Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Inklusion zwischen Kühen und schlechten Straßen

Immer, wenn sich Freunde mit einer Behinderung über die aktuellen Umstände in Deutschland oder den Umgang Nichtbehinderter mit Menschen mit einer Behinderung beschweren, möchte ich am liebsten ironisch mit hörbarem Akzent eine Geschichte erzählen, die mit "Bei uns in Kasachstan ..." beginnt.

Denn dort – dort ist alles ganz anders. Dort ist es tatsächlich so, wie Sie es vielleicht in manchen Reportagen im Fernsehen gesehen haben – kleine klapprige Häuser, große Familien, jagende Männer und putzende Hausfrauen. Leute, die trotz der schwierigen Umstände viel lachen und dabei dennoch alt aussehen. Woher ich das alles weiß? Ich habe dort sieben Jahre meiner Kindheit verbracht.

Das Dorf, aus dem ich komme, heißt "Gordeevka" und ist kaum auf einer Landkarte zu finden. Dort stehen maximal fünfzig Häuser, und das sogenannte "Kulturzentrum", in dem das Kino und die abendlichen Jugendtreffen stattgefunden haben, wurde vor zwanzig Jahren geschlossen. Einen Supermarkt gibt es nicht – für den Einkauf muss man in die nächstgelegene Stadt fahren oder sich aus dem eigenen Garten und Stall bedienen. Apropos Garten und Stall: Sie denken, Sie kennen den Geschmack von Tomaten? Wenn Sie Tomaten aus dem Supermarkt genießen, dann ist es vergeudete Zeit. Tomaten können so viel besser sein! Aber hier geht es ja nicht um Tomaten, was ich sehr bedauere, denn ich finde, es gibt noch viele Themen, die nichts mit einem Rollstuhl oder einer Behinderung zu tun haben, die es wert sind, erwähnt zu werden. Zum Beispiel: echte Bio-Tomaten. Oder der Duft von Heu.

In Gordeevka gab es keine Rollstühle – von einer Krankenversicherung ganz zu schweigen –, weil dort bis zu meiner Geburt keine benötigt wurden. Natürlich waren meine Eltern nicht darauf vorbereitet und hatten das Haus voller Stufen. In den alten kasachischen Häusern konnte man nicht mal schwellenlos die Räume wechseln. Also baute mein Großvater mir einen maßgefertigten Kindersessel, in dem ich den ganzen Tag sitzen konnte. Es hört sich sicherlich langweilig an, aber das war es ganz und gar nicht. Ich lernte früh Schach zu spielen und spielte es bei jeder Gelegenheit gegen meinen Onkel. Manchmal durfte ich auf dem schönen Pferd reiten. Im Winter bin ich manchmal Schlitten gefahren, manchmal habe ich gelesen. Ich habe ein eigenes Küken gehabt, das ich pflegen und "quälen" konnte. Ich beschäftigte mich als Kind mit der Technik des kaputten Radios und baute es unermüdlich auseinander und wieder zusammen. Seitdem weiß ich: Das ganze Leben ist Ergotherapie! Und diese kann man an jedem Ort ausüben.

Freundschaften zu pflegen, war fast unmöglich, denn die Kinder hatten Besseres zu tun, als Radios auseinander zu nehmen. Sie liefen herum, spielten Verstecken und machten sich dreckig; ihre Hände waren voller Erde und Hornhaut.

Ich hatte eine schöne Kindheit! Eigentlich.

Dennoch wären all die Dinge, die ich heute als selbstverständlich sehe, nicht möglich. Ein selbstständiges Wohnen, der Besuch einer Hochschule (meine Mutter hat mich bis zu dem Umzug nach Deutschland zuhause unterrichtet) und selbst ein normaler Toilettengang ist für körperlich eingeschränkte Menschen dort unmöglich, denn das "Klo" ist eine 80x80cm-Holzhütte mit einem Loch. So sieht die Inklusion in Kasachstan aus.

Danke, dass ich hier sein darf.

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