Gib dem anderen eine Chance!

Oder: Wie inklusiv sind Menschen mit Behinderung?
 

„Mad + Disability Pride Parade“ in Berlin: Verstecken war gestern

Sozialfotografie [►] StR / flickr.com

Wir reden alle von Inklusion – Menschen mit Behinderung, Menschen ohne Behinderung, Politiker, Pädagogen, Eltern behinderter Kinder, Integrationshelfer, Assistenten, manchmal sogar Architekten, Arbeitgeber. Die Liste ließe sich unendlich ergänzen. Wer nicht von Inklusion redet, ist nicht „up to date“. Der hat nicht begriffen, worum es geht. Dass wir doch ALLE von Anfang an alles gemeinsam tun wollen. Gleichberechtigt. Doch ich frage mich: Wenn wir alle davon reden, wenn wir es angeblich alle wollen, warum ist dann die Umsetzung so schwer? Und ich frage mich auch: Tun wir Menschen mit Behinderung selbst genug dafür, dass Inklusion gelingen kann?

Ich kann – und will – nur für mich selbst sprechen, darüber, was die Auseinandersetzung mit diesem Wort bei mir ausgelöst hat. Bei mir, die ich in einem Elternhaus aufwuchs, in dem man Behinderung gern weggedacht hätte. Die ich 12 Jahre lang Sonderschulen für Körperbehinderte besuchte. Parallelwelten. Was in mir die Erkenntnis reifen ließ, dass ich in der „normalen“ Welt nicht willkommen bin. Dass ich mich hinten anzustellen habe. Als ich im Studium erstmals von nur „nichtbehinderten“ Kommilitonen umgeben war, verstand ich die Welt nicht, wusste nicht, wie ich mich „normal“ verhalten sollte. Und ich begriff deshalb auch nicht, dass die anderen genauso unsicher waren wie ich. In jener Zeit begann ich, Kurzgeschichten zu schreiben, die ich mitunter auf einer öffentlichen Lesebühne vorstellte. Diese Kurzgeschichten waren, so muss ich heute sagen, recht düster, handelten von Frauen mit Behinderung, von ihrer Sehnsucht nach Liebe, dem Wunsch dazuzugehören. Irgendwann fragte mich ein Zuhörer aus dem Publikum: Warum schreiben Sie so? Warum ermuntern Sie andere nicht einfach mit Ihren Geschichten? Warum zeigen Sie nicht, wie ein Dazugehören gelingen kann?  

Im Mauseloch des Selbstmitleides

Ich war empört über diese Kritik. Hatte er denn gar nichts verstanden von dem, was ich da schrieb? Hatte er nicht begriffen, wie einsam und verzweifelt man als Frau mit Behinderung sein konnte? Wie es schmerzte, immer auf seine Behinderung zurückgeworfen zu werden? Wie sollte ich denn da noch fröhliche, Mut machende Geschichten schreiben? Warum bemerkte denn niemand, wie ich mich fühlte als Frau, die immer alle Blicke auf sich zog? Und das nicht, weil ich so überaus schön war, sondern weil ich mit meinem watschelnden Gang und meinen kurzen Beinen einfach aus der Norm fiel. Wie sollte ich Mutmach-Geschichten schreiben, wenn ich doch selbst gar nicht wusste, wie ein wirkliches Dazugehören funktionierte?

Wie sehr ich mich selbst mit meiner Denkweise ausgrenzte, begriff ich nicht. Zu stark wirkten die Erfahrungen, die Verletzungen aus der Vergangenheit. Dieser Wunsch, dass die anderen doch sehen mögen, dass es mir nur darum ging dazuzugehören, war übergroß. Doch er wurde nicht erfüllt. Er konnte auch nicht erfüllt werden, weil die anderen gar nichts von diesem Wunsch wussten, denn ich sprach ja nicht darüber. Und weil sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren. So saß ich im Mauseloch meines Selbstmitleides und leckte meine Wunden.

Verstecken war gestern

Wie heißt es doch so schön: Hoffen und Harren hält manchen zum Narren. Irgendwann war mir jedenfalls klar, dass niemand kommen würde, um mich aus meinem Dornröschenschlaf zu erwecken. Ich musste mich schon selbst auf den Weg machen. Ich musste mich verändern, begreifen, dass es in dieser „normalen“ Welt sehr viele Menschen gab, die mich willkommen hießen. Ich musste durch eine unsichtbare Tür gehen und es wagen, mich zu zeigen, auch auf die Gefahr hin, neue Verletzungen zu erfahren. Und ich spürte: Je mehr ich mich öffnete, den anderen die Chance gab, mich kennen zu lernen, zu verstehen, umso offener gingen auch sie mit mir um.

Was ich damit sagen will? Wir Menschen mit Behinderung sind oft gefangen in unserer Angst, immer wieder daran gemessen zu werden, welche Leistung wir bringen. Ob wir die Dinge kognitiv verstehen. Wie „normal“ wir sind. Aber auch wenn wir immer wieder in die Schublade geschoben werden mit dem Vermerk „behindert“, ist es umso wichtiger, dass wir uns öffnen und uns in inklusiven Strukturen selbst weiterzuentwickeln. Das heißt für mein Verständnis, dass wir aus dem Mauseloch des Selbstmitleids herauskommen und es lernen müssen, über den eigenen Tellerrand, sprich über unsere eigene Behinderung hinaus zu denken. Das übersehen wir oft. Wir Menschen mit Behinderung fordern immer wieder, dass sich die Gesellschaft ändern soll. Das ist auch eine wichtige, unumgängliche Forderung. Unter Gesellschaft verstehen wir aber oft die nichtbehinderten Menschen. Wenn wir es aber nicht schaffen, nicht wagen, uns zu dieser Gesellschaft dazu zu zählen, wird Inklusion nicht gelingen. Wir selbst müssen uns verändern. Verstecken war gestern. Ab heute ist Einmischen angesagt!

 

Linktipps:

Behindert und verrückt feiern. Ein Bericht im Blog von Wiebke Schönherr über die „Mad + Disability Pride Parade“ in Berlin

Inklusion:Wer muss sich denn nun anpassen? Ein Blogbeitrag von Petra Strack über den Anteil von Menschen mit Behinderung an der Inklusion

Inkludiere dich selbst. Anastasia Umrik überlegt im Blog, dass es nicht immer an den "Nicht-Behinderten" liegt, wenn es mit der Inklusion hakt

Überall nur blaue Autos. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen über Menschen, die noch nie von Inklusion gehört haben – und die Konsequenzen für die, die sich ständig damit beschäftigen

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