Inklusion, Aktion Mensch-Blog

"Ich bin nicht für die totale Integration"

Niko von Glasow hat einen neuen Film gedreht, diesmal über die Paralympics. Damit macht der kurzarmige Regisseur, wie er sich selbst nennt, seine Trilogie über das Leben und Fühlen von Menschen mit Behinderung komplett: Nach "Nobody's perfect", über Menschen, die mit den Folgen des Contergan-Skandals leben, und "Alles wird gut", einem Film über behinderte und nichtbehinderte Schauspieler, nimmt Niko von Glasow uns jetzt mit auf eine humorvolle Reise zu den Athleten und Spielen nach London. Und das, obwohl er eigentlich ein Sporthasser ist.

Niko von Glasow (r.) und Greg Polychronidis

Was erwartet den Zuschauer dieses Films?

Es ist der Film über den Beginn einer wunderbaren Männerfreundschaft, ähnlich einer Liebesgeschichte, einer platonischen Liebesgeschichte. Ich lerne den griechischen Sportler Greg kennen, einen Mann, der gelähmt ist und Boccia spielt. Und ich habe weitere behinderte Sportlerinnen und Sportler begleitet: Matt, einen armlosen Bogenschützen aus den USA, Aida, die in Norwegen an der Tischtennisplatte trainiert, sowie Maya aus Japan und Christiane aus Deutschland. Sie alle haben versucht, ihr Bestes in London zu geben – und zwei haben auch Gold bekommen.

Wie haben Sie persönlich die Paralympics empfunden?

Ich war vorher sehr skeptisch – ich bin eben kein Sportfan. Aber jetzt kann ich sagen: Es war eine sehr gute Veranstaltung – aus meiner Sicht besser als die Olympischen Spiele, viel glanzvoller. Die Londoner waren sehr freundlich, 20.000 Freiwillige waren im Einsatz. Die Stadien waren voll, alle haben begeistert zugeschaut. Es war einfach eine tolle Stimmung.

Worin unterscheidet sich Ihr Film von anderen Filmen über dieses Thema?

Es gibt zum Beispiel den Film "Gold – Du kannst mehr als Du denkst". Darin werden die Geschichten dreier herausragender paralympischer Athleten erzählt, die ihr Leben von der Tragödie zum Triumph geführt haben. Das war nicht meine Intention beim Dreh. Ich wollte nicht die Übermenschen zeigen, keine Maschinen. Ich wollte einen sehr menschlichen Film machen.

Nach welchen Aspekten haben Sie die Protagonisten ausgesucht?

Ich habe Sie nach ihrer Vitalität ausgesucht, anhand ihrer Augen, nicht aufgrund ihrer spektakulären Leistungen. Ich bin an den Supererfolgreichen nicht interessiert. Ich wollte eher ein Stück von ihrem Alltag erzählen, von ihren Motivationen. Es waren die stillen Begegnungen, die ich zeigen wollte. In meinem Film geht es in erster Linie darum, dabei zu sein, Spaß zu haben und Freunde zu finden. Als Teil meiner Recherchen habe ich zum Beispiel die Schwimmerin Christiane Reppe in Berlin besucht, und wir haben zusammen Pfannkuchen gebacken. Das hat Spaß gemacht. Ich bin ja inzwischen etwas normalofeindlich geworden. Wenn ich jetzt für mein neues Filmprojekt – einen Film, in dem es nicht um das Thema Behinderung gehen wird – interessante Menschen suche, merke immer wieder, dass Menschen mit Behinderung viel interessanter und fröhlicher sind, oft extremer als normale Leute. Das ist eine Bereicherung für mich.

Sie haben in einem Interview einmal gesagt, dass Sie mit diesem Film herausfinden wollen, welche besondere Motivation diese Sportler mit Behinderung treibt, sich so zu quälen. Ist Ihnen das gelungen?

Nicht wirklich. Sportler sind Sportler, sie wollen alle die Besten sein – sowohl die behinderten als auch die nichtbehinderten. Greg hat zum Beispiel zu mir gesagt: "Ich will der beste Boccia-Spieler der Welt sein." Auch wenn er bis zum Hals gelähmt ist. Ich bin ja an diesen Film zunächst unter dem Aspekt herangegangen: Welchen geistigen Weg muss ich gehen, um Spitzensport herzustellen? Um Hochleistungssport zu machen, musst du ja nicht nur Muskeln haben, du musst etwas innerlich überwinden, zum Beispiel Schmerz, Angst usw. Ich denke heute, es ist der Wunsch nach Anerkennung, jeder auf seinem Gebiet: Diese große Motivation, der Beste sein zu wollen, ist bei allen gleich. Der Sportler will der Beste sein in seiner Disziplin – unabhängig ob mit oder ohne Behinderung. So wie ich es als Regisseur sein möchte.

Es wird immer wieder davon geredet, dass man die Paralympics mit den Olympischen Spielen mischen sollte. Was ist Ihre Meinung dazu?

Nein, ich finde eine separate Veranstaltung besser. Und die große Aufmerksamkeit, die die Paralympics bekommen haben, hat das ja auch bestätigt: Die Stadien waren voll, alle haben begeistert zugeschaut. Diesen Druck unter dem Motto "wir sind alle normal" finde ich nicht gut. Ich bin nicht für die totale Integration, jedenfalls nicht immer. Man muss stets auf die konkrete Situation schauen. Ich zum Beispiel bin zunächst auf eine Behindertenschule gegangen, dann ab 14 auf eine Gesamtschule. Bei meiner Integration in die Klasse ging es aber nicht um meine kurzen Arme. Mein soziales Herkommen war da viel schwieriger. Ich habe zum Beispiel einmal zu einer Geburtstagsparty eingeladen – in das Haus meiner Eltern mit Swimmingpool. Das kam nicht so gut an.

Sie haben einmal in einem Interview gesagt, dass Sie keinen Sport mögen, dass Sie ein Sportfeind sind. Hat sich Ihre persönliche Einstellung zum Sport durch den Film geändert?

Nun, ich spiele jetzt ab und zu ein wenig Boccia. Ich bewege mich einfach ein bisschen mehr. Ich möchte 10 Kilo abnehmen (lacht). Aber Leistungssport ist deshalb nicht zu meiner Lieblingsbeschäftigung geworden.


Linktipps:
Theater inklusiv: Die Randgruppe in der Abstellkammer. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über Niko von Glasows Theaterstück "Alles wird gut"
Wir wollen alle nur geliebt werden! Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über Niko von Glasows Film "Alles wird gut"
Filmreife Behinderung. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen über die Darstellung von Behinderungen im Film


Mit Aktion Mensch-Nutzerkonto

Melde dich an und diskutiere mit!

Als Gast

Gib deinen Namen oder ein Pseudonym sowie deine E-Mail-Adresse an und kommentiere als Gast:

Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.


Sortieren nach Datum:

avatar

Valeria Koch

Hallo
Ich heisse Valeria Koch und habe ihnenein sher sher wichtiges Anligen.
Es wäre sehr hilfreich, wenn ich mit einer Person die keine Hände oder keine Arme hat reden oder einfach Kontakt auf nehmen könnte. Bitte informier sie mich sobald Sie diese Nachricht gelesen haben. Das wäre mir eine riesen grosse Hilfe!
Vielen Dank für ihr Verständnis und ihre Rückmeldung.
Valeria Koch

Filter

Schlagwort


Tags

In Vorfreude Gutes tun

Dein perfektes
Weihnachtsgeschenk

Ein Jahreslos der
Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen

Noch kein
Geschenk?