Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Hey, ich kann das! Mit euch zusammen!

Auf einem gespannten Stahlseil mit dem Rollstuhl balancieren? Auf einem Nagelbrett sitzen oder in einen Scherbenhaufen treten? Einen Teller jonglieren, auch wenn er fast zu schwer erscheint für meine Arme? Wie viel kann ich mir zutrauen? Wie meine Angst überwinden?

Mit dem Rollstuhl auf einem gespannten Stahlseil balancieren Fotos: Margit Glasow / thalmannverlag.de

Juliane dreht für die Jungen, die es nicht allein schaffen, die Teller zum Jonglieren auf. In der Mitte des Raumes üben drei weitere Kinder einen Tanz mit bunten Tüchern ein. An der Seite kämpfen zwei Jungen mit ihren Schwertern, auf ihren Köpfen tragen sie selbstgebastelte Helme. Man sieht den Kindern an, dass es ihnen Spaß macht. Zugleich sind sie hochkonzentriert. Vorsicht ist geboten, denn manche von ihnen haben Glasknochen. Einer der Jungen sitzt zum Beispiel im Rollstuhl. Er ist eigentlich ein kleiner Angsthase. Fahrstuhl fährt er nicht allein, da muss immer Mama oder Papa mit. Aber hier setzt er sich in einen anderen, passenden Rollstuhl und lässt sich auf zwei Rädern über das etwa einen halben Meter über dem Boden gespannte Drahtseil schieben.

Vier tolle Tage lang

Die Mädchen und Jungen – Kinder mit Glasknochen und deren Geschwister – proben an diesem Nachmittag gemeinsam mit Stefan Preker vom Zirkus Buttermilch. Sie sind mit ihren Eltern hierher nach Duderstadt gekommen. Seit vielen Jahren treffen sich hier die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Osteogenesis imperfecta (Glasknochen) Betroffene im zu großen Teilen barrierefreien Jugendgästehaus. Vier tolle Tage lang. Und während die Eltern und erwachsenen Betroffenen sich in Vorträgen und Workshops über medizinische und sonstige Neuigkeiten informieren und diskutieren, nutzen die Kinder und Jugendlichen ein abwechslungsreiches Programmangebot. Der Zirkus Buttermilch ist dabei sehr beliebt, hier können die Kinder ihre Ideen einbringen, sich ausprobieren, an ihre Grenzen gehen. Gemeinsam erarbeiten sie ein Programm, das dann am letzten Abend aufgeführt wird.

Der Zirkus Buttermilch ist bereits vor 20 Jahren bei einer solchen Jahrestagung dabei gewesen. Stefan Preker war damals Mitglied einer integrativen Tanzgruppe und lernte Annette Schulte-Kellinghaus kennen. Die Sozialpädagogin, die selbst Glasknochen hat, ermunterte den Zirkuspädagogen Stefan Preker, sich mit seinen integrativen Angeboten doch einmal an den Verein zu wenden, vielleicht hätten die Interesse an seiner Arbeit.

Von Sorgen und Verantwortung

"Von Glasknochen hatte ich bis dahin noch nichts gehört, aber ich hatte keine Angst davor. Dann kam ich das erste Mal zu einer Tagung, und eine Mutter fragte mich frei heraus: 'Sie wollen jetzt mit unseren Kindern Zirkus machen? Wissen Sie eigentlich, dass im letzten Jahr zweimal der Notarzt kommen musste? Einmal sogar mit dem Rettungshubschrauber.' Oh, habe ich da gedacht, bist du dem überhaupt gewachsen? Ich habe dann angefangen, mit den Kindern zu arbeiten. Ich habe ihnen gesagt, ihr seid für euren Körper verantwortlich. Ich mache euch Angebote, und ihr entscheidet, wie weit ihr gehen wollt. Es entstanden dann solche wunderbaren Dinge wie Kopfstand auf dem Nagelbrett."

Unfälle, Knochenbrüche habe es dabei nie gegeben, berichtet Stefan Preker weiter. Er war selbst davon beeindruckt, was diese Kinder alles können, welch unglaubliche Armkraft sie zum Teil haben, ohne dass die Knochen brechen. Und wie erfinderisch sie sind. Ein kleines Mädchen zum Beispiel, für die die Jonglierteller zu schwer waren, habe auf einem Schaschlikstab das Gehäuse eines Teelichtes jongliert. "Ich hätte mir das alles niemals vorstellen können", so Preker. "Es war für mich jedes Mal sensationell, was am Schluss dabei herauskam, immer unter dem Gesichtspunkt: Das war das Beste, was in dieser Zeit möglich war."

Inzwischen ist es Abend geworden, kurz vor 19 Uhr. Die Kinder sind aufgeregt, sie schauen in die erwartungsvollen Gesichter ihrer Eltern und Gäste. Und sie erfüllen deren Erwartungen, gemeinsam, egal ob mit oder ohne Glasknochen. Jeder kann entsprechend seinen körperlichen Möglichkeiten das Beste geben, die Zuschauer begeistern und seinen Platz in der Zirkustruppe finden.


Linktipps:
Das Handlungsfeld "Inklusion leben: In der Freizeit" der Aktion Mensch
Mehr zum Thema Jugendliche mit Behinderung beim Familienratgeber
"Nix Besonderes". Ein Blogbeitrag von Stefanie Wulff über Inklusion bei den Pfadfindern
Skateboarden inklusiv! Ein Blogbeitrag von Eva Keller über einen inklusiven Skateboard-Workshop in Frankfurt
"Jetzt machen wir Zirkus!" Ein Blogbeitrag von Eva Keller über Kinder mit und ohne Behinderung beim Zirkus Zarakali

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