Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Gibt es ein Recht auf Zärtlichkeit?

Wie ist es, wenn man seinen Arm nicht heben kann, um den anderen zu berühren? Wenn man dem anderen niemals sagen kann: Ich liebe dich? Wenn man noch nicht einmal allein masturbieren kann?

Foto: Aktion Mensch
Filmszene aus "Rachels Weg"

Sebastian Knorr ist so ein junger Mann. Er ist Spastiker. Laufen kann er nicht, seine Arme und Beine fliegen in unkontrollierten Bewegungen durch die Luft, und wenn er spricht, kann man ihn nicht verstehen. Der 42-Jährige ist durch eine Sauerstoffunterversorgung während der Geburt schwerst mehrfachbehindert. Doch auch wenn er sich seinem Gegenüber nicht verständlich machen kann, ist sein Kopf klar. Er kommuniziert über seine Assistentin mithilfe von Symbolsprachkarten. So kann er ihr gegenüber auch seinen Wunsch nach Nähe und Zärtlichkeit äußern. Dass er sich jemandem verbunden fühlen möchte. Dass er berühren und berührt werden möchte.

Sebastians ganz persönliche Geschichte

Auf der Fachtagung, die die Spastikerhilfe Berlin eG zum Thema "Behinderung & Sexualität – Vom Tabu zur Umsetzung" durchführte, erzählt Sebastian seine persönliche Geschichte. Das heißt, seine Assistentin Ute Blume, die Mitarbeiterin eines Wohnheims der Spastikerhilfe ist, spricht für ihn – so wie er es ihr vorher versucht hat zu erklären: "Ich möchte Ihnen mit meinem Vortrag einen ganz privaten Einblick über die für mich als schwerstbehinderten Menschen schwierige Situation geben, Nähe, Liebe und Sexualität zu erfahren. Ich werde darüber referieren, welche Möglichkeiten es für mich gab, gibt und geben wird, Sexualität zu erleben, über die Einsicht, dass auch ich als behinderter Mensch ein Recht auf Sexualität habe, ohne mich dafür zu schämen. Und was ich mir für die Zukunft auf diesem Gebiet erhoffe und wünsche."

Er berichtet davon, wie er als junger Mann in eine Einrichtung der Spastikerhilfe Berlin zieht, fort aus seinem sehr behüteten Elternhaus. Wie er hier zum ersten Mal mit dem Thema Sexualität konfrontiert wird. Wie er an Gesprächskreisen, an Singletreffs und Sex-Picknicks teilnimmt. Und wie er sich verliebt. Irgendwann funktioniert es nicht mehr mit den beiden. Schließlich bekommt er erstmals Kontakt mit einer Sexualbegleitung, die er inzwischen regelmäßig zweimal im Jahr in Anspruch nimmt. Und er findet eine neue Freundin und Kollegin in der Werkstatt, die ebenfalls sehr schwer behindert ist. Unterhalten können sich die beiden nur mit Unterstützung von ihren Assistentinnen und den Symbolkarten. Was zählt, ist das Zusammengehörigkeitsgefühl, das gegenseitige Berühren, nicht die Sexualität als solche.

Thema Sexualität aus der Tabuzone ins Bewusstsein rücken

Es ist in unserer Gesellschaft immer noch so: Über das Thema Sexualität von schwerstbehinderten Menschen redet man lieber nicht. Dahinter stecken die unterschiedlichsten Ängste. In der Spastikerhilfe Berlin, die bereits 1958 zunächst als Selbsthilfeorganisation von Eltern behinderter Kinder, Therapeuten und Ärzten gegründet wurde und in der heute Menschen mit körperlichen und/oder geistigen Behinderungen in unterschiedlichen gemeindenahen Wohneinrichtungen leben und betreut werden, gibt es allerdings einen sehr offenen Umgang mit diesem Thema. Hier wurde im Jahre 1992 die Arbeitsgruppe Behinderung & Sexualität gegründet, nachdem eine Bewohnerin mit konkreten Wünschen nach Sexualbegleitung eine längst fällige Auseinandersetzung mit diesem Thema anschob. Die Bitte dieser stark körperbehinderten Frau an eine Betreuende, ihr bei der Selbstbefriedigung zu helfen, löste viele Fragen aus: Inwieweit können, dürfen, müssen die Betreuenden zum Beispiel auch auf diese Wünsche und Bedürfnisse eingehen? In welchem rechtlichen Rahmen bewegt man sich dabei? Die AG einigte sich dabei auf die Grundposition, dass eine selbstbestimmte und aktive Sexualität auch für Menschen mit Behinderungen eine Selbstverständlichkeit sein muss und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Spastikerhilfe dabei soweit wie möglich Unterstützung geben.

Nicht zuletzt das Beispiel von Sebastian Knorr zeigt, dass durch die Arbeit der AG inzwischen vieles selbstverständlicher geworden ist, was noch vor wenigen Jahren undenkbar erschien. Das Thema Sexualität ist aus der Tabuzone ins Bewusstsein gerückt. Jedenfalls innerhalb der Spastikerhilfe, nach deren Definition Sexualität das ganze Spektrum sinnlichen Erlebens vom positiven Körpergefühl und Wohlfühlen, z. B. beim Baden oder einer Massage, über die Erkundung von Möglichkeiten zur Selbstbefriedigung bis hin zu einer externen Sexualbegleitung oder der Organisation eines Bordellbesuches umfasst. Dass das nicht immer einfach umzusetzen ist, kann man sich gut vorstellen. Das kann Gefühle von Unsicherheit und Überforderung hervorrufen. Wie geht man mit den Dingen um? Macht man lieber die Augen zu? Oder versucht man heimlich, die Menschen mit Behinderung zu unterstützen? Hier mangelt es noch in vielen Fällen an Handlungssicherheit und Handlungskompetenz.

Es fehlen gesetzliche Rahmenbedingungen

Die Erfahrungen der Spastikerhilfe Berlin eG zeigen, dass die Sensibilisierung für und der Umgang mit diesem Thema in vielen Bereichen noch in den Kinderschuhen steckt und eher dem Engagement von einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu verdanken ist. Um die sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit schwersten Behinderungen zu ermöglichen und zu fördern, diese Menschen aber auch vor Übergriffen zu schützen, gibt es die Überlegung der Spastikerhilfe, ein Gütesiegel "Sexualität und Beeinträchtigung" zu kreieren und festzuschreiben. Der Verein Senia aus Oberösterreich, der sich für eine selbstbestimmte Sexualität für Menschen mit Beeinträchtigung engagiert, hat es bereits geschafft, so ein Gütesiegel gemeinsam mit der Sozialabteilung des Landes Oberösterreich als Qualitätsstandard zu etablieren. Eine Tatsache, die auch in Deutschland, so der Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit der Spastikerhilfe, Sieghard Gummelt, dringend notwendig wäre, damit die Grundbedürfnisse nach Liebe, Nähe und Sexualität auch für Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen selbstverständlich werden.


Mehr zum Thema:
Die Spastikerhilfe Berlin eG
Die Arbeitsgemeinschaft für selbstbestimmtes Leben schwerstbehinderter Menschen e.V. mit dem Projekt "Sexybilities"
Das Internetportal MyHandicap zum Thema Familie, Partnerschaft & Sexualität
Behinderung und Sexualität: Noch immer ein Tabu. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über Behinderungen von Sexualität
Sex and the wheelchair. Ein Blogbeitrag von Petra Strack über die Sexualität von Frauen mit Behinderung
Der Dokumentarfilm "Rachels Weg. Aus dem Leben einer Sexarbeiterin" beim bundesweiten Filmfestival "überall dabei" der Aktion Mensch


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Hallo Frau Glasow,

bei diesem Artikel handelt es sich um einen ganz toll geschreibenen text, der zunehmend die Sexualität und die damit verbundenen Problematik von Schwerstbehinderten beschreibt. Meiner Meinung nach hat jeder Mensch egal, welcher Hautfarbe oder Kultur ein Recht auf seine Sexualität. Im ersten Artikel unseres Grundgesetzes steht ja geschreiben, dass jeder Bürger eine unantasbare Würde hat. Die sollte auch für Behinderte gelten, auch wenn sie körperlich nicht dazu in der Lage sind, sich sexuell auszudrücken. Es wird auch Zeit, dass die Regierung sich mehr für die recht für Behiniderte einsetzt, um eine vielfältigere Gleichberechtig zu unterstützen.

Mit freundlichen Grüßen
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