Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Gar nicht so einfach: Leben mit Assistenz

 

Bloggerin Anastasia Umrik: Keine Grenzen. Absolut keine! Foto: Anna-Lena Ehlers

„Wie flirtet ein Leprakranker?“, fragt sie, und kann vor Lachen kaum sprechen. Ich kann vor Lachen nicht raten und zeige mit den Händen, dass ich keine Ahnung habe. „Er wirft ein Auge auf sie!“, löst sie auf, und wir beide kriegen uns vor Lachen nicht ein. Ein Witz nach dem nächsten folgt, die Augen tränen, der Bauch schmerzt.
Dann klingelt mein Telefon. An der Nummer erkenne ich, dass es ein langes Gespräch sein wird, und das Lachen ist aus meinem Gesicht verschwunden. Ich sage: „Machst du mal bitte die Tür zu?“, und erkläre nicht, warum. Das muss sie nicht wissen, auch nicht, wer anruft.

Es ist nicht einfach, eine persönliche Assistentin zu sein

Stellen Sie sich vor, Ihre Schicht beginnt um eine Uhrzeit, die der Arbeitgeber bestimmt (so weit, so gut – das ist üblich). Ihre Schicht geht ca. 12 bis 24 Stunden, und in diesen Stunden sind Sie lediglich für Ihren Arbeitgeber und dessen Bedürfnisse zuständig. Bei Ihrer Ankunft am Arbeitsplatz wissen Sie nur selten, was Sie in diesen Stunden erwartet: Bleibt Ihr Arbeitgeber zuhause oder geht er die ganze Nacht feiern? Hat der Arbeitgeber heute gute oder schlechte Laune? Ihre Laune – egal, ob gut oder schlecht – zählt an diesem Tag kaum. Sie müssen sich anpassen können. Wenn Sie müde sind oder Liebeskummer haben, Ihr Arbeitgeber aber Freunde zu Besuch hat, die er bekochen möchte, dann müssen Sie ihm Ihre Hände zur Verfügung stellen und seine Anweisungen ausführen. Oft führt Ihr Arbeitgeber Gespräche, nimmt an spannenden Diskussionen und Veranstaltungen teil, bei denen Sie am liebsten mitmischen und Ihre Meinung sagen würden, aber es ist bei dieser Art der Arbeit nicht erwünscht. Ihre Meinung ist nicht gefragt, denn Sie sind lediglich „Hand und Fuß“, der Schatten und quasi „nicht da“. Morgen, wenn Sie nach Hause gehen, wird Ihr Arbeitgeber kein Teil Ihrer Privatsphäre sein, kein Bestandteil Ihres Lebens – lediglich ihr Job.

Es ist nicht einfach, ein Arbeitgeber zu sein

Heute ist ein ganz schlechter Tag. Ich bin müde, ich habe schlecht geschlafen und würde am liebsten im Bett bleiben. Ich habe Liebeskummer. Ich fühle mich dick. Paradoxerweise würde ich aber auch gerne laut Musik aufdrehen, nackt durch die Wohnung tanzen und mir beim Zähneputzen die Beine rasieren, während ich im Kochbuch blättere und gleichzeitig einen Porno angucke.
Nein. Es ist kurz vor voll, und gleich ist Schichtwechsel. Die heutige Assistentin ist toll, offen, wir verstehen uns wunderbar! Wir freuen uns beide jedes Mal sehr auf ein Wiedersehen und quatschen wie Freundinnen über Dies und Jenes. Aber heute will ich allein sein, niemanden sehen und schon gar nicht von jemandem angefasst werden. Morgen wird es mir bestimmt besser gehen, aber morgen ist die eher ruhigere Assistentin da ... Und überhaupt ist das alles nicht einfach: Ich muss ständig JEDE Kleinigkeit kommunizieren. Sei es, welches Glas ich möchte oder welchen Kugelschreiber. Ich muss genau formulieren können, wie ich die Wäsche waschen möchte und auf welche Art und Weise der Herd geputzt werden soll. Und neben den oben erwähnten Sachen muss ich auch noch den üblichen Pflichten eines Arbeitgebers nachkommen: Pläne erstellen und das Geld pünktlich zahlen. Na, wenn sonst nichts ist! Aber irgendwas ist ja immer.

... ich will es nicht missen!

Obwohl ich oben eine eher negative Stimmung beschrieben habe, assoziiere ich die Assistenz mit dem Begriff „Freiheit“. Seit ich die Assistenz habe, gibt es für mich keine Grenzen. Absolut keine! Ich reise, ich gehe aus, ich führe meinen Haushalt nach meinen Gewohnheiten und lebe. Ja, alles ganz „normal“, beinahe langweilig, mein Leben.

Und wenn ich an all die Menschen denke, die mir gerade durch meine Situation und „Abhängigkeit“ von der Assistenz über den Weg gelaufen und ans Herz gewachsen sind ... dann finde ich die negativen Argumente dagegen lächerlich. Niemals möchte ich es missen, meine lieben Assistentinnen zu haben.

Danke. An alle.


Linktipps:
Der Ratgeber "Wege zur Assistenz" des Bundesverbands Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen (ForseA) (PDF-Dokument)
Arm ab = arm dran? Ein Blogbeitrag von Petra Strack zum Thema Finanzierung von Persönlicher Assistenz
Leben mit persönlicher Assistenz. Ein Blogbeitrag von Petra Strack über den Unterschied zwischen Betreuung und Assistenz
Ziemlich beste Assistenten. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen über den Kinofilm "Ziemlich beste Freunde" und das Leben mit persönlicher Assistenz
Roboter versus Assistent? Eine Überlegung, Roboter „R2D2“ zum Assistenten auszubilden. Ein Blogbeitrag von Marie Gronwald über ein Gedankenexperiment


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Andi

Sehr interessanter Artikel!
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Lars

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Heike

Ich bin Mutter, pflege meinen Sohn : 100%körperbehinder, berufstätig,eigene Wohnung. Für mich hat jeder Tag 24 Stunden und ich habe eine sieben Tage Woche.Wenn ich zwei mal im Monat einen freien Tag haben kann bin ich glücklich. Da ich gesundheitlich nicht mehr so fit bin wie noch vor 10 Jahren wird es über kurz oder lang notwendig sein das mein Sohn sein Leben mit persönlicher Assistenz leben muss....ich lebe ja nicht ewig.
Mir wird Angst bei dem Gedanken.... Jeden Tag aufs neue kämpfen..... Ich habe keine Kraft mehr......irgendwann möchte ich auch mal über mein Leben selbst bestimmen können.....

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