Inklusion, Aktion Mensch-Blog

"Ich bin ich"

Die Mira Lobe Schule ist einzigartig in Niedersachsen. An der ersten neugegründeten inklusiven Grundschule des Landes werden seit diesem Schuljahr Mädchen und Jungen mit und ohne Förderbedarf gemeinsam unterrichtet.

Inklusiver Unterricht an der Mira Lobe Grundschule Foto: Mira Lobe Grundschule

Ein inklusives Schulsystem, in dem alle Kinder gemeinsam lernen können! Das ist die Aufgabe, vor der die "Bildungsrepublik" Deutschland steht. Und das ist die Verpflichtung, die Politik und Gesellschaft mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) vor gut drei Jahren eingegangen sind. Noch immer werden hierzulande 79 Prozent der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Förderschulen unterrichtet. Dazu zählen auch viele Kinder mit geistiger oder körperlicher Behinderung. Zwar ist der Anteil innerhalb von zehn Jahren um neun Prozent gesunken. Trotzdem sind 79 Prozent im europäischen Vergleich exorbitant hoch. Die meisten EU-Staaten haben den Großteil ihrer Förderschulen geschlossen. Stattdessen werden die Kinder von Sonderpädagogen an den Regelschulen unterstützt. Im EU-Durchschnitt lernen inzwischen fast 80 Prozent der förderbedürftigen Kinder inklusiv.

Der Spaß des Lebens hat begonnen

Das dies auch bei uns funktionieren kann, macht die Mira Lobe Grundschule in Hannover vor. Seit Beginn dieses Schuljahres hat für die erste Lerngruppe – 12 Kinder ohne und 6 Kinder mit Förderbedarf – "der Spaß des Lebens" begonnen. Von den sechs Kindern mit Förderbedarf werden drei dem Förderschwerpunkt "geistige Entwicklung" und je eines den Förderbereichen "körperliche Entwicklung", "Sprache" und "Lernen" zugeordnet. Das Wort Lerngruppe passt hier, denn tatsächlich handelt es sich weniger um eine Klasse im klassischen Sinne. Kinder des ersten bis vierten Schuljahres arbeiten jahrgangsübergreifend zusammen – mit einem musisch-künstlerischem Schwerpunkt. "Die Kinder lernen voneinander", sagt Schulleiterin Susanne Röber. "Sie lernen, dass alle Menschen anders sind und dass jeder Mensch seine Stärken und Schwächen hat. Ganz egal, ob Handicap oder nicht Handicap."

Alle Kinder sind willkommen

"In der Mira Lobe Schule sind alle Kinder willkommen, ungeachtet ihrer Herkunft, ihrer religiösen Erziehung, ihrer Kompetenzen und Einschränkungen", heißt es auf der Homepage der Schule. Ethnischer Hintergrund, soziale Herkunft, besondere Begabungen und Einschränkungen jeglicher Art werden als Bereicherung des schulischen Arbeitens betrachtet. "Ich bin ich" rufen und singen die Kinder in ihrem Schul-Video. Die Schülerinnen und Schüler werden so akzeptiert, wie sie sind. Und jeder bringt das in die Gemeinschaft ein, was er kann.
Unterstützt werden sie dabei von ein bis zwei Lehrkräften und einem Pädagogischen Mitarbeiter pro Lerngruppe. Die Gruppengröße liegt bei 18 bis 20 Schülerinnen und Schülern. Das Kollegium der Mira Lobe Schule setzt sich zusammen aus Lehrkräften für Grund- und Förderschule, Erzieherinnen, Heil- und Sozialpädagoginnen. Außerdem gibt es Assistenzkräfte wie Praktikanten der Universitäten, junge Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr oder Heilerziehungspfleger in der Ausbildung.

Haar in der Suppe

Das alles hört sich sehr gut an. Schulische Inklusion wie aus dem Bilderbuch! So könnten unsere Grundschulen aussehen – von Flensburg bis Oberammergau. Und doch findet sich ein Haar in der Suppe: Die Mira Lobe Schule liegt in privater Trägerschaft. Das bedeutet: Schulgeld wird fällig, trotz staatlicher Förderung. Das Positive daran: Der Elternbeitrag von 110 bis 230 Euro wird abhängig vom Einkommen veranschlagt. Wer viel verdient, zahlt mehr. Wer ein geringes Einkommen hat, zahlt weniger. Die Mira Lobe Grundschule möchte eben für alle Kinder offen sein.

Übrigens: Die Mira Lobe Grundschule ist nach der gleichnamigen Kinderbuchautorin benannt. Ihr vielleicht bekanntestes Bilderbuch heißt "Das kleine Ich bin Ich". Es geht darin um Identitätsfindung und die Akzeptanz von Andersartigkeit.


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