Aktion Mensch-Blog

Immer noch ein großes Tabu

von Melanie Ballbach

Sexualität und Menschen mit Behinderung – diesem Thema hat sich in Saarbrücken der Verein "Miteinander leben lernen" (MLL) angenommen und damit ein im Saarland fast einzigartiges Angebot geschaffen. Das Projekt "Lieben, Küssen und noch mehr ..." gibt jungen Menschen mit Behinderung die Möglichkeit, sich auszutauschen, Fragen zu stellen und offen über Sexualität zu reden. Mit einbezogen werden auch die Eltern und Betreuer der Teilnehmer. Schließlich besteht die Beschränkung oftmals in den Köpfen der Erwachsenen und nicht in denen der Jugendlichen.

Gruppentreffen im Projekt "Lieben, Küssen und noch mehr ..." Foto: Melanie Ballbach

"Bilder von nackten Frauen und Männern gucken", antwortet ein Teilnehmer auf die Frage, worum es denn bei "Lieben, Küssen und noch mehr ..." geht, und lacht. Aber selbstverständlich ist das nicht alles. Der eigene Körper und auch der des anderen Geschlechts sind sicherlich Aspekte, die bei den monatlichen Treffen angesprochen werden, aber es geht um sehr viel mehr. "Sexualität und Behinderung sind immer noch große Tabu-Themen", sagt Judith Reintjes, die Leiterin des Projektes. In den Schulen gebe es zwar einen Sexualkundeunterricht, aber dort werde nicht alles Wichtige angesprochen. Zudem reiche es nicht aus, den Jugendlichen einmal zu erklären, wie alles abläuft. Menschen mit Behinderung brauchten eben auch eine spezielle Art der Aufklärung.

"Was heißt sexy?"

"Normalerweise klären sich Jugendliche gegenseitig auf. Das ist bei Menschen mit Behinderung nicht so", erklärt Judith Reintjes weiter. "Wir fangen bei den Gruppen ganz von vorne an." Gerade Begriffserklärungen seien wichtig. Bei einem der Treffen ging es zum Beispiel um die Frage: "Was heißt sexy?" Diese Frage war im "Dr. Sommer"-Briefkasten gelandet. Hier können die jungen Erwachsenen Zettel einwerfen, wenn sie sich nicht trauen, direkt in der Gruppe nachzufragen. Am Ende landet die Frage zwar wieder in der Gruppe, aber wer sie gestellt hat, bleibt geheim.

Sexualität oft erst spät ein Thema

Derzeit treffen sich im Rahmen des Projekts acht junge Männer und fünf junge Frauen einmal im Monat in den Räumlichkeiten des Vereins. Judith Reintjes leitet die Frauengruppe und ihr Kollege Jens Alles die Gruppe der Männer. Frauen und Männer stimmt in diesem Falle, denn die Teilnehmer sind alle bereits über 18 Jahre alt. Zwar sind die Treffen für Jugendliche und junge Erwachsene von 14 bis 26 Jahren konzipiert, in der Regel sind die Teilnehmer aber schon volljährig. "Bei Behinderten wird Sexualität oft sehr viel später erst ein Thema als bei anderen Jugendlichen", sagt Jens Alles. Deswegen seien die Teilnehmer des Projektes in der Regel schon etwas älter. Bei den Jüngeren gebe es eher Einzelgespräche. Oft ergäben sich auch Situationen bei Klassenfahrten oder Freizeiten.

Entstanden ist "Lieben, Küssen und noch mehr ..." nach einer Fachtagung im Jahr 2009 in Saarbrücken. Damals zeigte sich, dass jeder in der Arbeit mit Behinderten Tätige immer wieder mit dem Thema in Berührung kommt und dass es im Saarland kaum Angebote in dieser Richtung gab. Inzwischen ist das Projekt gut angelaufen und wird ausgebaut. Geplant sind Thementage, die auch offen für andere Interessierte sind.

Die Aktion Mensch bezuschusst das sexualpädagogische Projekt "Lieben, Küssen und noch mehr ..." mit 66.411 Euro.


Mehr zum Thema:
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Mehr zum Thema Sexualität und Behinderung beim Familienratgeber
Behinderung und Sexualität: Noch immer ein Tabu. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über Behinderungen von Sexualität
Gibt es ein Recht auf Zärtlichkeit? Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über die Fachtagung "Behinderung und Sexualität" der Spastikerhilfe Berlin
Der Dokumentarfilm "Rachels Weg. Aus dem Leben einer Sexarbeiterin" beim bundesweiten Filmfestival "überall dabei" der Aktion Mensch

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