Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Hörfilme im TV: Teilhabe und Barrierefreiheit

Was in anderen Ländern Standard ist, wird im deutschen Fernsehen leider noch viel zu selten angeboten: Hörfilm-Fassungen für blinde Menschen. Per Audiodeskription beschreibt eine Stimme die Bilder, die blinde Menschen nicht sehen können – und baut so Barrieren ab.

"Ein sonniger Tag. Bewaldete Hügel, dahinter halbhohe kahle Berge. Zwei Männer in einem offenen Oldtimer. Der Fahrer deklamiert. Der zweite Mann döst auf dem Beifahrersitz, sein Fuß ragt aus dem Wagen."
In kurzen knappen Sätzen beschreibt eine ruhige, weibliche Stimme das Bild. Im Fernsehen läuft "Das Leben ist schön", Roberto Benignis Tragikomödie über die Zeit des Faschismus in Italien.

Die Bild-Beschreibung dringt aus meinen TV-Lautsprechern. Optional konnte ich die so genannte Hörfilm-Fassung bei diesem Film einschalten. Sie ist speziell für blinde und sehbehinderte Zuschauer produziert. Die ruhige, weibliche Stimme wird mich die nächsten 116 Minuten begleiten. Sie wird in Dialogpausen all das in Worte fassen, was mir sonst beim Fernsehen verborgen bleibt: Rein visuelle Handlung, Kleidung und Aussehen der Figuren, Gesten, Mimik, Dekors.

Inklusive Beschreiber-Teams

Das Verfahren heißt Audiodeskription. Die Texte werden von speziell ausgebildeten Filmbeschreibern erstellt. Die Teams bestehen bisher zumeist aus sehenden und blinden Menschen. Die Mitwirkung eines Nichtsehenden sei sehr wichtig, schreibt die Deutsche Hörfilm gGmbH auf ihrerHomepage, da es für Sehende oft nicht nachvollziehbar sei, welche Informationen ein Blinder einem komplexen akustischen Gefüge wie einer Tonspur entnimmt. Leider verzichten deutsche TV-Sender zunehmend auf die inklusiven Beschreiber-Teams und lassen die Spur von nur einem sehenden Menschen erstellen. Der Grund: Man möchte Geld sparen.
Dabei kostet das Erstellen einer Hörfilm-Fassung für einen 90-minütigen Film nur rund 5.000 Euro. Setzt man dies in Relation zu den Budgets der Fernsehsender, sind diese Kosten ein Witz. So kostet ein durchschnittlicher "Tatort" rund 1,3 Mio. Euro. Eine Folge der Daily Soap "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten" liegt bei 60.000 Euro.

Leider noch die Ausnahme

Es ist bei diesen Summen unverständlich, dass in Deutschland Hörfilme immer noch die große Ausnahme sind. Im Schnitt nur eine bis drei Sendungen pro Tag werden in der hiesigen TV-Landschaft mit Audiodeskription ausgestrahlt. Hierbei handelt es sich in der Regel um Filme, Serien und gelegentlich um Natur-Dokumentationen. Bildbeschreibungen von Live-Übertragungen, Shows oder Sport-Events – wie es sie zum Beispiel in Österreich gibt – suchen blinde Menschen in Deutschland vergebens.

Hörfilme bauen Barrieren ab

"Warum schauen blinde Menschen überhaupt TV?", werde ich häufig gefragt. "Es gibt doch das Radio und das Internet." Fernsehen ist immer noch das Leitmedium in Deutschland. Sehende Arbeitskollegen, Mitschüler oder Familienangehörige sprechen darüber. Blinde Menschen können am besten mitreden, wenn es eine Hörfilm-Fassung gab. Audiodeskription bedeutet also auch Teilhabe. Hörfilme bauen Barrieren ab. Es wird höchste Zeit, dass sie im deutschen Fernsehen zu einer Selbstverständlichkeit werden.


Linktipps:
Ich sage dir, was du nicht siehst. SpiegelOnline-Artikel über eine Autorin und eine Sprecherin von Audiodeskriptionen
Alle Infos über das inklusive Filmfestival "überall dabei" der Aktion Mensch, das derzeit durch 40 Städte tourt
Das Handlungsfeld "Inklusion leben: In der Freizeit" der Aktion Mensch
Normalität in Film und Fernsehen. Ein Blogbeitrag von Carina Kühne über Menschen mit Behinderung im Film
Filmreife Behinderung. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen über die Darstellung von Behinderungen im Film

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