Projekte & Förderung, Aktion Mensch-Blog

Inklusion von jungen Menschen: besondere Chance und besondere Herausforderung

Beim 15. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag in Berlin trifft sich vom 3. bis 5. Juni die Fachwelt. Wie sich Inklusion von jungen Menschen auf die Kinder- und Jugendhilfe auswirkt und welche Trends und Projekte die Aktion Mensch unterstützt, erklärt anlässlich von „Europas größtem Jugendhilfegipfel“ Friedhelm Peiffer, Leiter der Förderung der Aktion Mensch.

Im Café Hühnerstall in Erlangen erfahren Kinder mit und ohne Behinderung spielend, was Inklusion bedeutet Fotos: Aktion Mensch

Dieser Blog ist Teil der Blogparade von jugendhilfe-bewegt-berlin.de des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zum Thema „Die Zukunft der Kinder- und Jugendhilfe: zwischen Kostendruck und fachlichem Anspruch“ in Vorbereitung des 15. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetages.


Carmen Molitor: Vor welche Herausforderungen stellt die Inklusion von jungen Menschen mit Behinderung die Kinder- und Jugendhilfe?

Friedhelm Peiffer: Da muss man etwas weiter ausholen. Wir kommen ja aus einer Geschichte der Segregation. Es gab in Deutschland nach dem Krieg kaum mehr Kinder mit Behinderung, die hatte man im Dritten Reich fast vollständig umgebracht. In dieser Zeit war das Verstecken ein lebensnotwendiger Prozess. Aus diesem Denken mussten wir erst wieder rauskommen. Eltern, insbesondere Mütter, haben sehr viel geleistet, um die Aufmerksamkeit für ihre behinderten Kinder wieder zu wecken. Erst wurden spezialisierte Einrichtungen aufgebaut, jetzt sind wir in einer Korrekturschleife und sagen, dass Menschen mit Behinderung von Anfang an dazugehören. Es ist besonders lohnenswert, wenn Kinder mit und ohne Behinderung von Anfang an zusammen sind, dann gibt es nämlich keine Aussonderung mehr. Dann sind Kinder von Anfang an gewohnt, dass manche von ihnen eine Behinderung haben. Es ist also eine besondere Chance und eine besondere Herausforderung zugleich.

Ein Systemwechsel ist nie billig

 
Die Kinder- und Jugendhilfe erlebt seit Jahren einen starken Kostendruck. Wie wirkt sich das auf den Ausbau der inklusiven Angebote aus?

Ein Systemwechsel ist nie billig. Wir haben volkswirtschaftlich mit hohem Engagement in unserem Land spezialisierte Einrichtungen aufgebaut – und das in einer Qualität, die ihresgleichen sucht. Ein Übergang in eine neue Konzeption ist immer aufwendig. Sonderkindergärten müssen geöffnet werden, Regelkindergärten sollen sich auf Kinder mit Behinderung einstellen. Manche Politiker stellen für Inklusion bereits zusätzliche Mittel zur Verfügung. Ob diese Mittel aber am Ende ausreichen, kann noch keiner beurteilen.

Ist es eine gute Lösung, mehr ehrenamtliche Kräfte einzubinden?

Inklusion ist eine gemeinsame Sache und geht uns alle an. Das kann nicht nur durch hauptamtliches Fachpersonal gelöst werden. Deshalb ist besonders wichtig, alle Praktiker, insbesondere Erzieher und Sozialpädagogen, zu begleiten und ein Ohr für ihre Fragen zu haben, damit Inklusion für sie erfahrbar wird. Dafür sind Praxisprojekte erforderlich, die ja im Mittelpunkt unserer Förderung stehen

Welche Ideen und Themen will die Aktion Mensch mit der Förderung unterstützen?

Ein besonderes Herzensanliegen von uns sind die vielen kleinen örtlichen Initiativen, die Ideen rein ehrenamtlich auf den Weg bringen wollen. Das liegt ja schon in unserem Namensteil „Aktion“: Wir möchten, dass Deutschland ein Volk der Initiative ist. Initiative kommt von unten, von den vielen Menschen, die sich aus Überzeugung engagieren, weil ihnen das wichtig ist. Deshalb haben wir seit vielen Jahren eine Förderaktion, die sehr unbürokratisch ist und für einzelne Projekte und Initiativen bis zu 5.000 Euro fördert. Wir unterstützen auch mittelfristige Projekte, die die Persönlichkeitsbildung von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung fördern.

Wir möchten, dass Deutschland ein Volk der Initiative ist

 
Was für Projekte sind das denn konkret?

Da gibt es im Prinzip drei Schwerpunkte: Wir fördern Projekte für Kinder und Jugendliche, die aus anderen Kulturkreisen kommen, damit sie ihren Platz in unserer Gesellschaft finden. Zweitens haben wir viele Projekte mit Kindern und Jugendlichen von Eltern, die ihre Rolle nur eingeschränkt ausfüllen können, weil sie z. B. eine psychische Behinderung haben oder mit Drogen und Sucht kämpfen. Drittens fördern wir inklusive Projekte, die Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung zusammen bringen und in denen sie spielerisch lernen, Verantwortung zu übernehmen.

Wie viele Anträge werden gefördert?

Die Aktion Mensch hat in den letzten Jahren im Schnitt rund 7.000 Projekte pro Jahr gefördert, davon in der Förderaktion rund 2.000. Das dokumentiert eine große Bereitschaft zur Initiative in unserer Gesellschaft. Diese Bereitschaft ist aber keinesfalls selbstverständlich, sondern muss gehegt und gepflegt, ermuntert und immer wieder entfacht werden.

Wie viele Projekte waren davon speziell für Kinder und Jugendliche mit Behinderung gedacht?

Wir haben damit aufgehört, sogenannte Behindertenprojekte zu zählen. Heute haben wir immer mehr Förderprojekte, in denen Behindertenhilfe und Kinder- und Jugendhilfe zusammenfließen. Das ist das, was die Menschen wollen und was auch wir als Aktion Mensch wollen.


Linktipps:
Projekte der Kinder- und Jugendhilfe bei der Aktion Mensch
Mehr Infos zum 15. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag in Berlin
"Unsere Geschichten" – getanzt, gesungen, gespielt. Ein Blogbeitrag von Brigitte Muschiol über ein Theaterstück von Kindern und Jugendlichen aus Migrationsfamilien
Fußball mit Perspektive. Ein Blogbeitrag von Christian Schmitz über das Streetsoccer-Projekt "Hattrick" in Oberhausen für Kinder und Jugendliche
„Es gehört sich einfach, dass Inklusion normal ist!“ Ein Blogbeitrag von Werner Grosch über den Kölner Kinderkultursommer, bei dem Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam spielen, tanzen und malen

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