Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Inklusion in Kinderschuhen

Ein wesentlicher Grund dafür, dass ich mich im Leben der "Fußgänger" immer gut zurechtgefunden und behauptet habe, ist ganz sicher der, dass meine Eltern mich von Kindesbeinen an immer in die "normale" Welt geschickt haben. Das fing mit dem Kindergarten an, in dem ich das einzige Kind mit einer Behinderung war, und setzte sich über die Grundschule zum Gymnasium hin fort: Immer war ich das einzige Kind im Rollstuhl oder überhaupt mit einer Behinderung.

Besonders (im negativen Sinne) habe ich mich deswegen erstaunlicherweise nie gefühlt, ehrlich gesagt glaube ich, dass mir der Unterschied anfangs gar nicht bewusst war. Zwar habe ich natürlich gesehen, dass die anderen Kinder rennen, klettern und springen konnten, aber Kinder scheinen (bevor sie zu Erwachsenen werden) eine Intuition für inklusives Verhalten zu haben. Ganz von alleine, ohne dass es eine sonderpädagogische Beratung oder überhaupt einen Erwachsenen gebraucht hätte, entwickelten meine Klassenkameraden und ich unsere eigenen Spielregeln: Weil mein Rolli damals nur 6 km/h fuhr, war die Regel beim Fangen, dass man mich nur "gehend" fangen durfte, statt zu rennen. Bei den Wasserschlachten bekam ich den dicken Gartenschlauch mit dem meisten Druck in die Hand, war aber als statisches Ziel dafür auch leichter zu treffen. Pitschnass waren wir am Ende alle.

Auf dem Gymnasium wurden die Barrieren erstmals hinderlich: Kein Gymnasium der Stadt war damals barrierefrei, und meiner Mutter wurde geraten, mich auf die Körperbehindertenschule zu schicken. Dort war gerade mal der Hauptschulabschluss möglich, außerdem hätte ich natürlich jeden Kontakt zu meinen Freunden aus der Grundschule verloren und von da an wohl nur noch gleichfalls behinderte Freunde gehabt. Als andere Alternative wurde ein Körperbehinderteninternat angeraten, auf dem ich zwar mein Abi hätte machen, aber nicht mehr zuhause hätte wohnen können und dieselbe Situation bzgl. meines Freundeskreises gehabt hätte.
Stattdessen fing meine Mutter an zu kämpfen: Fast drei Jahre dauerte es, bis sie den Bau eines Aufzugs in einem Gymnasium durchgeboxt hatte und der Einbau fertiggestellt war. "Ein Aufzug für die kleine Petra" kommentierte eine Lokalzeitung spöttisch und warf die Frage auf, ob so viel Aufwand für ein einziges Kind denn wirklich gerechtfertigt wäre. Mein Leserbrief, der in der nächsten Ausgabe erschien, enthielt die geballte Wut einer 10-Jährigen und brachte die kritischen Stimmen vorerst zum Schweigen.

Einige Jahre später vertraute meine Klassenlehrerin meiner Mutter beim Elternsprechtag an, dass sie anfangs ebenfalls gedacht hätte, dass das ein bisschen viel finanzieller und baulicher Aufwand sei. Nachdem sie mich aber kennengelernt hätte, wäre sie mittlerweile bereit, auf jeden loszugehen, der mir mein Recht, auf dieser Schule zu sein, nehmen wollte: Ich würde genau da hingehören, wo ich sei, und nirgendwo sonst.

Weitere Informationen:
Inklusionskampagne der Aktion Mensch: Handlungsfeld Bildung
Familienratgeber: Schule für Kinder mit Behinderung
Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen: Wegweiser für Eltern zum Gemeinsamen Unterricht (PDF-Dokument)
INTAKT: Internetplattform für Eltern von Kindern mit Behinderung
DIE ZEIT: Behinderte Schüler - Das Recht auf Miteinander. Ein Streitgespräch

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