Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Inklusion: Wer muss sich denn nun anpassen?

Der Inklusionsbegriff ist sperrig und weit davon entfernt, sich selbst zu erklären. Im ARD-Film "Inklusion - Gemeinsam anders" gibt der plötzlich an einer inklusiven Schule unterrichtende Lehrer folgende Definition: "Integration heißt Behinderte in die bestehende Gesellschaft einzugliedern. Inklusion will die Veränderung der Gesellschaft, und zwar so, dass man nicht mehr unterscheidet zwischen behindert sein und nicht behindert sein." Hmmmm. Bedeutet das, dass "nur" die Gesellschaft sich ändern muss? Wir Behinderten machen nix dabei? Lassen uns einfach inkludieren, mit den Händen im Schoß?

Das ist mir dann doch ein wenig zu einfach. Wenn ein Ausländer migriert, erwarten wir, dass er sich ein Stück weit an das neue Land anpasst: Die Sprache lernt, mit Menschen des jeweiligen Landes in Kontakt tritt, wenn er wirtschaftlich Fuß fassen will, sich an die Geschäftsgebaren anpasst, und so weiter.

Ist das, übertragen auf die Inklusion von Menschen mit Behinderung, nicht auch zu erwarten?

Bevor es sofort Kritik hagelt: Ganz klar, ein Stück weit muss sich die Gesellschaft ändern, sich öffnen, Barrieren beseitigen – in beiden Fällen! Aber was mir bei der ganzen Diskussion über Inklusion zu kurz kommt, ist der Beitrag der "anderen Seite": Wie können sich auch Menschen mit Behinderung ein Stück weit ändern, um die Inklusion zu erreichen?
Im Film zickt die behinderte Schülerin anfangs mal so richtig rum, fährt eine Mitschülerin mit dem Rollstuhl an oder lässt absichtlich Dinge fallen. In meinen Augen ein sehr überzeichneter Charakter mit einem in dieser Ausprägung eher unwahrscheinlichem Verhalten, das eindeutig kontraproduktiv für den Inklusionsprozess ist. Aber wo ist die Grenze zu einer passiven Inklusionsverweigerung?

Ein Beispiel

Ein simples Beispiel ist das im Berufsleben erwartete Auftreten, wozu auch die Kleidung gehört. Zu jedem Vorstellungsgespräch oder wichtigem Meeting bin ich in meinem Berufsleben selbstverständlich im Anzug oder Kostüm erschienen, wie alle meine Kollegen auch. Wäre eine spezielle Rollstuhlfahrerhose aus weichem Grobcord bequemer gewesen? Klar. Am besten mit wärmender Decke über den Knien. Und für meine Kollegen wäre die ausgebeulte Jogginghose bequemer gewesen. Keiner von uns ist diesem Bequemlichkeitsbedürfnis nachgegangen, stattdessen haben sich alle an den Business Dresscode gehalten.
Sie finden das oberflächlich? Vielleicht ist es das. Sie glauben, es macht keinen Unterschied, in welchem Outfit der Bewerber für die Marketingposition im Rollstuhl zum Vorstellungsgespräch kommt? Und ob! Wir alle senden Signale mit unserem Verhalten und unserem Äußeren. Ein Punk hat einen Irokesenschnitt und Piercings weil er ganz bewusst eine Botschaft senden will: "Ich bin anders und will das auch sein!" Sein gutes Recht. Ist es förderlich, um in einen bestimmten bürgerlichen Kreis aufgenommen zu werden? Eher nicht. Übrigens genauso wenig wie der Mann im Nadelstreifenanzug von den Rockern auf der Harley herzlich willkommen geheißen werden wird.

Wäre es schön, wenn alle Menschen in der Welt über diese Äußerlichkeiten hinwegsehen und den Mensch als Mensch wahrnehmen würden? Ja, sicher. Und für wie wahrscheinlich halten Sie das? Wann haben Sie selbst zuletzt völlig vorurteilsfrei das über und über tätowierte Mädchen, den Jungen mit den Springerstiefeln und der Glatze oder die aufgemotzte Blondine im Minirock betrachten können?

Inklusion bezieht alle ein!

Zurück zum Thema und um nicht missverstanden zu werden: Das Äußere macht nur einen kleinen Teil aus, es dient mir lediglich als plastisches Beispiel. Mein Grundanliegen bleibt aber bestehen: Inklusion bezieht per Definition eine Menge an Leuten ein, die sich aufeinander zu bewegen, miteinander kooperieren. Lassen Sie uns nicht den Fehler begehen, den Anteil, den Menschen mit Behinderung dabei leisten müssen, von vorneherein auszuschließen. Das wäre gelebte Exklusion ;-).

Links:
Der Film "Inklusion - Gemeinsam anders" in der ARD-Mediathek
Im Interview: Regisseur Marc-Andreas Bochert und Autor Christopher Kloeble über ihren Film "Inklusion - gemeinsam anders"

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