Inklusion

Gut behütet – Erfahrungen einer blinden Babysitterin

Blind babysitten - kann das klappen? Mit etwas Selbstvertrauen auf jeden Fall, sagt Mirien Carvalho Rodrigues. Die blinde Bloggerin erzählt euch von ihren Erlebnissen.

Mirien Carvalho im entspannten Spiel mit Elias: Völlig frei und unbefangen

privat

An dem Abend, an dem Martin und ich zum ersten Mal zusammen ausgingen, war er schwer beeindruckt davon, dass ich eine Speisekarte lesen konnte, ohne sie aufzuklappen. In Marburg boten auch damals schon einige Lokale Speisekarten in Brailleschrift an. Nach diesem Erlebnis beschloss Martin, alles über Bord zu werfen, was er vielleicht mal über Blindheit und blinde Menschen gedacht hatte. Auch bei seiner Familie – nennen wir sie Familie G. – wurden keine großen Worte gemacht. Wer mit einem der Kinder befreundet war, gehörte zur Familie. So kam auch ich als Martins Freundin Anfang der Neunzigerjahre oft zu Besuch.

Ganz selbstverständlich und unbefangen redeten wir über Gott und die Welt. Für mich war es manchmal beinahe unglaublich: Egal, ob es darum ging, Hemden zu bügeln, den Tisch für acht Personen zu decken oder ein Pferd in die Box zu führen – in dieser Familie hatte allein ich das Vorrecht zu sagen, wenn ich Unterstützung brauchte oder etwas lieber nicht machen wollte.

Traust du dir das zu?

Schließlich kam der Tag, an dem Martins Schwester Christiane einen Babysitter für ihren Jüngsten suchte. Der Kleine konnte noch nicht sprechen, war allerdings gerade dabei, die Welt im Krabbelsturm zu erobern.

Frei heraus sprach Christiane ihre Bedenken aus, das Kind könne mir nicht sagen, was es wolle. Nachdem ich ihr erklärt hatte, ich würde immer auf Tuchfühlung mit dem Kind bleiben und den ganzen Abend über nichts anderes machen, sagte sie schlicht: „Ja, wenn du mir sagst, dass das geht, dann machen wir das.“

Unvergesslicher Abend

Für mich wurde es ein unvergesslicher Abend. Ohne viel Erfahrung mit Kindern zu haben, war ich mir doch sicher, wir zwei würden uns verstehen. Als der kleine Simon zappelig wurde, nahm ich ihn aus seinem Stühlchen und setzte ihn auf den Boden. Irgendwas wollte er mir aber noch sagen, was ich nicht sofort begriff. Da krabbelte er hinter die Küchentür, ich ihm immer auf den Fersen. Dort stieß ich auf jede Menge leerer Flaschen. Aha, er hat Durst!

In dem Wissen, allein und unbeobachtet zu sein, wagte ich mich mit dem Kleinen auch auf die Terrasse. Und natürlich krabbelte das Kind wie der Blitz in Richtung Treppe. Die Oma hielt ihn immer von der Treppe fern. Ich beschloss, es anders zu machen, denn ich wollte Simons Forscherdrang unterstützen. So krabbelte schließlich das Kind Kopf voran ganz langsam die Treppe hinunter, während ich rückwärts krabbelte und ihn von unten sicherte. Bis heute weiß ich nicht, wer an dem Abend mehr Freude hatte.

Seither hatte ich noch einige Male das Glück, mit den Kindern gelassener Eltern zusammen etwas erleben zu dürfen. Zum Beispiel mit Elias. Seine Eltern sind selbst blind und gute Freunde von mir. Hier war von Anfang an klar, dass ich ihn halten, herumtragen und mit ihm spielen darf und mich dabei völlig frei und unbefangen fühlen kann.

Aber es war Familie G., bei der ich zum ersten Mal erfahren durfte, dass ich diese Unbefangenheit auch unter sehenden Menschen manchmal empfinden kann.

 

Linktipps:

Schulbesuche mit dem Blindenführhund. Mirien Carvalho Rodrigues über die Unbefangenheit bei ihren Begegnungen mit Kindern

Zu früh. Heiko Kunert über eine unverhoffte Begegnung mit einem Mann, der wirklich alles über Blinde weiß – oder das zumindest denkt

Wahrnehmungswelten blinder Menschen. Interview von Heiko Kunert mit Andreas Brüning, dem Initiator des Projekts „Biografie-Paten“

Behinderung ausgeblendet. Mirien Carvalho Rodrigues über Begegnungen in ihrem Job, bei denen ihre Blindheit kein Thema ist


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Ludwig Herbort

Na klar klappt das. Ich mache das mit meinen Enkelkindern auch. Die wachsen damit auf. Der Ältere ist jetzt 5 Jahre alt. Wenn wir spazieren gehen, bleibt er bei mir, rennt nicht weg. Kommen wir an eine Stelle, wo wir die Straße überqueren müssen, sagt er: "Moment Opa, ich gucke mal ob auch kein Auto kommt!" Tja, so hilft man sich mittlerweile gegenseitig.
Selbst vom Kindergarten wird ihm ein besonders gutes Sozialverhalten bescheinigt.
Demnach war mein Babysitten doch wohl nicht falsch oder schlecht.
Blinde können vieles; man muß sie nur machen lassen!

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