Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Ich male, also bin ich

Kann man malen, wenn man seine Hände nicht bewegen kann? Kann ein Bild entstehen – für andere sichtbar – allein mit den Gedanken? Eine künstlerische Vision direkt aus dem Kopf in die Welt projizieren? Das klingt nach Science-Fiction. Das so genannte Brain Painting macht es aber heute schon möglich. Aus Gedanken schafft der Künstler Adi Hoesle Bilder. Mittels Brain Painting hat er in den letzten Wochen in der Rostocker Kunsthalle Wissenschaft und Kunst zusammengeführt. Mit dabei: Angela Jansen.

Angela Jansen in der Rostocker Kunsthalle. Foto: Uwe Klees/thalmannverlag

Sie erstaunt mich immer wieder. Das erste Mal, als ich sie im Sommer 2006 kennen lernte und sie in Christoph Schlingensiefs Theaterstück "Kunst und Gemüse A. Hipler" mitspielte. Ich fragte mich damals, wie das gehen soll, wenn jemand bewegungslos im Bett liegt, künstlich beatmet wird und kein Wort sprechen kann.
Und doch war es möglich. Angela lag in ihrem Bett in der Berliner Volksbühne und lenkte und kommentierte mittels ihres Eyegazes als Mitautorin des Theaterstücks die Ereignisse auf der Bühne. Mit Hilfe dieses Gerätes kann sie durch das bloße Anschauen der Buchstaben auf einem Monitor einen Text tippen, der dann über eine künstliche Stimme ausgegeben wird. Dadurch wirkte sie direkt in dem Theaterstück mit, in dem es zum einen um die Krise des Theaters ging und gleichsam und vor allem um ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), eine Erkrankung des motorischen Nervensystems, die innerhalb weniger Jahre zu einer fortschreitenden Lähmung der Extremitäten sowie zu einer Störung bis hin zur Lähmung des Sprechens, Schluckens und der Atmung führt. "Theater ALS Krankheit." Eine Kampfansage Schlingensiefs gegen den allgegenwärtigen Verfall.

Jetzt, in diesem Frühsommer 2012, liegt Angela Jansen in ihrem Bett in der Rostocker Kunsthalle und malt. Sie ist Teil der Ausstellung "Pingo ergo sum – Das Bild fällt aus dem Hirn" – so der Titel der weltweit ersten Brain-Painting-Exposition, die sich vom 18. März bis 28. Mai in Rostock und Linz mit der Entwicklung der Kunst im 21. Jahrhundert beschäftigt. Dazu trägt Angela eine EEG-Kappe, so dass ihre Hirnströme aufgezeigt werden, die eine Grafiksoftware steuern, mit deren Hilfe sie einen bestimmten Buchstaben, eine Farbe, Form oder eine Funktion aus mehreren Angeboten auswählt, indem sie sich auf eines davon konzentriert.
Vor einigen Jahren lernte sie den Künstler Adi Hoesle kennen und durch ihn das Brainpainten. Adi Hösle geht es bei seinen Arbeiten um grundsätzliche Fragen wie: Was ist Kunst? Ist es die Idee in unseren Köpfen oder das Geschick in unseren Händen? Kann man ein Maler sein, ohne in seinen Händen das Talent eines Malers zu haben? Oder – wie Angela Jansen – ohne seine Hände überhaupt bewegen zu können?
Inspiriert wurde er dabei von dem inzwischen verstorbenen Maler Jörg Immendorff, der ebenfalls an ALS erkrankt war. Seine Hände waren zunehmend gelähmt, und er war darauf angewiesen, seinen Assistenten zu sagen, was genau, welche Idee er in seinen Bildern umsetzen wollte. Eine nicht zufriedenstellende Situation für einen Maler. Ihm wollte Adi Hoesler helfen, mittels der bloßen Gedanken ein Bild entstehen zu lassen.

Sicher ist Brainpainten eine andere Art des Malens – aber es ist eine Möglichkeit, sich auszudrücken und kreativ zu sein. "Backen, nähen, tanzen – das geht alles nicht mehr", betont die 56-jährige Angela. "Aber Farben und Formen zu etwas Schönem, zu einer künstlerischen Idee zusammenstellen, das funktioniert mit Brainpainten. Es öffnet sich dadurch für mich eine Tür: Im Land der Farben und Formen kann ich mich barrierefrei, dimensionslos und grenzenlos dahin bewegen, wohin mich Gefühle und Stimmungen tragen."
Adi Hoesle hat für diese Ausstellung vielen berühmten Künstlern, beispielsweise Neo Rauch, den Pinsel aus der Hand genommen und sie brainpainten lassen. Diese Ausstellung richtete sich damit an alle, die ein Interesse an Kunst und Wissenschaft haben. Und an alle, die trotz einer Behinderung aktiver Teil dieser Gesellschaft sein möchten, sich ausdrücken wollen – mit den Mitteln der Kunst. Angela Jansen ist fasziniert von dieser Möglichkeit des Malens. Sie hat mehrere Wochen in einem an die Kunsthalle angeschlossenen Refugium gewohnt und in der Kunsthalle live gebrainpaintet, mit Besuchern kommuniziert und mit den anwesenden Künstlern und Wissenschaftlern zusammengearbeitet. "Beim Brainpainten kann ich völlig ohne die Bewegung eines einzigen Körperteiles, lediglich durch die Fähigkeiten meines Gehirns malen. Leben."


Linktipps:
Die Ausstellung "Pingo ergo sum – Das Bild fällt aus dem Hirn" in der Kunsthalle Rostock
ALS-mobil e. V.: Informationen und Beratung für ALS-Betroffene, Angehörige und Interessierte
Kunst für alle: Auch Hände können sehen. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert
Aktion Mensch: Förderprogramm "Kunst & Kultur" für Menschen mit Behinderung

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