Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Gut gemeint ist nicht gut gemacht

Kinderbücher zum Thema Behinderung

Autorin Birte Müller liest ihren Kindern Olivia und Willi vor

Neulich habe ich aus der Kinderbibliothek einen Haufen Bücher mit nach Hause geschleppt, rund ums Thema Behinderung. Aus Neugier, wie sie meinen Kindern gefallen. Es war so: Ich musste keines ein zweites Mal vorlesen. Die meisten waren einfach zu simpel gestrickt: Kind mit und ohne Behinderung lernen sich kennen. Kind ohne Behinderung will anderes Kind (meist mit Down-Syndrom) nicht mitspielen lassen, weil es komisch spricht und aussieht. Entdeckt dann aber, dass es total lieb ist oder irgendwas gut kann. Und schwuppdiwupp sind die beiden dicke Kumpels.
Glaubt kein Mensch, jedenfalls nicht mein Sohn.

Behutsam, wohlwollend, pädagogisch

"Ich und der Caspar haben ein paar Wochen gebraucht, bis er mein Freund wurde!", sagt der 7-Jährige (dessen Freund übrigens keine Behinderung hat). Da blätterte die kleine Schwester bereits wieder im „Conni“-Buch (in dem leider kein Kind mit Behinderung eine Rolle spielt). Gut gemeint ist nicht gut gemacht – dieser Spruch gilt auch für manches Buch, das Kindern erklären will, warum Kinder mit Behinderung anders, aber doch "wie wir" sind. Sehr behutsam, sehr wohlwollend, sehr pädagogisch. Aber wenig unterhaltsam.

"Planet Willi" ist einfach anders

Birte Müller wollte das anders machen, und sie hat es geschafft. "Planet Willi" heißt ihr Buch, das ich in einem zweiten Anlauf aus der Bücherei nach Hause brachte. Schön bunt und irgendwie verrückt. Es erzählt von Willi, der von einem anderen Planeten auf die Erde gekommen ist. Willi, der ein Dickkopf ist und gerne Kühe knutscht. Willi, der laute Musik und Autos liebt. Willi, der nicht sprechen kann, aber immer ein bisschen die Zunge rausstreckt. Willi, der ständig wegläuft und der das Leben liebt.
Willi ist der Sohn von Birte Müller. Er ist fast 6 Jahre alt und "er hat wunderschöne Mandelaugen, die ich einfach nicht zeichnen kann", wie die Illustratorin sagt. Deshalb hat der Willi im Buch so runde Augen wie alle anderen auch, und das Down-Wort fällt überhaupt nicht. "Spielt keine Rolle", sagt Müller: "Es geht in dem Buch um das Anderssein-Dürfen."

Neugierde wecken

Aber: Kapieren die jungen Leser denn diese Botschaft, wenn die Behinderung so indirekt thematisiert wird? "Müssen sie nicht", sagt die Kinderbuchautorin: "Die Kleinen staunen und lachen über Willi, der ist für sie ein Held – und dabei kann ich es belassen." Die Großen aber – die ahnen, dass es im Buch eine zweite Ebene gibt. Immer wieder liest Birte Müller in Kindergärten und Schulklassen. Und weil die allermeisten Kinder neugierig sind, fragen sie irgendwann: "Ist dein Sohn denn echt ein Außerirdischer?" Schon ist die Gruppe mitten im Gespräch. Dann erzählen sie vom Nachbarskind, das auch behindert ist. Belehren einander, dass krank nicht gleich behindert ist. Wollen die Gebärden für Keks und Fernsehen lernen, die für Willi so wichtig sind. Oder sie fragen Birte Müller, ob sie den Willi denn von Anfang an lieb hatte.
Mein Sohn, der das Buch vom Willi "schon ganz cool" fand, wollte es nach dem Lesen genau wissen: "Warum sind die Leute mit dem Down-oder-wie-das-heißt eigentlich anders?" Und schon waren wir mitten in einem Gespräch über Zellen und Chromosomen. Gut, dass noch das Buch "Albin Jonathan: Unser Bruder mit Down-Syndrom" auf dem Stapel lag. Da werden die Gründe für die Behinderung gut erklärt. Und es gibt jede Menge Fotos zu sehen, von Albin und seinen Geschwistern. Man blättert darin wie im eigenen Fotoalbum. Und stellt fest: Der macht ja die gleichen Sachen wie wir!

Welche Bücher über Behinderung habt ihr, haben Sie schon gelesen? Welche Geschichten fanden Sie spannend, lustig, berührend? In welchen Büchern finden Sie die Begegnung von Kindern mit und ohne Behinderung – von der Abweisung über Berührungsängste bis zu Freundschaft – gut wiedergegeben? Und wie gelungen finden Sie die Illustrationen von Menschen mit Down-Syndrom?


Bücher zum Thema (das sind nicht unbedingt alles meine Tipps, aber die Geschmäcker sind ja unterschiedlich):

  • Birte Müller: Planet Willi. Klett Kinderbuch, 2012. Ab 4 Jahre.
  • Silke Schnee / Heike Sistig: Die Geschichte von Prinz Seltsam. Neufeld-Verlag 2011. Ab 4 Jahre.
  • Adele Sansone: Florian lässt sich Zeit. Tyrolia Verlag 2002. Ab 4 Jahre.
  • Franz-Joseph Huainigg / Verena Ballhaus: Meine Füße sind der Rollstuhl. Beltz 2003. Ab 4 Jahre.
  • Vera Krott-Unterweger / Alexandra Junge: Malte und Sebastian. Eine besondere Freundschaft. Herder 2006. Ab 5 Jahre.
  • Virginia Fleming / Floyd Cooper: Sei nett zu Eddie. Lappan, 2006. Ab 5 Jahre.
  • Florence Cadier / Stéphane Girel: Ich bin Laura. Ein Mädchen mit Down-Syndrom erzählt. Oetinger, 2002. Ab 5 Jahre.
  • Sabine Otten: Opa, was ist behindert? Wagner Verlag 2012. Ab 6 Jahre.
  • Paula Fox: Paul ohne Jacob. Carlsen 2005. Ab 6 Jahre.
  • Selbsthilfegruppe für Menschen mit Down-Syndrom und ihre Freunde e.V.: Albin Jonathan – unser Bruder mit Down-Syndrom. 1994. Ab 7 Jahre.
  • Dolf Verroen / Birte Müller: Josefinchen Mongolinchen. Verlag Freies Geistesleben, 2006. Ab 9 Jahre.
  • Brigitte Werner / Birte Müller: Denni, Klara und das Haus Nr. 5. Verlag Freies Geistesleben 2011. Ab 7 Jahre.
  • Ulrike Kuckero / Maja Bohn: Alice im Mongolenland. Thienemann, 2009. Ab 10 Jahre.



Linktipps:
Die Homepage von Birte Müller
Puppen, die aussehen wie Kinder mit Down-Syndrom. Ein Artikel des Arbeitskreises Down-Syndrom e.V.
Barbie im Rollstuhl? Ein Blogbeitrag von Stefanie Wulff über Inklusion im Kinderzimmer
Durchgezockt – Behinderung spielerisch vermitteln. Ein Blogbeitrag von Domingos de Oliveira über Computerspiele für Menschen mit Behinderung und behinderte Spiel-Charaktere
Blindheit in den Medien: Die blinde Liebe. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über die Darstellung von Blindheit in Literatur und Film


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voke

Ich diskutiere Kinderbücher mit Studierenden der sozialen Arbeit. Sie finden Planet Willi nicht überzeugend, weil das Kind hier als " very special" und ganz besonders aus- gesondert wird. Sie präferieren das Büchlein "total normal", s. Kommentar.

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voke

Ich finde gelungen :Total normal zu beziehen über DS Info center
genauer Titel:
Total normal – es ist normal, verschieden zu sein

Nina und Felix stellen ihre Schulklasse vor, eine Gruppe mit ganz unterschiedlichen Kindern. Und mit allen soll man irgenwie zurechtkommen? Für alle Verständnis haben? Das ist ganz schön anstrengend. Aber auch spannend. Nina erzählt in dieser Broschüre, weshalb Kinder so unterschiedlich sind. Sie stellt einige Klassenkameraden mit ihren Besonderheiten vor und erzählt von Anna, die Down-Syndrom hat. Felix, ihr Freund, hat zu der Geschichte Bilder gezeichnet.

Es geht um Zellen und Chromosomen, um Ähnlichkeiten und Unterschiede und um Toleranz. Und um das Verständnis, dass es „total normal“ ist, verschieden zu sein.

Eine Broschüre für alle Kinder zwischen acht und zwölf Jahren.

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Anti-Vorurteile

"Sondere niemals das „Minderheiten“-Kind aus, indem du es als einziges herausgreifst und als „anders“ hinstellst (Derman-Sparks)
Welche Botschaft kommt bei Kindern an, wenn Behinderung als etwas Außerirdisches erklärt wird? Wenn ein Kind mit Behinderung als Außerirdischer bezeichnet wird - auch wenn dies farbenfroh und gut gemeint geschieht? Werden dadurch Othering-Prozesse in Gang gesetzt, also Prozesse, die Behinderung als etwas anderes darstellen, eine Distanzierung der Gruppe, der man sich zugehörig fühlt (Eigengruppe) von anderen Menschen, Menschen mit Behinderung?
Die optimale inklusive Schule hebt die Zwei-Gruppen-Theorie ‚behindert’ - , nicht behindert’ auf und ersetzt sie durch die Theorie einer heterogenen Gruppe. Anstatt der Dichotomie ,normal’ versus ,behindert’ wird die Vielfalt anerkannt. Es ist wichtig, dass Unterschiede und Gemeinsamkeiten benannt werden. Kinder wollen verstehen, warum es in anderen Familien anders ist als bei ihnen selbst. Ebenso wichtig ist es auch über Gemeinsamkeiten zu sprechen.Mitgedacht werden sollte, dass ein Kind, dass das einzige mit Behinderung in der Klasse ist, in einer schwierigen Lage sein kann: Es kann sein, dass das Kind mit Behinderung in der Klasse nicht „anders“ sein will. „Es ist jedoch wichtig, dass sie dabei unterstützt werden, zu sein, wer sie sind und sich damit wohl zu fühlen, auch wenn sie zahlenmäßig in der Minderheit sind“ (LOUISE DERMAN-SPARKS 1989, S.4). „Sondere niemals das „Minderheiten“-Kind aus, indem du es als einziges herausgreifst und als „anders“ hinstellst. Seine Familie ist dann und nur dann an der Reihe, wenn die Familien aller Kinder Thema der Gruppe werden“ (LOUISE DERMAN-SPARKS 1989, S.4).Derman-Sparks, Louise/ A.B.C Task Force (1989): Kulturelle Unterschiede und Ähnlichkeiten kennenlernen, zum Artikel: http://bit.ly/1wS9Gk0

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