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Fulminanter Ausbruch in Gebärdensprache

„Freunde zum Essen“ von Donald Margulies wird erstmals in Deutscher Gebärdensprache gezeigt – und simultan in Lautsprache übertragen. Ein Probenbericht.

„Freunde zum Essen“ mit Bettina Kokoschka (l.) und Isabella Fess: Ein Stück gelebte Inklusion

Es ist früher Abend, Pizzakartons stapeln sich auf den Tischen, allen Beteiligten steht die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben: Seit über vier Stunden schon proben die Darsteller und Ute Sibylle Schmitz vom Verein „Die Visionäre“ die Szenen ihres neuen Stückes. Doch allzu lange darf die Pizzapause nicht dauern, schließlich soll in sechs Wochen Premiere sein. „Weiter geht´s“, gebärdet die Regisseurin ihren Darstellern aufmunternd zu. Schnell noch einen letzten Bissen, einen Schluck Wasser nehmen, dann geht´s wieder zurück auf die Bühne.

Auch dort dreht sich nun alles ums Essen: Gerd (Steffen Thiede) und Karin (Isabella Fess) sind gerade aus Bayern zurückgekommen und schwärmen ihrer Freundin Moni (Bettina Kokoschka) von leckeren bayerischen Weißwürsten vor. Doch die hat eigentlich ganz anderes im Kopf: Ihr Mann Tom (Andreas Nienkemper) hat eine Freundin, er und Moni werden sich trennen. Doch Moni hat Tom versprochen, den gemeinsamen Freunden vorerst nichts davon zu sagen. Und während die Freunde einander nun mit immer neuen Beschreibungen ihrer kulinarischen Urlaubsfreuden zu übertrumpfen suchen, wird Moni immer stiller. Eindringlich verkörpert Bettina Kokoschka dieses innere Winden: Hier der mühsame Versuch, wenigstens ein höfliches Interesse für Gerds und Karins Schwärmereien aufzubringen, dort die wachsende Verzweiflung über die eigene gescheiterte Beziehung, die sich schließlich in einem fulminanten Ausbruch Bahn bricht.

Expressives, poetisches Theater in Gebärdensprache

Es ist ein expressives, poetisches Theater, das hier zu sehen ist. Und es ist keine Pantomime. Untereinander und für ihr gehörloses Publikum gebärden die Darsteller den Text des Stückes, das Ute Sybille Schmitz eigens für diese Produktion in Deutscher Gebärdensprache übertragen hat. Für die hörenden Zuschauer werden die Dialoge während der Aufführung zusätzlich simultan von vier Sprecherinnen in Lautsprache übertragen.
„Die meisten Hörenden wissen ja überhaupt nicht, was mit der Gehörlosenwelt ist, und denken immer, wir leben ganz komisch. Mit unserem Theaterstück können wir zeigen, dass die Gehörlosenwelt eigentlich genauso ist wie die hörende Welt“, freut sich Isabella Fess. Auch ihr Spielpartner Steffen Thiede schätzt an „Freunde zum Essen“, dass das Stück nah an der Lebensrealität vieler – gehörloser wie hörender – Paare sei und auch Dinge zeige, die sonst eher verschwiegen würden: „Das ist das Schöne daran.“
Anstrengend sei es vor allem, Proben und Leben unter einen Hut zu bringen, da sind sich alle einig. „Die Zeit ist verdammt knapp. Wir rennen zur Arbeit, kommen hierhin, rennen wieder zur Arbeit zurück. Dann müssen wir wieder zum Theater“, berichtet Thiede, der seit über zehn Jahren als Dozent für Gebärdensprache arbeitet. Denn obwohl alle vier viel Erfahrung im Spielen haben und schon bei mehreren Kurzfilmen dabei waren, ist keiner der Darsteller Vollprofi. Auch finanziell wurde es vor zwei Monaten plötzlich eng: „Wir dachten schon, wir müssten die Produktion kippen – jetzt arbeiten wir ehrenamtlich weiter“, erzählt Regisseurin Ute Sybille Schmitz. Die anfallenden Kosten bezahlt sie einstweilen aus eigener Tasche – allein 900 Euro hat das Holz für das Bühnenbild gekostet. Schmitz hofft nun auf die Eintrittsgelder und auf die Bewilligung eines Förderantrags über 4.000 Euro, den der Verein „ Die Visionäre“ kürzlich bei der Aktion Mensch für das Projekt gestellt hat.

Hörende und Gehörlose – komplett gemischt

Über 20 Mitglieder umfasst das Produktionsteam für „Freunde zum Essen“ insgesamt. Ihre Arbeit ist ein Stück gelebter Inklusion. Hörende und Gehörlose kümmern sich gemeinsam um Bühnenbild, Kostüm, Maske, Requisite, Technik und Produktionsleitung, dazu kommen die vier Sprecherinnen und ihr Coach. Unter den Darstellern ist Andreas Nienkemper der einzige Hörende. Im Stück spielt er einen hörenden Mann, der mit einer tauben Frau zusammen ist – und ihr immer wieder vorwirft, dass sie ihm nicht zuhöre. „Ich glaube, dass viele Gehörlose immer wieder auf diese Schwäche angesprochen und damit konfrontiert werden“, sagt er. Bettina Kokoschka, die selbst von Geburt an gehörlos ist, kennt solche Konflikte aus dem eigenen Bekanntenkreis. Umso wichtiger ist ihr, dass die Aufführung auch in Lautsprache übertragen wird: „So ist unsere Publikum komplett gemischt – Hörende und Gehörlose, das finde ich schön.“ Und Isabella Fess ergänzt: „Unsere Aufführung ist offen und barrierefrei – auch für Rollstuhlfahrer oder Blinde. Es ist einfach Theater für alle.“

Was die vier Darsteller verbindet, ist vor allem der Spaß am gemeinsamen Spielen. Und so sind alle wieder dabei, als Ute Sibylle Schmitz in die Runde fragt: „Könnt ihr noch? – Gut, dann geht es in fünf Minuten weiter mit der nächsten Szene.“
Die Erschöpfung? Ist wie weggeblasen.


Karten für die Aufführung am 2. November um 20.00 Uhr im Babylon gibt es bei allen Berliner Theaterkassen, im Kino Babylon und deutschlandweit unter www.eventim.de (Vorverkauf 15,– Euro, Abendkasse 18,– Euro).


Linktipps:
Mehr zum Theaterstück „Freunde zum Essen“ des Vereins „Die Visionäre“
Singen mit den Händen. Ein Blogbeitrag von Katja Hanke über eine Lernsoftware, die gehörlosen und schwerhörigen Kindern Lieder beibringt
Gebärdensprachpoesie, Kurzfilme, Tanz und Musik. Ein Blogbeitrag von Eva Keller über Eyk Kauly, Entertainer mit Hörschädigung, und seine Show für Hörende und Gehörlose
Ein visueller Klangteppich fürs Ballett. Ein Blogbeitrag von Steffi Wulff über das Staatstheater Saarbrücken, bei dem gehörlose Menschen Tanz und Ballett nicht nur sehen, sondern auch die Musik erfahren können
"Wir werden weiter kämpfen!" Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über die Aktion Gebärdensprache am 14. Juni 2013 in Berlin
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