Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Inklusion contra gegliedertes Schulsystem?

Beim zweiten Inklusionskongress in Rostock wurde diskutiert, ob es zukünftig noch Gymnasien und Förderschulen in Mecklenburg-Vorpommern geben wird.

Auch der zweite Inklusionskongress in Mecklenburg-Vorpommern stieß bei Eltern, Lehrern, Vertretern von Verbänden und Gewerkschaften auf großes Interesse. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand – wie bereits auf dem ersten Kongress im Mai dieses Jahres – ein Streitgespräch: Der Schulpädagoge Prof. Dr. Ulf Preuss-Lausitz (TU Berlin) und der Begabtenforscher Prof. Dr. Kurt Heller (LMU München) diskutierten darüber, ob eine inklusive Schule für alle nicht konsequenterweise die Auflösung des gegliederten Schulsystems zur Folge haben müsste.

Größere Chancengleichheit durch Schule für alle?

Preuss-Lausitz vertrat in dieser Kontroverse den Standpunkt, dass eine Schule für alle das Gebot der Zukunft sei. Die PISA-Studie belege, dass das gegliederte Schulsystem ineffektiv und sozial ungerecht sei. Nach Meinung des Schulpädagogen habe der Glaube an eine homogenisierte Schule zu immer weiteren Aussonderungen – insgesamt acht Sonderschularten – geführt. Aber PISA habe gezeigt, dass die Homogenisierung durch unterschiedliche Schultypen und Aussonderungen nicht erfolgreich war. Viele wollten an das Lernen im Gleichschritt glauben. Doch behinderungsspezifische Gruppen seien kognitiv und sozial ineffektiv. Das hätten verschiedene Praxisbeispiele (z. B. das Hamburger Modell) und Studien bewiesen.
So führe zum Beispiel der gemeinsame Unterricht von körperlich behinderten Schülern zu einem höheren Bildungsabschluss und zu besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Diese Menschen würden auch öfter heiraten und insgesamt eine höhere Akzeptanz in der Gesellschaft erfahren. In separaten Klassen hingegen sei es problematisch, ein gutes Selbstwertgefühl zu entwickeln.
Man müsse sich demzufolge die Schulstruktur und das Schulmilieu kritisch anschauen. Das deutsche gegliederte System bringe nur mittelmäßige Leistungen hervor und würde die größte Leistungsschere aller von PISA untersuchten Staaten aufweisen. Deutlich zeige sich dabei der Zusammenhang von schulischen Leistungen und dem sozioökonomischen Hintergrund. Laut Preuss-Lausitz sei das Leistungsniveau im Gesamtschulsystem unabhängiger von der sozialen Herkunft, und Schüler mit einer gymnasialen Empfehlung würden in der Gesamtschule nicht schlechter abschneiden. Deshalb, so Preuss-Lausitz, biete die Schule für alle eine größere Chancengleichheit.

Unterforderung bei den einen, Überforderung bei den anderen?

Begabtenforscher Heller ließ sich von den Ausführungen seines Vorredners nur wenig einschüchtern und belächelte die von Preuss-Lausitz seiner Meinung nach gemalte "schöne heile inklusive Schulwelt". Es müsse bezweifelt werden, ob eine Schule für alle die Chancengleichheit tatsächlich verbessern könne. Dafür fehle es an empirischen Erhebungen. Bayern zum Beispiel mit einer sehr niedrigen Jugendarbeitslosenquote von 5,4 Prozent und dem differenziertesten Schulsystem widerspräche dem Gedanken der Chancengleichheit einer Schule für alle. Das deutsche Sonderschulsystem gegen Heilsversprechen der Inklusion einzutauschen, wäre laut Heller fahrlässig. Seiner Meinung nach sei das gegliederte Schulsystem effizienter. Das habe die PISA-Studie E, die nationale Ergänzung der internationalen PISA-Studien, belegt. Darin sähe es nämlich ganz anders aus. Und ein Land wie Deutschland brauche eine hochqualifizierte Elite, was nur in einem gegliederten Schulsystem mit einem effizient hohen Differenzierungsgrad möglich sei.
Dem Ziel der Expertenkommission zur Inklusiven Bildung, in Mecklenburg-Vorpommern bis zum Jahr 2020 Chancengleichheit für alle Schüler zu schaffen, könne wohl kaum jemand widersprechen, so Heller. Aber er bezweifle, dass das nur in der inklusiven Schule möglich sei. Skepsis sei angebracht gegenüber dem inklusiven Totalitätsanspruch.
Heller zieht letztendlich das Fazit, dass eine inklusive Schule im engeren Sinne eine völlig utopische Vorstellung sei. Der ohnehin knappe Etat könnte effizienter in das bestehende Schulsystem gesteckt werden.

Modellprojekt Rügen ausgewertet

Am Nachmittag wurde in fünf Arbeitsgruppen beraten. Eine davon beschäftigte sich mit dem vor zwei Jahren an Grundschulen auf Rügen gestarteten Modellprojekt, in dem Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen gemeinsam unterrichtet wurden. Dieses Projekt konnte offenbar nicht alle Erwartungen erfüllen. Ein Forscherteam um den Sonderpädagogen Prof. Dr. Bodo Hartke von der Universität Rostock stellte auf dem Kongress einen Zwischenbericht vor. Besonders leistungsstarke Kinder würden nach den ersten Ergebnissen nicht wie erhofft vom inklusiven Modell profitieren. Im Durchschnitt machen die Kinder mehr Rechtschreibfehler und zeigen auch schlechtere Ergebnisse beim Rechnen als eine Vergleichsgruppe aus Stralsund. Beim Lesen wurden keine Unterschiede festgestellt. Dagegen sei das soziale Verhalten der Rügener Schüler stärker ausgeprägt.

Macht die inklusive Schule also doch keinen Sinn? Bringt sie nicht mehr Chancengleichheit? Auf den ersten Blick mag es den Anschein haben. Aber laut früherer Berechnungen des Bildungsökonomen Klaus Klemm müsste Mecklenburg-Vorpommern jährlich etwa 45 Millionen Euro zusätzlich ausgeben und 636 Lehrer einstellen, um alle beeinträchtigten und nicht beeinträchtigten Kinder gemeinsam zu unterrichten. Für das Modellprojekt auf Rügen wurde laut Hartke, abgesehen von der wissenschaftlichen Begleitung, kein zusätzliches Geld ausgegeben.

Fehlender politischer Wille?

Schaut man sich die PISA-Studie E genauer an, wird deutlich, wer im gegliederten Schulsystem die besten Chancen hat und welche Kinder aus welchen sozialen Schichten am häufigsten das Gymnasium besuchen. Für mich erübrigt sich dabei die Frage, welche Schulform die sozial gerechtere ist. Gleichzeitig tut sich aber eine neue Frage auf: Was ist politisch gewollt?


Mehr zum Thema:
Das Handlungsfeld "In der Schule" der Aktion Mensch
Mehr Infos zum Thema Schule beim Familienratgeber
Wie kann eine "Schule für alle" wirklich funktionieren? Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über persönliche Erfahrungen mit dem Schulsystem und ein Praxishandbuch zur inklusiven Schule
Inklusion – ein Lehrstück. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen mit persönlichen Erfahrungen und Überlegungen zur schulischen Inklusion
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Thorsten Bloch-von der Haar

Inklusion ist die Umsetzung des Grundrechtes der Eltern, ihre Kinder auf eine Schule einzuschulen, die sie für die Richtige halten. Ein dreigliedriges Schulsystem, mit weiteren acht verschiedenen Förderschulen ist uneffektiv und sozial ungerecht, wie die PISA Studie eindeutig belegt. Eltern haben durch die Inklusion alle Möglichkeiten und weiterhin ein sehr breites Angebot an Sonderschulen. Es werden nie 100% aller Kinder inklusiv beschult werden. Aber es werden keine Kinder mehr auf Sonderschulen gezwungen, um die Klassen dieses ausartenden, unflexiblen Systems voll zu bekommen. Wenn Kritiker Forschungsergebnisse, die ihr überholtes, gegliedertes System bedrohen, ignorieren oder nur selektiv betrachten wollen, ist das für den Weg zu einem besseren Schullandschaft nicht hilfreich. Der Elitenforscher Professor Heller pickt sich gerne aus der PISA Studie E, die ermittelten Schwachpunkte einer im Aufbau befindlichen, unterfinanzierten Inklusion heraus, über die man reden muss. Er verschweigt aber die Nachteile, die das gegliederte Schulsystem beim herauskristallisieren, einer kleinen, bevorzugten Elite hat. Sozioökonomische Effekte und Unterfinanzierung ignoriert er völlig. Das dreigliedrige System hat doch nicht für mehr Menschen Vorteile geschaffen, als es für andere, Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkt hat. Die Hauptschulen zementieren weiter die Armut nach der vierten Klasse. Im neutralen Vergleich, hat das gegliederte System mehr Defizite. Allein fehlt es am Willen die entsprechenden, vergleichbaren Rahmenbedingungen zu schaffen. Schaut man sich unsere auseinander driftende Gesellschaft an, benötigen wir nicht mehr abgehobene Eliten und Parallelgesellschaften. Wir brauchen individuelle, sozialkompetente, flexible und gerechte Bildungsmöglichkeiten. Und wir brauchen in Zukunft auch die Menschen in unserer Mitte, die wir aus falschem Beschützerinstinkt, vor der Realität versteckt haben. Man wächst an Herausforderungen. Wer sich separiert verkümmert.

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