Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Im Alter immer noch mittendrin?

Mal ehrlich: Haben wir nicht alle Angst vor dem Älterwerden? Dem Altwerden? Und haben wir, die wir aufgrund einer Behinderung schon unser ganzes Leben lang in unserer Mobilität eingeschränkt sind, nicht eine Extraportion Angst davor, noch eingeschränkter und hilfebedürftiger zu werden? Angst vor allem davor, nicht mehr wie bisher unser gewohntes Leben führen zu können?

Auch mich beschleicht mitunter dieses mulmige Gefühl, was sein wird in ein paar Jahren. Ich, die ich heute 50 bin, mit Glasknochen lebe und mich eigentlich noch recht fit fühle. Ich weiß aber, dass es wieder losgehen kann mit den Brüchen, dass ich dann wieder - oder vielleicht sogar noch mehr - eingeschränkt und auf Hilfe angewiesen sein werde. Wie werde ich damit umgehen? Vor allem: Kann ich dann noch wie bisher reisen, Freunde treffen, ins Theater gehen? Mich einbringen? Mitreden?

Ängste und Hoffnungen
Neulich habe ich eine alte Bekannte getroffen: Heidrun. Auf der Durchreise bin ich an einem Nachmittag im Dortmunder Hauptbahnhof ausgestiegen und wir haben in der noch warmen Oktobersonne Kaffee getrunken - und geredet. Über Gott und die Welt. Über das Älterwerden. Über unsere Ängste. Und über unsere Hoffnungen. Meine und Heidruns, die jünger aussieht als 67, ebenfalls mit Glasknochen lebt und gerade von der Kur zurück ist, nachdem sie sich im Frühjahr dieses Jahres bei einem Sturz aus dem Rollstuhl beide Beine gebrochen hatte.

Leben ohne fremde Hilfe
Sie erzählt mir davon, dass sie in der ersten Zeit nach dem Bruch noch stärker auf die Hilfe anderer angewiesen war, und gesteht, dass die Angst seitdem zu ihrem ständigen Begleiter wurde. Die Angst vor neuen Brüchen, Angst vor allem davor, dass es noch schlimmer werden könnte. Jetzt - nach vier Wochen Reha - freut sie sich darüber, dass sie nun fast täglich wieder draußen mit ihrem Rolli unterwegs sein kann, um sich fit zu halten. Direkt gegenüber ihrer barrierearmen Wohnung unweit des Bahnhofs ist ein Bio-Markt, in dem sie gern einkauft, und das Dortmunder U, ein öffentliches Kunst- und Kultur-Zentrum der Gegenwart von internationalem Format. Alles schnell zu erreichen - jetzt wieder ohne fremde Hilfe.

Mitreden und mitmischen
"Sich Einbringen", Aktivsein war schon immer ein wichtiger Aspekt im Leben dieser Frau. "Für mich war die Arbeit immer mein Aufhänger. Und letztendlich wurde ich bei meiner Arbeit auch nie behindert", resümiert sie, die viele Jahre als Rehaberaterin am Berufsförderungswerk Dortmund arbeitete. Und auch ehrenamtlich war sie immer aktiv und ist es heute noch. Sie bezieht Stellung bei ethischen Fragestellungen, wie zum Beispiel der Präimplantationsdiagnostik. Und sie mischt im Arbeitskreis Barrierefreies Dortmund mit, einem politischen Ratsausschuss mit Gewicht.

Barrierefreiheit für alle
Dabei geht es Heidrun nicht nur um die Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrer. Seit sie zunehmend von Schwerhörigkeit betroffen ist, weiß sie, dass Barrierefreiheit für Menschen mit Sinnesbehinderungen viel schwieriger herzustellen ist. In geräuschvoller Umgebung, so erklärt sie, kann sie oft nur Wortfetzen verstehen, da die Sprache in Umgebungsgeräuschen untergeht. Begeistert ist sie, wenn auf öffentlichen Veranstaltungen FM-Anlagen zum Einsatz kommen. Dass die Dortmunder Stadtverwaltung eine solche Anlage besitzt, ist nicht zuletzt auf Heidruns Hartnäckigkeit zurückzuführen.

Jeder profitiert
In Zukunft will sie sich weiterhin dafür einsetzen, dass Dortmund immer barrierefreier wird. Auch deshalb, weil sie sich in diesem Jahr von ihrem Auto verabschieden musste. Ihr Rücken konnte die Erschütterungen nicht mehr ertragen und auch ihre Sehfähigkeit reichte nicht mehr aus. Das war ein großer Einschnitt in ihre Unabhängigkeit. Trotzdem - in ihrer City ist sie mobil, nicht überall, aber zunehmend. Damit sie überall im Stadtgebiet in die Busse und Bahnen einsteigen kann, setzt sie sich für Begleiter im Nahverkehr ein, die Hilfe beim Ein- und Aussteigen leisten. Davon profitiert sie genauso wie viele andere Dortmunder - mit und ohne Behinderung.

Rechtzeitig handeln
Die Angst vor erneuten Brüchen wird dennoch bleiben. Die Angst vor den Schmerzen. Bei ihr und bei mir. Die wird uns keiner nehmen können. Aber wir können - und zwar rechtzeitig - unseren Alltag so einzurichten, dass wir weiterhin selbstbestimmt leben können. "Denn selbstbestimmt zu leben, heißt nicht, alles selbst zu machen", sagt Heidrun mit Nachdruck. "Ich möchte selbst entscheiden können, wie ich mir meine Hilfe, meine Assistenz organisiere. Ich möchte die Regie führen."

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