Inklusion, Aktion Mensch-Blog

"In Luxemburg findet man Sachen, die genial sind"

von

Der Luxemburger Aktivist Joël Delvaux kämpft seit über 15 Jahren für mehr Selbstbestimmung. Im Interview spricht er über die Unterschiede in der EU und darüber, wie barrierefrei Luxemburg ist.
 

Der Aktivist Joël Delvaux

Anstelle des 5. Mai fand in Luxemburg in diesem Jahr am 11. Mai eine Protestkundgebung statt. Hauptforderung war die politische Teilhabe. Das heißt, die Forderung ist, dass auch Menschen mit einer Lernschwäche an den Wahlen teilnehmen. Sind diese denn bisher in Luxemburg von den Wahlen ausgeschlossen?
Nicht von vorne herein, aber es ist in Luxemburg so, dass ein Mensch sehr schnell, wenn er eine geistige Behinderung hat, einen Vormund bekommt. Dadurch wird er automatisch entmündigt und ist nicht mehr wahlberechtigt. Das verstößt gegen die UN-Behindertenrechtskonvention und muss dringend geändert werden.

Mal abgesehen davon, dass sich politische Bildungsprogramme ja ohnehin an ein akademisch gebildetes Publikum richten. Welche Partei hat in Luxemburg schon ihr Programm in Leichte Sprache übersetzt oder stellt es in Blindenschrift oder als Hörversion zur Verfügung?
Nein. Das gibt es wirklich noch gar nicht. Politische Partizipation für Menschen mit Behinderung ist hier nicht einfach. Ich war bei der Partei déi Lénk (die Linke) von vornherein dabei, wo ich als vierter auf der Liste durch unser Rotationsprinzip ab 2015 die Möglichkeit hätte, das Mandat von einem Gemeinderat zu übernehmen. Ich weiß aber gar nicht, ob ich das annehmen kann, weil ich die nötige Unterstützung gar nicht habe. Schon allein für Schriftsachen am Computer brauche ich dreimal so lange wie andere. Da bräuchte ich eine Assistenz. Eine Person mit einer Lernbehinderung kann da natürlich gar nicht mitmischen.

Inwiefern ist es innerhalb der in Luxemburg bestehenden Strukturen überhaupt möglich, mit einer körperlichen Einschränkung selbstbestimmt zu leben?
Also selbstbestimmt – das heißt davon auszugehen, dass man akzeptiert, dass die Person, die eine Behinderung hat, weiß, was sie gerne möchte und was ihre Lebensträume sind. Dass man den Menschen darin unterstützt, sie zu erreichen. Die Sache ist, dass sich eigentlich viel im Kopf abspielt, und da gibt es noch sehr viele Barrieren. Es herrscht besonders in "geschützten Einrichtungen", also in allem, was institutionell ist, noch sehr die Herangehensweise von "Papa und Mutti, die eigentlich das kleine Kind schützen" vor – schon der Begriff sagt es ja eigentlich. Und es ist dann eben noch sehr oft so, dass man die Person nicht wirklich dabei unterstützt, ihre Ziele zu erreichen, sondern, dass man ihr ihre Ziele vorschreibt oder sie sogar entmutigt. Hier in Luxemburg gibt es eher die Tendenz zu sagen, wir lassen den Menschen gar nicht erst fallen, und damit er nicht fällt, lehren wir ihn erst gar nicht zu gehen.

Gibt es nicht einige Bereiche, wie etwa die Gebärdensprachübersetzung im Parlament, in denen Luxemburg in Sachen Barrierefreiheit fortschrittlicher ist als andere Länder in Westeuropa?
Die Übersetzung in Gebärdensprache – das ist wirklich der Verdienst von unserem Verein "Nëmme mat eis!". Der Verein hat sich seit seiner Gründung sehr stark dafür eingesetzt hat, dass bei jedem Gespräch ein Dolmetscher zur Verfügung gestellt wird, und wir haben eben auch darauf hingewiesen, dass die parlamentarischen Angelegenheiten übersetzt werden müssen. Das setzt sich jetzt langsam durch. Es ist schön zu sehen, dass diese Forderung angekommen ist. Auf der anderen Seite setzt sich der Verein "daaflux" hier in Luxemburg schon seit über zehn Jahren für Gebärdensprache ein. Es ist also trotzdem ein langer Weg. In Frankreich sind sie mit der Gebärdensprachübersetzung im Fernsehen schon weiter als hier. Auf France2 hat man immer eine Einblendung in Gebärdensprache. Das Problem ist aber, um sich ein Bild zu machen, wo wir EU-weit stehen, ist es sehr schwer, weil es innerhalb der EU gar keine Harmonisierung der Behindertenpolitik gibt. In Luxemburg findet man Sachen, die genial sind, wo in anderen Ländern nur von geträumt wird, und dann gibt es andere Dinge in Belgien oder Frankreich, von denen wir hier in Luxemburg nur träumen. Das ist sehr unterschiedlich. Etwas, dass hier super ist, ist, dass jeder Behinderte, der berufstätig ist, auch in der Behindertenwerkstatt, zugleich als "Arbeitnehmer" anerkannt ist, einen Anspruch auf Arbeit hat und dementsprechend eine angemessene Entlohnung bekommt – nicht nur so ein Taschengeld. Ich wüsste nicht, wo es das außer in Luxemburg gibt. Auch Transportmöglichkeiten für die Arbeit und die Schule sind garantiert.

Auch in Luxemburg gibt es einen Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der Behindertenrechtskonvention. Die Organisation "Nëmme mat eis!" hat sich gegründet, um über deren Umsetzung zu wachen bzw. Druck auszuüben, damit sich auf Regierungsebene etwas tut. Wie steht es um die Umsetzung? Was hat sich konkret getan?
Die Behindertenrechtskonvention wurde 2011 in Luxemburg ratifiziert und daraufhin wurde ein Aktionsplan aufgestellt. Während eines Jahres wurde daran gearbeitet mit der beratenden Partizipation von uns. "Nëmme mat eis" hat sich – nachdem Luxemburg 2006 die Konvention unterschrieben hat und dann lange nichts passiert ist – als eine Art Kontrollorgan gegründet. Damit sich das Ganze auch im Sinne der UN-Konvention entwickelt. Und "Nëmme mat eis" hat dann auch alle zwei Jahre einen Schattenbericht abgeliefert. Mittlerweile ist es aber so, dass das Aufgabenspektrum größer geworden ist. Was sich konkret getan hat, ist die Gebärdensprachübersetzung im Parlament. Und das Bewusstsein hat sich verändert. Menschen mit Behinderung möchten mitbestimmen und sind eben nicht mehr bereit, alles über sich ergehen zu lassen. Ansonsten hat sich verändert, dass sich Menschen mit verschiedenen Behinderungen stärker untereinander austauschen. Beispielsweise ist es so, dass bei "Nëmme mat eis" Sehbehinderte wie körperlich Behinderte zusammenarbeiten. Früher gab es das in dieser Form hier nicht. Es ist ja nicht so, dass ich, weil ich Rollstuhlfahrer bin, begreifen kann, was eine Person mit Lernschwierigkeiten oder eine Person, die nichts sieht, braucht. Da ist schon wichtig, dass wir zusammenkommen und unter uns einig werden.


Linktipps:
Das Interview mit Joël Delvaux erschien in einer längeren Version bereits in der Luxemburger Wochenzeitung woxx
Down Under – Steht alles auf dem Kopf? Ein Blogbeitrag von Petra Strack über ihr Auslandssemester in Australien
Inklusion zwischen Kühen und schlechten Straßen. Ein Blogbeitrag von Anastasia Umrik über ihre Kindheit in Kasachstan
Abenteuerlustig sollte man schon sein. Ein Interview im Blog von Stefanie Wulff mit Kay Lieker, der über das Programm "weltwärts" ehrenamtlich in Thailand arbeitet

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