Aktion Mensch-Blog

Halleluja ohne Noten

von Gundel Köbke

Das Berliner Projekt "Gospelmusik schafft Begegnungsräume" bringt junge Menschen mit Migrationshintergrund, Erwachsene mit Sehbehinderung und Blinde zusammen. In dem inklusiven Gospelworkshop singen sie nicht vom Blatt, sondern einfach nach Gehör.

Singen ohne Noten mit Texten in Großschrift Fotos: Gundel Köpke

"Wir singen gerne, haben Erfahrung mit Musik und spielen Gitarre. Warum also nicht ein Projekt starten, bei dem Menschen mit und ohne Behinderung beteiligt sind?" Gemeinsam mit Blinden und Sehbehinderten einen Gospel-Workshop ins Leben zu rufen, lag für die beiden Berliner Pastorinnen Steffi Arthur und Daniela Nischik auf der Hand: "Inklusion ist ein Thema, das alle angeht und auch junge Menschen begeistert", sagen die beiden.

Beim Evangelischen Blindenverein im Berliner Stadtteil Grunewald treffen sich seit Herbst 2012 etwa 20 bis 25 Mitglieder eines ungewöhnlichen Gospelchors. Das Singen hat sie alle zusammen geführt: junge und ältere Erwachsene, Migranten, Blinde und Menschen mit Sehbehinderung – jeder singt, so gut er kann. Und die meisten können es richtig gut, weil sie auch schon im Schulchor gesungen haben oder in einem Kirchenchor aktiv sind.

Notenlesen nicht erforderlich

Dieser Chor kommt ganz ohne Noten aus, denn die Blindenschrift der Noten ist kompliziert und vielen unbekannt. Stattdessen werden die Liedertexte zu eingängigen afroamerikanischen Melodien in Groß- oder Blindenschrift verteilt. Eine Seniorin: "Ich kann zwar sehen, aber keine Noten lesen. Eine Freundin mit Sehbehinderung hat mich zu diesem Chor mitgekommen. Das sind alles super-musikalische Leute hier." Die 65-Jährige swingt bei den spirituellen Gesängen gefühlvoll mit und singt auch gerne etwas lauter in ihrem Seniorenwohnhaus, "… aber wissen Sie, das ist so ein ganz stilles Haus, da muss ich leider ganz leise singen".

Pastor Peter Arthur von der Akebulan-Gemeinde trommelt, seine Frau Steffi erklärt die Texte und gibt die jeweilige Melodie mehrmals vor. Zu Gast heute ist die Sängerin Christine Odongo aus Kenia. Sie ist Mitglied in einem schwarzafrikanischen und in einem kenianischen Gospelchor und bekennt: "Singen ist meine Leidenschaft. Ich bin ein bisschen aufgeregt in dieser Runde. Aber ich habe gleich gefühlt: Die Leute in diesem Workshop geben alles, sie können richtig Gas geben!"

Sich singend in ferne Länder träumen

Zum Warmsingen wird "Praise the Lord, Hallelujah!" angestimmt, gefolgt von der deutschen Fassung "Preiset den Herrn, Hallelujah". Christine Odongo reißt die Sängerinnen und Sänger in mehreren Sprachen auf Ghanaisch, Suaheli und Kurdisch mit. Es ist sehr ergreifend zu erleben, wie sich der Chor von Refrain zu Refrain steigert und der Funke mehr und mehr überspringt.

Für den nächsten Song werden Trommeln, Rasseln und andere Perkussionsinstrumente verteilt. Der Rhythmus von Gesang und Musik sitzt beim nächsten spirituellen Kanon auf Anhieb. Als dann alle mitklatschen, wirkt der Gospelchor wie eine einheitliche, fröhliche Gemeinschaft, und die Stimmung erreicht ihren Höhepunkt.

Die anderthalb Stunden sind für alle wie im Flug vergangen. Zum Abschluss stehen bekannte Lieder wie "We shall overcome" und das Spiritual "Amen" auf dem Programm. Im nüchternen Übungsraum klingt das fast schon wie in einem Kirchenschiff. Eine Teilnehmerin: "Ich singe auch in einem etwas steifen Kirchenchor. Hier dagegen ist es viel lockerer. Ich hätte auch etwas anderes als Gospel gesungen. Die Hauptsache aber ist, dass wir alle gemeinsam singen."

Am 17. August 2013 steht für den Gospelworkshop ein Ausflug in den Britzer Garten auf dem Programm. Ende September ist ein Auftritt beim Jubiläum des Evangelischen Blindendienstes Berlin geplant.

Neue Teilnehmer sind jederzeit willkommen und können sich bei Pastor Peter Arthur (Tel. 030 - 773 28 487; info@akebulan-gm.org) oder bei Pastorin Daniela Nischik (Tel. 030 - 45 022 763; info@blindendienst-berlin.de) melden. Das Projekt "Gospelmusik schafft Begegnungsräume" wird von der Aktion Mensch mit 4.000 Euro finanziert.


Linktipps:
Die Akebulan-Gemeinde in Berlin
Der Evangelische Blindendienst Berlin
"Unsere Geschichten" – getanzt, gesungen, gespielt. Ein Blogbeitrag von Brigitte Muschiol über ein Theaterstück von Kindern und Jugendlichen aus Migrationsfamilien
Die Förderprogramme der Aktion Mensch

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