf los: Wie ich mich mit meinem Stock orientiere, warum ich blind bin, wie die Brailleschrift funktioniert. An Spannungen erinnere ich mich nicht - auch weil meine damalige Klassenlehrerin mit meiner Behinderung offen umging und sie zu Beginn des Schuljahres im Unterricht thematisierte.

Kompliziert wurde es während der Pubertät. Ausflüge auf Klassenfahrten, bei denen sich unter mehr als 40 sehenden Siebtklässlern keiner fand, der einen der drei blinden Mitschüler führen wollte. Unterrichtspausen, in denen die blinden Schüler der Integrationsschule lieber unter sich blieben, weil sie den Anschluss an die Sehenden verloren hatten. Sehende Schüler, die offen sagten, dass sie ihre Freizeit nicht mit uns verbringen wollten, weil wir nicht Basketball spielen könnten. Blind-sehende Pärchen waren undenkbar.
Die meisten Lehrer schauten weg, oder sie waren mit der Situation überfordert. Die Probleme kamen nie auf den Stundenplan, außer wir selbst sprachen sie an. Mit den Jahren lösten sich die Spannungen auf. Mit einigen sehenden Mitschülern schloss ich Freundschaft - häufig waren es Jugendliche, die selbst ausgegrenzt wurden. Wir "Außenseiter" schlossen uns zusammen.

So ab der 10. Klasse war mein Handicap kein Problem mehr. Es war selbstverständlich. Wir gingen ins Kino, Auf Feiern oder in die Eisdiele. Viele Mitschüler von damals sind heute - nach fast zwanzig Jahren - immer noch meine Freunde. Ich finde es super, dass ich integrativ beschult wurde (das war 1989 noch keine Selbstverständlichkeit). Ich habe viel gelernt, auch über Unsicherheiten, Vorurteile und Spannungen zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen - und darüber wie man sie abbauen kann. Gleichzeitig hab ich aber auch gelernt, dass die Lehrer gefordert sind. Sie müssen nicht nur den Unterricht so gestalten, dass behinderte und nichtbehinderte Schüler ihm folgen können. Sie müssen auch das soziale Miteinander beobachten und offen thematisieren.

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