Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Gemeinsam Lernen an der Uni

Ein Seminar an der Universität Hannover bringt Studierende und Berufstätige mit geistiger Behinderung zusammen

Gruppenarbeit im Seminar: Ein großes Stück Selbstvertrauen Foto: Sarah Springstein

Für ein paar Stunden pro Woche können Studierende der Sonderpädagogik an der Uni Hannover all die komplizierten Termini ihres Faches vergessen. Sie sollen es sogar, wenn sie das Seminar „Politik: Demokratie und Möglichkeiten zur Mitbestimmung von behinderten Menschen“ besuchen. Denn in diesem Seminar sitzen auch berufstätige Menschen mit Behinderung – und folglich lautet die oberste Regel: Für alle verständlich sprechen!

„Die Studierenden, die mehrheitlich Lehrer werden wollen, erleben in diesem Seminar als Lernende, worauf es in inklusiven Gruppen ankommt – und können später im Berufsleben auf diese Erfahrungen zurückgreifen“, sagt Dorothee Meyer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sonderpädagogik.

Zertifiziertes Selbstvertrauen

Sie leitet in diesem Sommersemester zum dritten Mal das „Gemeinsam Lernen“-Seminar, an dem 18 Studierende sowie 12 Menschen mit Behinderung teilnehmen. Diese arbeiten in Werkstätten in und um Hannover und nutzen das Seminar als Angebot zur Erwachsenenbildung. Ein Zertifikat bescheinigt ihnen am Ende, was sie im Laufe des Semesters kennen gelernt und erlernt haben: Wie es an einer Universität zugeht. Wie man in einer Gruppe spricht und arbeitet und wie man eine Gesprächsrunde moderiert. Wie man sich ein Thema für eine Gruppenarbeit ausdenkt, wichtige Inhalte aus einem Text zieht und die Projektarbeit dann vorstellt.

Was nicht im Zertifikat steht: dass die Teilnehmer mit Behinderung ein großes Stück Selbstvertrauen gewinnen, wie Dorothee Meyer immer wieder erlebt. Der junge Mann beispielsweise, der im zweiten Durchlauf des Seminars eine Rolle als Tutor übernahm. Oder die junge Frau, die sich nach langem Zögern in eine berufliche Qualifizierung traute, nachdem sie gemerkt hatte: „Ich komme gut klar in einer neuen Gruppe. Die anderen nehmen mich ernst.“

Mut haben, Fragen zu stellen

Für ein gutes Klima im Seminar tun Dorothee Meyer und die beiden studentischen Hilfskräfte einiges: Sie achten auf eine verständliche Sprache und ermutigen alle, Fragen zu stellen. Sie schieben während der 6-stündigen Sitzungen mal ein Spiel oder Biografie-Arbeit ein, um die Atmosphäre zu lockern und damit die Teilnehmer sich besser kennen lernen. Und sie haben die Seminar-Freitage um ein Kompaktseminar mit Übernachtung bereichert: „Der Aufenthalt in einem Jugendgästehaus stärkt den Zusammenhalt der Gruppe. Und man hat dort viel Zeit, den Startschuss für die Projektarbeit zu geben.“

Denn an jenem Wochenende wird intensiv gearbeitet. Im laufenden Sommersemester widmen sich die Teilnehmer unterschiedlichen Projekten: Die einen arbeiten einen Vortrag zu den Menschenrechten aus, andere übersetzen diese in Leichte Sprache und veröffentlichen sie auf einer Internet-Seite. Eine dritte Gruppe erstellt eine Präsentation zu den Unterschieden im Wahlrecht für Menschen mit und ohne Behinderung, eine weitere Gruppe hat eine Umfrage zu Jugendkriminalität geführt, und die fünfte Gruppe beschäftigt sich mit dem Thema Bewohnervertretung.

Seminarleiterin Dorothee Meyer und ihre Hilfskräfte beobachten den Arbeitsprozess und reflektieren zwischendurch in den Gruppen: „Wer macht engagiert mit, wen muss der Moderator noch besser einbinden, wer kann welche Aufgabe übernehmen?“
Noch eine Lektion darin also, worauf es im späteren Leben als Lehrer ankommt!


Linktipps:
Das Seminar „Gemeinsam Lernen“ für Studierende und Menschen mit geistiger Behinderung an der Universität Hannover
Inklusion studieren: Übersicht der Universitäten und Fachhochschulen, die Bachelor- und Masterstudiengänge sowie Weiterbildungsmöglichkeiten zum Thema Inklusion anbieten
Mit den Menschen reden – nicht über sie! Ein Blogbeitrag von Eva Keller über ein Projekt, in dem Dozenten mit Behinderungen Studierenden erklären, was es heißt, mit einer Behinderung zu leben
Master of Inklusion? Ein Blogbeitrag von Eva Keller über Aus- und Weiterbildungsangebote zum Thema Inklusion
Emanzipation der „Disability Studies“. Ein Blogbeitrag von Wiebke Schönherr über die erste Juniorprofessorin dieser Fachrichtung in Deutschland und den wissenschaftlichen Begriff von Behinderung

Bisher hat noch kein Besucher diesen Beitrag kommentiert – mach du den Anfang!


Mit Aktion Mensch-Nutzerkonto

Melde dich an und diskutiere mit!

Als Gast

Gib deinen Namen oder ein Pseudonym sowie deine E-Mail-Adresse an und kommentiere als Gast:

Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.


Filter

Schlagwort


Tags

In Vorfreude Gutes tun

Dein perfektes
Weihnachtsgeschenk

Ein Jahreslos der
Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen

Noch kein
Geschenk?